Kolumne vom 09.01.2017 - Nr. 438


Javier Marias

daumen rauf

Keine Liebe mehr

Keine Liebe mehr

In einer Erzählung wundert man sich über einen Ehemann, der wie besessen seine wunderschöne Frau filmt, das Gefilmte aber täglich löscht, um sie am nächsten Tag wieder dabei zu filmen, wie sie sich in ihrem zu knappen Bikini am Strand rekelt. In einer anderen gibt dem Autors alter Ego Roy Berry Elvis Presley am Filmset von „Holiday in Acapulco“ Spanischunterricht, aber was so harmlos beginnt, endet in einer rüden Schlägerei. In einer weiteren liest man über einen Mann, der in seinem Bekannten sich erkennt und ihn das schockiert. Er muss anders werden, um nicht so wie sein Gegenüber zu sein. Dann sind da noch ein von einer afrikanischen Lanze durchbohrtes Paar, eine Pornoschaupielerin, ein Butler, der in einem New Yorker Aufzug steckenbleibt - mysteriöse Ärzte, wollüstige Ehefrauen, Bodyguards und Gespenster.

Es gibt keinen Autor auf der Welt, der so erzählt wie Javier Marias! Javier Marias bedeutet, Literatur in seiner schönsten Form zu lesen. Sie funkelt wie ein Diamant! Nach seinen grandiosen Romanen folgt nun ein Buch mit gesammelten Erzählungen, bereits erschienene und neue. 30 an der Zahl. Die 23 „Akzeptierten Erzählungen“ sind länger, die 7 „Akzeptablen Erzählungen“ kürzer. Zeitlich beginnt es mit „Leben und Tod des Marcelino Iturriaga““ aus dem Jahr 1968 und endet mit „In Ungnade gefallen“ aus dem Jahre 2005. Javier Marias’ Geschichten nehmen einen sofort für sich ein, auch wenn es nur Kurzgeschichten sind. Das gelingt nicht vielen Autoren, die Kurzgeschichten veröffentlichen. Doch der Spanier weiß immer mit seinem einzigartigen Stil und mit seinen intensiv gezeichneten Figuren zu überzeugen.

S. Fischer, 509 Seiten; 24,00 Euro


Richard Flanagan

daumen runter

Die unbekannte Terroristin

Die unbekannte TerroristinIn einem Fußballstadion werden drei Bomben entdeckt, und Gina Davis verbringt eine Nacht mit einem Fremden. Als sie aufwacht, ist der Mann verschwunden und sie eine mutmaßliche Terroristin. Noch bevor sie sich stellen und alles aufklären kann, entgleitet ihr die Kontrolle über ihr gesamtes Leben. Wer soll ihr noch glauben? Sogar sie selbst kann sich der endlosen Schleife der Fernsehbilder kaum entziehen: Tariq und sie auf den Bildern der Überwachungskameras, Schnitt. Die Bomben im Stadion, Schnitt. Anschläge in Städten auf der ganzen Welt. Gina wird klar, dass diese gigantische politische und mediale Maschinerie nicht mehr zu stoppen ist. In nur drei Tagen ist aus ihr ein vollkommen anderer Mensch geworden: Sie ist der Feind. Sie ist die Angst vor der Bedrohung durch das Unbekannte, das unsere Welt dieser Tage in Schrecken versetzt.

Ein Roman auf den ich sehr gespannt war. Er trifft ja – leider – so das, was gerade auf unserer Welt passiert. Doch schon nach dem ersten Fünftel des Romans ist einem klar, dass dieser Roman einfach schlecht aufgebaut ist und die Figuren ein schlechter Witz sind. Die Story an sich hat natürlich mächtig Potenzial, aber so wie der Australier Richard Flanagan diese Story erzählt, wird daraus ein mittleres Fiasko. Welch riesengroßes Potenzial har der Autor hier verschenkt! Da kann man nur den Kopf schütteln. „Die unbekannte Terroristin“ wurde bereits 2006 in Australien veröffentlicht und erst nach dem grandiosen Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ von Richard Flanagan nun auf Deutsch übersetzt. Es kommt somit auch noch hinzu, dass der Roman in dieser Form überholt ist. Der Terror und die Technik haben sich in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt.

Piper, 330 Seiten; 22,00 Euro


Claire Vaye Watkins

daumen rauf

Gold, Ruhm, Zitrus

Gold Ruhm Zitrus Niemand kann sagen, wann es das letzte Mal in Kalifornien geregnet hat. Das Land liegt unter einer gigantischen Dünenformation begraben, die Bewohner werden, teils mit Waffengewalt, teils durch undurchsichtige bürokratische Vorschriften davon abgehalten, in fruchtbarere Regionen zu ziehen. Einige Überlebende hausen in den Villen und Bungalows, die andere verlassen haben, und leben von Notrationen. Auch Luz und Ray gehören zu ihnen. Als das Schicksal ein zweijähriges Mädchen namens Ig in ihre Hände legt, ändert sich für sie alles. Luz, ehemaliges Model, will des Kindes wegen die Flucht nach Osten wagen, ihr Freund Ray, Kriegsveteran und Surfer, unterstützt sie trotz seiner Vorbehalte. Spätestens als sie in den Weiten der Amargosa-Wüste auf eine sektenartige Kommune und ihren charismatischen Anführer stoßen, wird klar, dass Gefahr nicht nur von der erbarmungslos brennenden Sonne ausgeht.

Eine literarische Dystopie, die enorme Schauwerte hat und zwischen den Zeilen eine weitere Geschichte erzählt. Was passiert, wenn wir mit der Erde weiter so umgehen, wie wir das jetzt tun? „Gold, Ruhm, Zitrus“ zeigt eine dramatische Möglichkeit auf. Einer von vielen Romanen, die auch Donald Trump lesen sollte. Das kann mit „seinem“ Amerika passieren, wenn man denkt, das mit dem Klimawandel sei alles Hokuspokus. Der jungen Amerikanerin Claire Vaye Watkins ist mit „Gold, Ruhm, Zitrus“ ein echt moderner und literarischer Hingucker gelungen, den man so zuvor noch nicht gelesen hat.

Ullstein, 412 Seiten; 24,00 Euro


Phil Collins

daumen rauf

Da kommt noch was – Not Dead Yet

Phil Collins - Da kommt noch was  Not Dead Yet

Nur drei Musiker weltweit haben als Solokünstler und mit ihrer Band jeweils über 100 Millionen Tonträger verkauft – Phil Collins ist einer von ihnen. „Another Day in Paradise”, “You Can’t Hurry Love, “One More Night”, “Sussudio” – große Songs mit großen Geschichten. Mit „In the Air Tonight“ etwa hat der Ausnahmemusiker das Ende einer seiner drei Ehen in einen zeitlosen Hit verwandelt. Überhaupt – dieses Leben! Phil Collins erzählt von einem Filmdreh mit den Beatles, von Sessions mit Eric Clapton, Tina Turner und Adele, von der großen Zeit mit Genesis und davon, wie er auf einer Tournee heiratet, um sich später via Fax wieder scheiden zu lassen – und Jahre darauf gänzlich im Alkohol zu ertrinken.

Phil Collins gehörte über Jahrzehnte zu den ganz Großen im Musikbusiness. Seine Hits sind für immer unvergessen und er hat einen ganz eigenen Stil geprägt. Einen Phil-Collins-Song hört man sofort heraus. So hervorstechend ist auch seine Autobiographie. Das Leben im Musikbusiness bot ihm sehr viele Höhen, im Privatleben durchlief er viele Tiefen. „Da kommt noch was“ – ja, auf jeder Seite kommt etwas überraschend Neues auf den Leser zu!

Heyne, 528 Seiten; 24,99 Euro


Ron Hall / Nicholas Tomalin

daumen rauf

Die sonderbare letzte Reise des Donald Crowhurst

Donald Crowhurst

Herbst 1968, vor der Küste Südwestenglands: Donald Crowhurst sticht als einer von neun Teilnehmern des „Golden Globe Race“ in See, um als Erster ohne Zwischenstopp die Welt zu umrunden. Trotz mangelnder Segelerfahrung scheint er am schnellsten voranzukommen, und die Öffentlichkeit feiert ihn bereits als Sieger. Doch acht Monate später wird sein verlassener Trimaran auf dem Atlantik entdeckt. Nur die Log- und Tagebücher befinden sich noch an Bord. Wer war dieser Mann, dessen Aufzeichnungen ein dunkles Geheimnis bergen? Und was ist auf See geschehen, dass er für immer verschollen blieb?

„Die sonderbare letzte Reise des Donald Crowhurst“ liest sich wie ein Krimi, ist Psychostudie und hervorragend journalistische Arbeit. Der Leser erfährt nicht nur viel über den Segelsport, sondern vor allem, wie man ein Bild von sich erschaffen kann, wenn man selbst nur stark genug daran glaubt. David Crowhust war ein Lügner, oder sollte man doch Mitleid mit ihm haben, oder vielleicht bewundern, dass er es überhaupt und wie er es soweit geschafft hat? Ein spannender Lesestoff auf mehreren Ebenen. Das Buch ist bereits 1970 das erste Mal in Originalsprache erschienen, 2016 erneut. Die deutsche Fassung erscheint ebenfalls als Neuauflage. Die Geschichte wird derzeit verfilmt, Hauptrolle: Colin Firth. Eine ausgezeichnete Wahl für die Rolle des David Crowhurst.

Malik, 396 Seiten; 20,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

John le Carré

Der Taubentunnel

Der TaubentunnelWas macht das Leben eines Schriftstellers aus? Die Einsamkeit des Schreibens? Mit dem Welterfolg von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ gab es für John le Carré keinen Weg zurück in die Abgeschiedenheit. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um die halbe Welt und traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen, aber auch aus dem Filmgeschäft. So entstand eine realitätssatte Literatur, die den Nerv der Zeit trifft. Der Autor ist ein guter und unabhängiger Beobachter, mit einem Gespür für Macht und Verrat. In seinen Memoiren blickt er nun zurück auf sein Leben und sein Schreiben.

John le Carré erzählt von Agenten, Politik und Politikern, dem Weltgeschehen, Filmen und aus der Welt des Schreibens und des Filmemachens. „Der Taubentunnel“ ist wahrlich eine Fundgrube an Geschichten, die einen Seite um Seite, CD um CD, immer wieder aufs Neue staunen lassen. John le Carrés Leben war nicht so dramatisch, wie das seiner literarischen Figuren, aber weniger spannend war es auch nicht. Walter Kreye liest so, als ob er die Geschichten selbst erlebt hätte. Er nimmt den Faden auf, den John le Carré mit der Einleitung gegeben hat, die der Engländer selbst liest. Natürlich in seinem gepflegten Deutsch.

Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 22,00 Euro.

Hörbuch Hamburg, 10 CDs, 800 Minuten; 21,99 Euro


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