Kolumne vom 23.01.2017 - Nr. 440


Elisa Albert

daumen rauf

Einschnitt

Einschnitt

Vor einem Jahr hat Ari ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Walker ist ein munteres, fröhliches Kerlchen, doch Ari wurde von dem ungeplanten Kaiserschnitt völlig aus der Bahn geworfen. Sie meint, eine Versagerin zu sein, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben und fühlt sich unendlich allein. Als Mina Morris, ehemaliger Rockstar und hochschwanger, in ihre Nachbarschaft zieht, hofft sie, in der älteren und selbstbewussteren Frau eine Bundesgenossin zu finden – ihren früheren negativen Erfahrungen mit Frauenfreundschaften zum Trotz.

„Einschnitt“ ist definitiv kein Buch für Weicheier! Die Amerikanerin Elisa Albert spricht in einem schnoddrigen Ton schonungslos Wahrheiten an, die man, also Frau, sich normal nicht auszusprechen traut. Wie man das eigene Kind zwar lieben, sehr lieben sogar, aber das ganze Schwanger- und dann Muttersein einen einfach nur ankotzen kann. Nichts von Erfüllung, nichts von träumerischer Glückseligkeit Mutter zu sein. Nein, hier wird die andere Seite der Medaille angesprochen. Da kommt es dann zu Aussagen wie: „Der Kleine ist super, aber eben ein Baby, und von denen sind nun mal selbst die nettesten immer noch repressiven, faschistischen, narzisstischen Scheißdiktatoren.“ Oder: „Ich gebe dem Scheißjungen nicht die Scheißflasche. Nicht diese verkackte Pudergiftkuhzuckerchemiescheiße, Ekelnestléafrikagewaltplörre“ Ein Roman, der mit Konventionen bricht und ausspricht, was vielen sauer aufstoßen wird. Zugleich eine Betrachtung der Gesellschaft rund um das Muttersein, Freundschaften und Beziehungen. Elisa Alberts Stil ist sensationell, ein literarischer Rap!

dtv, 209 Seiten; 15,90 Euro


Alexey Pehov

daumen runter

Dunkler Orden

Dunkler OrdenIn Fürstentümern, in verlassenen Dörfern, im Dunkelwald und am Ufer des Meeres treiben düstere Seelen ihr Unwesen. Gerüchte über eine schicksalhafte Urteilsverkündung geraten in Umlauf. Ludwig van Normayenn und die Bruderschaft der Seelenfänger sind die letzte Hoffnung der Menschen – nur sie können das Land noch vor der Dunkelheit bewahren. Doch Ludwig ist lebensgefährlich verwundet worden. Wird die Bruderschaft scheitern und die Welt zugrunde gehen?

Der Russe Alexey Pehov gehört zu den besten Fantasy-Autoren des Kontinents! Seine „Chroniken von Siala“ haben mich begeistert. Umso gespannter war ich auf seine neue Trilogie „Chroniken der Seelenfänger“. Doch schon bei Band 1 „Schwarzer Dolch“ wollte der Funken bei mir einfach nicht so recht überspringen. Die Charaktere waren noch das Beste, aber die Geschichte hat mich wenig angezogen. Weitere Minuspunkte waren die teils schleppende Handlung und die wenig richtigen spannenden Momente. Das alles setzte sich auch in Band 2 „Dunkler Orden“ fort. Die „Chroniken der Seelenfänger“ ist durchaus noch gut lesbare Fantasy, aber Alexey Pehov hat ja bewiesen, dass er viel bessere Ideen hat und diese dann auch besser umzusetzen weiß.

Piper, 489 Seiten; 16,99 Euro


Hannah Rothschild

daumen rauf

Die Launenhaftigkeit der Liebe

Die Launenhaftigkeit der Liebe London. Single Annie McDee verharrt ungern in diesem Status und träumt von der großen Liebe. Eines Tages kauft die junge Köchin in einem Trödelladen ein verstaubtes kleines Gemälde, nicht ahnend, dass dieses Bild nur wenige Monate später die internationale Kunstwelt in helle Aufregung versetzen wird. Schwerreiche russische Oligarchen, Staatspräsidenten, die Gattin eines Ölscheichs und ein Gangster-Rapper werden vor dem altehrwürdigen Auktionshaus Monachorum & Sons Schlange stehen, um den „Verkauf des Jahrhunderts“ für sich zu entscheiden. Doch auch Annies Leben wird durch das Bild „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ auf den Kopf gestellt. Sie gerät ins Zentrum der dunklen Machenschaften skrupelloser Kunsthändler, die zu allem bereit sind, damit ein gut gehütetes Familiengeheimnis nicht ans Tageslicht kommt ...

Ein Krimi, ein Drama, eine Satire, ein Liebesroman, „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ spielt kunstvoll mit den Genres und bietet dabei eine ganze Menge an Spannung, gelungen Szenen und Dialogen, Wendungen und sonstigen Überraschungen. Zudem erfährt man sehr viel über die teils abgehobene, irrsinnige und versnobte Kunstwelt. Ein wirklich goldglänzender Roman, wie der Einband richtig suggeriert. Mit „Der Launenhaftigkeit der Liebe“ ist der Engländerin Hannah Rothschild ein fantastischer Debütroman gelungen

DVA, 458 Seiten; 21,99 Euro


Charles C. Mann

daumen rauf

Amerika vor Kolumbus

Amerika vor Kolumbus

Der Autor schreibt die Geschichte des vorkolumbischen Amerikas. Er macht deutlich, dass die indianischen Kulturen oftmals weiterentwickelt waren als die europäische. Ihre Boote waren schneller und wendiger als die der Europäer, ihre Städte größer als das damalige Paris. Kolumbus‘ Ankunft in Amerika veränderte den Kontinent fundamental. Zwei Zivilisationen trafen aufeinander, deren Historie und Kultur unterschiedlicher nicht hätten sein können, und für die Ureinwohner war die Begegnung folgenschwer: Die Masern-, Pocken- und die Grippeviren, welche die Europäer einschleppten, rafften einen Großteil von ihnen dahin, Kriege entmachteten sie.

Wollen Sie wissen, wie Amerika wirklich wahr, bevor Kolumbus es entdeckte? Dann ist dieses Buch absolute Pflichtlektüre! Von Charles C Mann, der mit „Kolumbus Erbe“ ein beachtlichtes Werk verfasst hat, erscheint nun sein Werk von 2005 „Amerika vor Kolumbus“ endlich auf Deutsch. Charles C. Mann erzählt fesselnd und sehr anschaulich von den Anfängen von Amerika, wie es der normale Deutsche wohl bisher nicht kannte. Das reicht von 10.000 v. Chr. über 1491 n. Chr. bis 1600 n. Chr. Ein allumfassendes Werk über einen für uns bisher unbekannten Kontinent, bevor 1491 kam.

Rowohlt, 720 Seiten; 29,95 Euro


Clemens Berger

daumen rauf

Im Jahr des Panda

Im Jahr des Panda

Der international gefeierte und reiche Künstler Kasimir Ab tauscht das Atelier mit der Straße und tritt ungewollt eine gesellschaftliche Kettenreaktion los. Pia und Julian, die bei einer Sicherheitsfirma angestellt sind und Nacht für Nacht Geldautomaten befüllen, fragen sich, wie groß die Summe für einen gemeinsamen Neuanfang in einem anderen Teil der Welt wohl sein müsste. Und Rita, Tierpflegerin im Schönbrunner Tierpark, wird aus ihrem einsamen, zurückgezogenen Leben durch die Geburt eines kleinen Pandabären herausgerissen und durchlebt unerwartet einen zweiten Frühling.

Geld macht glücklich. Ist das so? Ja, so ist es. Aber auch nur bis zu einem gewissen Grad. Der Österreicher Clemens Berger zeigt in seinem fast 700 Seiten langen Roman „Im Jahr des Panda“ auf anschauliche, ansprechende und spannende Weise, wie mehrere ganz unterschiedliche Personen mit dem Leben, dem Geld, dem empfundenen Glück, dem Menschsein umgehen. Das sehr interessante Figurenensemble trägt diese Themen mit leichter Hand voran.

Luchterhand, 670 Seiten; 24,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Gerhard Jäger

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Der Schnee das Feuer die Schuld und der TodHerbst, 1950 Der junge Wiener Historiker Max Schreiber kommt in ein Tiroler Bergdorf, um einem alten Geheimnis auf den Grund zu gehen. Konfrontiert mit der archaischen Bergwelt und der misstrauischen Dorfgemeinschaft, fühlt er sich mehr und mehr isoliert. In seiner Einsamkeit verliert er sich in der Liebe zu einer jungen Frau, um die jedoch auch ein anderer wirbt. Dann passiert viel, nicht zuletzt mehrere tödliche Lawinen, die über das Dorf hereinbrechen. Dann gerät Schreiber unter Mordverdacht und verschwindet spurlos – nur seine Aufzeichnungen bleiben zurück. Mehr als ein halbes Jahrhundert später will ein alter Mann endlich die Wahrheit wissen. Von seinen eigenen Schatten verfolgt, begibt er sich auf Spurensuche in die Vergangenheit.

Ein literarisches Husarenstück, so gewaltig wie eine Lawine! Es dauerte aber bei mir etwas, bis ich in die Geschichte hineinkam, aber schon bald konnte ich ihr nicht mehr entfliehen. Peter Matic liest den „alten Mann“. Bei seiner Stimme, er leiht sie auch Ben Kingsley (er hat sogar Ähnlichkeit mit ihm), reicht ein Wort, und man weiß sofort, wer da spricht. Sein Charisma ist ohrenberaubend! Peter Matic, bitte lesen Sie viel mehr Hörbücher! Max Schreiber wird gelesen von dem jungen österreichischen Schauspieler Manuel Rubey, der im Kinofilm Falco verkörperte. Seine Lesung erinnert immer wieder an eine Predigt in der Kirche. Das mag arg langweilig klingen, ist es aber überraschender Weise nicht. Mit jeder CD klebt man mehr an seinen Lippen.

Auch als Hardcover erhältlich bei Blessing, 22,99 Euro.

Random House Audio, 6 CDs, 439 Minuten; 19,99 Euro


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