Kolumne Nr. 175 vom 02.01.2012

Wallace Stegner

Vor der Stille der Sturm

Ex-Literaturagent Joe Allston will Ruhe und die will er  gemeinsam mit seiner Frau Ruth genießen. Er verlässt die exzentrische Ostküste und das Stadtleben und zieht aufs Land, in die Hügel Kaliforniens. Er hofft das Paradies zu finden, nur die Natur, seine Frau und er. Doch ein junger Mann, der es sich auf ihrem Grundstück bequem macht, lässt Joe oft zerknirscht nachdenken, seine Frau sieht den Fremden lockerer. Joe versucht trotzdem Erfüllung in seiner Ehe und in der Natur zu finden. Seine Begegnung mit der jungen krebskranken Marian, die gegen den Tod ankämpft und doch vom Leben begeistert ist, trifft ihn tief. Marian ist schwanger und will unbedingt das Baby noch zur Welt bringen, bevor sie stirbt. Joe sieht das Leben, und das was es einem gibt, bedingt durch Marian, mit anderen Augen.

Wallace Stegner (1909-1993) ist ein literarischer Künstler! Der Roman, 1967 geschrieben, ist in heutiger Zeit zugleich ein sentimentaler Rückblick auf ein Jahrzehnt, das in der Geschichte einen starken Fußabdruck hinterlassen hat, er ist aber auch modern und zeitlos geschrieben. Wallace Stegner schreibt Sätze, Gedanken, die man öfter lesen muss, weil sie so gut geschrieben und so voller Wahrheit sind. „Vor der Stille der Sturm“ ist ein erdiger Roman, der Beziehungen zu seinem Partner, zu Fremden und zur Natur bis zum kleinsten Körnchen durchleuchtet. Er ist ehrlich, humorvoll, beglückend und traurig. Durch dieses Buch sieht man Dinge, die zuvor eher unscheinbar waren, in einem hellen Licht. Das schafft Stegner auch mit Gefühlen. Auf Deutsch ist bereits „Die Nacht des Kiebitz“ (in den USA 1976 veröffentlicht) erhältlich. Dort geht die Geschichte von Joe und Ruth und ihrer Ehe weiter. In „Vor der Stille der Sturm“ wird nun Ihre Vorgeschichte erzählt. Wallace Stegners Geschichten geben einem die Möglichkeit, das Leben zu sehen, wie es ist. Das erzählt er in einer wunderbaren, unaufdringlichen Sprache, die dass ganz Normale zu einem ganz großen literarischen Leseerlebnis macht.

dtv, 358 Seiten; 14,90 Euro

Chuck Palahniuk

Diva

Hazie Coogan würde alles für ihre Miss Kathie tun. Seit Jahrzehnten kümmert sie sich um wirklich alle Bedürfnisse der großen Hollywood-Diva. Ihre Alarmglocken läuten, als der windige Webster Carlton Westward III. in das Leben der großartigen Katherine Kenton tritt. Denn schnell findet Hazie heraus, dass er nur eines will: seine fünfzehn Minuten Ruhm. In Websters Schublade liegt bereits ein fertig verfasstes Enthüllungsbuch über den Star – inklusive Sterbeszene –, das ihn seinem Ziel näher bringen soll. Doch Hazie Coogan hat sich nicht jahrelang abgemüht, nur um jetzt ihren Star an einen skrupellosen Gigolo zu verlieren. Und sie hat auch schon einen Plan. Hazie hat das Leben von Miss Kathie gelenkt, sie will sich die Zügeln nun nicht aus der Hand nehmen lassen. Sie will, dass die Hollywood-Diva für immer unsterblich wird.

Chuck Palahniuk gilt seit „Fight-Club“ als Kultautor, er hat es mit extravaganten Werken auch immer wieder unter Beweis gestellt, dass er einer ist. Mit seinem neuen Werk „Diva“ legt er wieder ein extravagantes Werk vor, aber von Kult ist es weit entfernt. Aufgebaut ist es wie ein Drehbuch, mit einem ersten, zweiten und dritten Akt und den entsprechenden Szenen. Der Roman liest sich dann auch großteils wie ein Drehbuch, abgehackt und wenig einladend. Allerdings ist die Stardichte, zumindest die Namensnennung, in diesem Buch sehr hoch. Das alte Hollywood und seine Mode leben in diesem Roman richtig auf. Für Spannung sorgt dies natürlich nicht, aber man schwelgt etwas in der guten alten Hollywood-Zeit. Hier ein Zitat, das auch heute noch in der Glitzermetropole gilt: Bisby Berkeley rät Judy Garland „Solange Sie noch Stuhlgang haben, essen Sie zu viel.“ Das Beste am ganzen Buch ist aber das Cover, das verdient eine Eins mit Sternchen.

Manhattan, 221 Seiten; 17,99 Euro

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt

Der Mann, der kein Mörder war

In einem Waldstück bei Västerås wird die Leiche von Roger Eriksson gefunden – brutal ermordet, mit herausgerissenem Herzen. Der Tote war Schüler eines Elitegymnasiums und seit Tagen vermisst. Die Polizei vor Ort ist der Ermittlung nicht gewachsen, und so reist der Stockholmer Kommissar Höglund mit seinem Team in die Provinz. Dort trifft er überraschend einen alten Bekannten: Sebastian Bergman, ein brillanter und zugleich unausstehlicher Kriminalpsychologe. Seit Bergman Frau und Tochter bei einem Unglück verlor, hat man kaum noch von ihm gehört. Nun bietet er Höglund seine Hilfe an. Das Team zeigt sich wenig begeistert. Doch schon bald ist Bergman unverzichtbar. Denn in dem kleinen Städtchen Västerås gibt es mehr als eine zerstörte Seele …

„Der Mann, der kein Mörder war“ ist ein nordischer Krimi der allerbesten Sorte! Das Autorenteam hat bei der Ausarbeitung seiner Figuren einen tadellosen Job gemacht. Jeder Charakter ist unglaublich lebensnah. Da der Roman nicht vollkommen auf eine Figur ausgelegt ist, sondern mehrere Hauptpersonen eine gleichwertige Rolle spielen, ist das besonders bemerkenswert. Sebastian Bergman ist eine Figur, die so bisher in der Kriminalliteratur nicht zu finden war. Ein narzisstischer, sexsüchtiger, Menschen verachtender und grober Typ, den man, und jetzt kommt es, aber trotzdem nach und nach versteht und ihn schätzen lernt. Denn er ist ein verdammt guter Psychologe und kann auch unmögliche Fälle aufklären und er hat, tief im Herzen vergraben, einen guten Kern. Mit diesem Buch gehen Sie ein Risiko ein, denn Sie riskieren Ihre Zeit, nichts mehr anderes tun zu können, außer in diesem Buch zu lesen. Sind Sie bereit für dieses Risiko? Dann lesen Sie „Der Mann, der kein Mörder war“. Viele Überraschungen während der Ermittlungen werden Sie immer wieder staunen lassen und die letzte Seite wartet dann nochmals mit einer ganz anderen auf, die Sie schockieren und begeistern wird. Von Hjorth & Rosenfeldt wird man noch viel hören!

Rowohlt Polaris, 588 Seiten; 14,95 Euro

Andreas Föhr

Karwoche

Kommissar Wallner wollte eigentlich in die Osterferien, doch eine bizarr angerichtete Tote lässt das nicht zu. Die Ermittlungen führen an den Schliersee, zur Schauspielerfamilie Millruth. Die Familie hat eine Verbindung zu der Toten. Je weiter Wallner und Kreuther ermitteln, desto mehr dunkle Familiegeheimnisse fördern sie zu Tage.
Andreas Föhrs Ermittlerduo Wallner und Kreuthner sind eine Mischung aus Franz Eberhofer (Rita Falk), Benno Berghammer (Der Bulle von Tölz), Erwin Köster (Der Alte) und Derrick. „Karwoche“ ist nach den Bestsellern „Der Prinzessinnenmörder“ und „Schafkopf“ der dritte Fall für das kultige Ermittlerduo Wallner und Kreuther, und er steht den beiden Vorgängern in nichts nach. Humor und Spannung gehen hier im Gleichschritt, als Leser ist man freudig gefesselt.

Knaur, 399 Seiten; 14,99 Euro

Patricia Cornwell

Bastard

Ein Toter in unmittelbarer Nähe einer Prominentenhochzeit. Forensikerin Scarpetta stochert lange im Dunkeln, dann erfährt sie, dass es offenbar eine Verbindung zu dem grausamen Mord an dem 6jährigen Mark Bishop gibt. Ein autistischer junger Mann hat die Tat wohl schon gestanden, nur glaubt Scarpetta nicht an dessen Schuld. Sie versucht den wahren Schuldigen zu finden.
Nicht das beste Buch aus der Kay-Scarpetta-Reihe, aber immer noch eins, das zu lesen sich sehr lohnt. „Bastard“ ist durch und durch Scarpetta! Patricia Cornwell schneidert das Buch voll auf ihre Heldin zu. Eine lohnenswerte Lektüre für Forensik-Fans!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Hoffmann und Campe Hörbuch, gelesen von der charismatischen Thriller-Stimme Nina Petri, 19,99 Euro.

Hoffmann und Campe, 509 Seiten; 24,99 Euro

Hörbuch der Woche

Jodi Picoult

In den Augen der anderen

Jacob Hunt ist bei so vielen Dingen sofort aufgebracht, Ruhe bringt ihm ein immer gleicher Tagesablauf. Routinen sind für ihn lebenswichtig, denn er leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer autistischen Störung. Deshalb besteht das Leben für Mutter Emma aus dem ihres Sohnes. Sie will ihm alles recht machen, damit er einfach leben kann. Jacob ist aber auch intelligent, vor allem wenn es um Kriminaltechnik geht. Doch dann wird seine Erzieherin Jess erschlagen aufgefunden, und Jacob wird des Mordes an der jungen Frau beschuldigt. Die mühsam erkämpfte Normalität in Emmas kleiner Familie bricht zusammen. Jacob muss sich vor Gericht verantworten, die Beweise sprechen gegen ihn. Sein Faible für Kriminaltechnik wird ihm hier zum Verhängnis. Doch Emma nimmt den Kampf gemeinsam mit Anwalt Oliver auf. Mit nur einem Ziel: Jacob vor dem Gefängnis zu bewahren.

Ein Wahnsinnsbuch bzw. Hörbuch! Jodie Picoult schreibt wieder so dramatisch, fesselnd und voller Dauerhochspannung, dass man das Buch nicht weg legen kann bzw. den Sprechern an den Lippen hängt. In der Geschichte zeigt Picoult wieder einmal auf, dass anders sein nicht gleich bedeutet, den anderen auszugrenzen, sondern, wenn man ihn verstehen will, sich mit ihm und seiner Krankheit zu beschäftigen. „In den Augen der anderen“ ist ein weiteres Highlight unter den zahlreichen aus Jodi Picoults Geschichtenschatzkiste. Gratulation an Lübbe Audio, die für diesen Jodie-Picoult-Roman wieder ein ausgezeichnetes Sprecherensemble (wie schon bei „Zerbrechlich“) engagiert haben. Dazu gehören die Brüder Artajo, Irina Scholz, Philipp Schepmann und Rolf Berg. Sie machen aus dem Buch ein ganz großes Hörkino. Bei dieser Glanzleistung ist ein Film nicht mehr nötig, denn der läuft mit diesen Stimmen bereits beim hören vor einem ab.

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 19,99 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 399 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 176 vom 9.01.2012

Elizabeth George

Whisper Island 1 – Sturmwarnung

Die 14jährige Becca King kann die Gedanken anderer Menschen hören. Sie umgeben sie wie ein ständiges Flüstern. Dann hört Becca etwas, das ihr Leben verändert. Sie hört die Gedanken ihres Stiefvaters, wie er an den Mord denkt, den er begangen hat. Becca muss aus San Diego fliehen, weg vom Festland. Ihre Mutter Laurel schickt Becca zu ihrer Freundin Carol Quinn auf Whidbey Island, Washington. Becca nimmt eine neue Identität an und verändert ihr Aussehen. Doch bei ihrer Ankunft erfährt Becca, das Carol tot ist und ihre Mutter ist per Handy nicht mehr erreichbar. Becca ist plötzlich auf sich alleine gestellt. Hilfe findet sie bei den Inselbewohnern, doch jeder scheint ein Geheimnis zu verbergen. Dann geschehen immer mehr merkwürdige Dinge. Becca weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann.

Eine der weltbesten Autorinnen der Kriminalliteratur schreibt ihr erstes Jungendbuch. Der erste Teil der Serie zeigt gleich, es wird eine Spitzenserie! Dem Buch ist auch anzumerken, welch großen Spaß Elizabeth George dabei hatte. Die Geschichte ist genauso fesselnd wie ihre Inspector-Lynley-Romane. Elizabeth George hat mit „Whisper Island“ einen Mystic-Krimi geschrieben, in dem die Romantik nicht zu kurz kommt. „Whisper Island“ ist anziehend und fesselnd. Man kann das Buch nicht mehr weglegen. Becca hat einen spätestens auf der vierten Seite und ab da will man ihren Weg unbedingt mitverfolgen. George baut in wunderbarer Umgebung eine traumhafte Romankulisse auf. Sie verspricht dem Leser viele Geheimnisse, die sich erst nach und nach lüften. Ich bin von „Whisper Island“ begeistert! Und freue mich auf alles, was da noch kommt. Das Buch endet mit einem Cliffhanger par excellence. Da steigt der Puls an, bis der zweite Band erscheint.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio, gelesen von Laura Marie, mit ihrer zarten und dramatischen Stimme gibt sie der Geschichte die passende Note, 19,99 Euro.

INK, 446 Seiten; 19,99 Euro

Bill Clegg

Porträt eines Süchtigen als junger Mann

Bill Clegg ist ein aufstrebender Literaturagent, er ist der Entdecker von u. a. Nicole Krauss und Andrew Sean Greer. In der Branche wird er gemocht, er hat sich ein erfolgreiches Leben aufgebaut. In seinem Privatleben ist Noah sein Lebensgefährte. Bill Clegg könnt zufriedener nicht sein. Denkt man. Aber alles, was er wollte, waren Drogen. Er war gerade dreißig, als er plötzlich nicht mehr in seinem Büro auftaucht, und niemand wusste, wo er ist. Was folgt, ist eine Zeit voller Drogen, Alkohol, Sex und Zerstörung, eine Zeit, in der Clegg 70.000 Dollar dafür ausgibt, sein Leben kaputtzumachen.

Was gibt einem dieses Buch? Nichts! Bill Clegg beweist, dass er einen forschen literarischen Ton besitzt. Er beweist aber auch, dass sein eigenes Leben nicht dafür gemacht ist, darüber ein Buch zu schreiben. Vor allem die Gründe sind fragwürdig. Ich zeige der Welt, wie man sein Leben und sein Erspartes in kurzer Zeit zu Kleinholz verarbeiten kann. Hervorragend, Mister Clegg! Er hat sich der Sucht ergeben, weil dadurch vieles so viel einfacher ist. Dabei war es ihm egal, ob Drogen oder Alkohol, Hauptsache benebelt in eine andere Welt abgleiten. Das Buch liest sich wie eine weiterführende Maßnahme seiner Therapie, die Clegg machte, um dann doch wieder als Literaturagent zu arbeiten. Dazu ist die Geschichte nicht spannend. Clegg reißt diesen Teil seines Lebens in kurzen Absätzen herunter, er springt in die Vergangenheit, dann wieder ins Jetzt, ohne darauf hinzuweisen und ohne dabei einen Spannungsaufbau zu verfolgen. Ein Literaturagent sollte aber zumindest das beherrschen!

S. Fischer, 271 Seiten; 19,95 Euro

Jason Webster

La Muerte

In Valencia herrscht große Aufregung, Jorge Blanco, einer der berühmtesten Stierkämpfer des Landes, wird tot in der Arena aufgefunden. Stunden zuvor war er dort noch als Torero aktiv, nun liegt er darin grausam verstümmelt. Inspector Max Cámara wird mit dem Fall betraut. Wer wollte Blanco tot sehen? Ist es ein Verbrechen aus Leidenschaft? Oder eine Aktion der Anti-Stierkampf-Liga? Die ersten Ermittlungen verlaufen schwierig, dann geschieht ein zweiter Mord. Cámara muss nun schnell Ergebnisse liefern, auch der Druck von seinem Vorgesetzten auf ihn wächst. Cámara muss sich mit Korruption, politischen Skandalen und Familienrivalitäten auseinandersetzen. Und auch das Privatleben des Inspectors wird von mehr als einer Frau durcheinander gewürfelt.

Hier lebt der Kriminalroman, hier lebt die Stadt Valencia! „La Muerte“ erzählt gleich mehrere Geschichten, die des Stierkampfes, dem ehemaligen Nationalheiligtum der Spanier, die der Stadt Valencia, die dieses Nationalheiligtum nicht mehr gut heißt und moderner, freundlicher und frischer von der Öffentlichkeit wahr genommen werden will, und des borstigen und doch so netten Kommissars Max Cámara, dessen Leben keinem geraden Weg ähnelt, eher einer steilen Bergstraße mit Kurven so weit das Auge reicht. Das sind die Hauptdarsteller von „La Muerte“, den vierten in dieser Riege darf man nicht vergessen, den spannenden Kriminalfall, den Webster mit viel Können in dieses Gefüge einarbeitet. Der in Spanien lebenden Amerikaner Jason Webster schreibt wie der Engländer Robert Wilson, dessen weltberühmter Inspector Falcón Hauptfigur mehrere Bestseller war, die in Sevilla spielten.

Bastei Lübbe, 427 Seiten; 8,99 Euro

Orlando Figes

Krimkrieg

Der Krimkrieg, ein Schlüsselereignis des 19. Jahrhunderts. Frankreich, Großbritannien und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Russland auf der anderen. Kampf um Religion und Territorium. Der Krieg dauerte von 1853 bis 1856, eine Million Soldaten und Zivilisten starben. Ein Krieg als Vorbote der großen Konflikte des 20. Jahrhunderts.
Kein anderer Autor kennt sich in Russlands Historie so gut aus wie Orlando Figes! Mit „Die Flüsterer“ und „Die Tragödie eines Volkes“ hat er schon Klassiker geschaffen. In „Krimkrieg“ zeigt er erschütternd auf, wie es zu diesem im Westen wenig bekannten Krieg kam, und wie damit Russlands gutes Verhältnis zum Westen endgültig vorbei war. Manch Ereignis von damals, weist auch Ähnlichkeiten zu heute auf. „Krimkrieg“ ist durchweg eine fesselnde Lektüre!

Berlin Verlag, 747 Seiten; 36,00 Euro

Dorothee Hansen

Edvard Munch – Rätsel hinter der Leinwand

Edvard Munch zählt zu den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts. Die Kunsthalle Bremen erwarb 1918 das Gemälde „Das Kind und der Tod“. Knapp 100 Jahre später dann die Sensation: Unter dem Bild befand sich noch ein anderes Gemälde „Mädchen und drei Männerköpfe“. 
Die Gemälde des Norwegers Edvard Munch prägen sich so ein, man verbindet sich mit ihnen. Dieser Text- und Bildband geht dem sensationellen Fund nach, beleuchtet aber auch die anderen Gemälde des Künstlers und ergründet die Geschichte hinter den Bildern. Eine kunsthistorische Zeitreise der besonderen Art!

DuMont, 247 Seiten; 34,95 Euro

Hörbuch der Woche

Thomas Thiemeyer

Chroniken der Weltensucher

In „Die Stadt der Regenfresser“ wird ein vergessenes Volk von einer unheimlichen Macht bedroht. Der junge Oskar geht 1893 mit dem Berliner Entdecker Carl Friedrich von Humboldt auf eine gewagte Expedition ans andere Ende der Welt. In „Der Palast des Poseidon“ verschwinden Schiffe im Mittelmeer. Die Seeleute berichten von Ungeheuern mit riesigen Fangarmen. Humboldt und seine Gefährten Oskar, Eliza und Charlotte gehen an Bord eines Forschungsschiffes und machten 300 Meter unter der Wasseroberfläche eine unglaubliche Entdeckung. In „Der gläserne Fluch“ versuchen Humboldt und seine Gefährten den verschwundenen Völkerkundler Richard Bellheim zu finden. Ein Hinweis führt sie zu den Tafelbergen Bandiagaras in Mali. In der Wüste entdecken sie dann ein jahrhundertealtes Geheimnis.

Thomas Thiemeyer kann nicht nur atemberaubende Mystik-Thriller von Weltformat schreiben, sondern auch höchst ansprechende Abenteuergeschichten erfinden, die den Leser bzw. Hörer ungemein fesseln. Was Thomas Thiemeyer mit den Chroniken der Weltensucher präsentiert, ist das ganz große Abenteuer! Man kann gar nicht genug davon bekommen. Die Geschichten sprudeln nur so vor Einfallsreichtum und aufregenden und spannenden Momenten. Mit Thiemeyers Figuren möchte man selbst die Welt und ihre Geheimnisse erforschen. Schnell Herr Thiemeyer, schreiben Sie ganz schnell den nächsten Band! Dietmar Wunder, die deutsche Stimme von „007“ Daniel Craig und Komödienstar Adam Sandler, macht die Abenteuer von Humboldt und seinen Gefährten lebendig. Er setzt seine Stimme hier ein, wie man sie bisher noch nicht oft gehört hat, als Mann mit einem abenteuerlichen Stimmtalent. Dietmar Wunder bietet so viel, mit seiner klangvollen Wunderstimme!

Auch als Hardcover erhältlich bei Loewe, je 16,90 und je 17,90 Euro.

Goya Lit Hörbuch, je 6 CDs, 409, 458 und
419 Minuten; je 22,99 Euro

 

Kolumne Nr. 177 vom 15.01.2012

Jacqueline Kennedy

Gespräche über ein Leben mit John F. Kennedy

Immer noch trauernd über den Verlust ihres dreieinhalb Monate zuvor ermordeten Mannes empfängt Jacqueline Kennedy Anfang März 1964 den Historiker Arthur M. Schlesinger und gewährt ihm sieben Interviews, insgesamt sechseinhalb Stunden lang. Sie gewährt ihm Einblicke in Kennedys Wirken als Senator und späterem Präsident der USA, erzählt von ihren Gesprächen mit ihm, von ihrer Rolle in seiner politischen Karriere. Sie erzählt von interessanten Begegnungen mit bedeutenden Männern und weltbewegende Ereignisse wie die Kubakrise. Und auch private Belange rücken in den Blick, etwa der Glaube ihres Mannes, die Verbundenheit der Kennedy-Brüder und ihr eigenes Hineinwachsen in die Rolle der First Lady.

Dieses Buch ist ein zeitgeschichtlicher Schatz von dem schillerndsten Politikerpaar des letzten Jahrhunderts! Diese Art von Memoiren von gleich zwei Personen der politischen Weltgeschichte, ist ein Genuss für jeden, der sich für internationale und amerikanische Geschichte interessiert. Ein Buch mit einer ungeheuren Strahlkraft! Einen großen Anteil an der Gesamtheit des Buches haben der Fragensteller Arthur M. Schlesinger Jr. und Michael Beschloss, der wichtige Fakten zu Namen und Zeitabläufen liefert. Auch enthält das Buch wunderbare Bilder von Jaqueline und JFK. Die Interviews verraten viel über das Privatleben von JFK und über sein politisches Wirken, wie es bisher nicht bekannt war. Einschneidende Episoden im Buch sind die starken Rückenschmerzen von JFK, die er sich auch erfolglos operieren lies, und sein ständiges Leiden deswegen; seine politische Zeit vor der Präsidentschaft und der Weg bis dorthin; dann die Präsidentschaft und der Einzug ins Weiße Haus, dort wo auch die First Lady raumgestalterisch zusätzliche Bekanntheit erlangte. Das Bild das Jacqueline Kennedy von ihrem Mann zeichnet, ist das eines Mannes, der immer neugierig war, der alles wissen wollte, Bücher immer und überall las, der nicht richtig böse werden konnte, der versuchte, vieles richtig zu machen, der genau wusste, wie der politische Apparat funktioniert und dementsprechend dezent aber trotzdem überzeugend auftrat. Und JFK liebte seine Frau und seine Kinder über alles. Manches in dem Buch hätte Jacqueline Kennedy Jahre später sicher nicht mehr so gesagt, darunter u. a. „das Frauen für ein politisches Amt nicht geeignet sind“.

Hoffmann und Campe, 479 Seiten; 24,99 Euro

Jan Böttcher

Das Lied vom Tun und Lassen

Der alternde Musiklehrer Immanuel Mauss will seinen Schülern nicht länger bloß Wissen vermitteln. Er vereint die Jugendlichen um sich, eröffnet ihnen im Unterricht ungewohnte Freiheiten. Johannes Engler macht dann zuerst die Freiheit stutzig. Der Schulgutachter will jung wirken und sammelt Beobachtungen, schneller als er sich denkt hat er sich in eine gerade volljährige Schülerin verguckt. Das spricht nicht für ihn, das weiß er selbst. Denn für Clarissa Winterhof dreht sich die Welt vor allem um den Selbstmord ihrer Mitschülerin. Nach und nach erschließt sie sich einen virtuellen Raum zum Trauern: Ihr Blog ist ein Ort, an dem die Lebenden und die Toten neu zusammenfinden. Auch Mauss und Engler begegnen sich darin wieder. Darin sind sie Helden einer ihnen kaum bekannten Geschichte.

Das Thema ist ernst, die Geschichte hätte eine Menge hergegeben, Jan Böttchers Umsetzung entspricht nicht den Erwartungen. Böttchers Schreibstil ist kompliziert und die Geschichte hat keinen klaren Handlungsstrang. Sie setzt sich aus drei Teilen zusammen „Immanuel Mauss“, „Johannes Engler“ und „Clarissa Winterhof“. In den drei Teilen präsentieren jeweils die einzelnen Figuren ihre Sicht der Dinge. Die Dialoge sind ohne Esprit und wirken oft gestelzt. Fesselnd ist das Buch sehr selten, obwohl die Geschichte prädestiniert dafür gewesen wäre. Manche Passagen in „Das Lied vom Tun und Lassen“ haben dann doch noch einen gewissen Spannungscharakter. Davon gibt es leider viel zu wenig. Das Thema beschäftigt einen am Ende, aber das liegt nicht an der langweilig dargeboten Lektüre von Jan Böttcher.

Rowohlt, 316 Seiten; 19,99 Euro

Peter James

Du sollst nicht sterben

Eine Serie von Vergewaltigungen in Brighton beschäftigen Detective Superintendent Roy Grace mehr als ihm lieb ist. Die Opfer wurden nicht nur brutal vergewaltigt, sondern auch ihrer Kleidung und vor allem ihrer teuren Designer-Schuhe beraubt. Das erinnert Roy Grace an einen nie gelösten Fall aus dem Jahr 1997, als der, den sie damals den Schuh-Dieb nannten, fünf Frauen vergewaltigte und eine sechste tötete. Danach verschwand er spurlos. Die Ermittlungen gestalten sich zunächst als schwierig. Der Täter macht keine Fehler, bis Grace ihn herausfordert und reizt. Doch dann hat er schon wieder zugeschlagen und die Zeit läuft gegen Grace und sein Team.

„Du sollst nicht sterben“ ist der sechste Fall für Detective Superintendent Roy Grace. Peter James hat mit Roy Grace eine der Figuren der Thriller-Literatur erschaffen, die schon in einigen Jahren einen Klassiker-Standard erreicht haben. Jedes seiner Bücher ist ein Bestseller! In „Du sollst nicht sterben“ zeigt James, dass Opfer von Vergewaltigung und Missbrauch für immer im Gefängnis leben, in ihrem seelischen Gefängnis. Die Täter werden oft gar nicht gefasst oder nach ein paar Jahren wieder aus dem staatlichen Gefängnis entlassen. Er zeigt auch auf, wie das falsche freizügige Mitteilungsbedürfnis über Facebook und Twitter große Gefahren mit sich bringt. Peter James bringt einem die Figuren beängstigend nah. Das macht das Buch noch authentischer und hinterlässt einen kalten Schauer. James erzählt in zwei Zeiträngen. 1997 und Jetzt. Er fesselt mit diesen schnellen Wechseln in 124 Kapiteln. Verflucht spannend! Verflucht wendungsreich! Verflucht gute Thriller-Literatur! Peter James gehört zum weltweiten Thriller-Adel!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch, Hans Jürgen Stockerl liest klangvoll und gefährlich gut, 19,95 Euro.

Scherz, 397 Seiten; 17,95 Euro

Carson McCullers

Das Herz ist ein einsamer Jäger

Eine kleine Stadt in Georgia. Hier lebt das Mädchen Mick, das den Kopf voll klassischer Musik hat, sie aber nicht ausleben kann; Jake Bount will eine Revolution, etwas ändern, aber selbst neigt er zu Gewalausbrüchen; Dr. Copeland, ein farbiger Arzt, träumt vom Ende der Unterdrückung der Schwarzen, und zerbricht daran. Im Café New York treffen sich diese und noch andere Gescheiterte, ihr Halt dort ist John Singer, er hört zu und spendet Trost, obwohl er taubstumm ist.
Das einfache Mädchen Carson McCullers (1917 bis 1967) wurde zu einem der größten Literatur-Stars der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Amerikanerin hat Werke geschrieben, die man auch heute noch mit großen, leuchtenden Augen liest. „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ (erschienen 1940) ist dabei ihr herausragendes Werk. Ein Spiegelbild der Menschen überall, Ein Spiegelbild des Wollens und Scheiterns.

Zudem sind bei Diogenes „Spiegelbild im goldnen Auge“ 16,90 Euro, „Frankie“ 19,90 Euro, „Uhr ohne Zeiger“ 22,90 Euro, und „Die Autobiographie“ 11,90 Euro, erschienen. Diogenes hat ein Herz für große Klassiker!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Diogenes Hörbuch, eindringlich gelesen von Elke Heidenreich, 34,90 Euro
Diogenes, 589 Seiten; 21,99 Euro

Ian Kershaw

Das Ende

Kampf bis in den Untergang von NS-Deutschland 1944 bis 1945. Das Buch beantwortet die Frage, warum Deutschland so lange den Alliierten und der Roten Armee trotzte, nicht nur militärisch, vor allem die von Hitler verankerten Strukturen liefen, wohl nach und nach abgeschwächt, kontinuierlich weiter.  
Ian Kershaw, Bestsellerautor (die zweibändige Hitler-Biographie) und einer der weltweit herausragenden Sachbuchautoren über den 2. Weltkrieg, hat mit „Das Ende“ ein Buch geschrieben, dass viele bisher unbeantwortete Fragen, beantwortet. Er zeigt auf, warum der Apparat Hitler so lange funktionierte, obwohl Deutschlands Niederlage bereits klar abzusehen war. Ein Buch, mit verblüffend grausamen Erkenntnissen. Kershaw schreibt von der Zeit Juli 1944, dem Attentat auf Hitler, bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Ein Buch, das einem den Schrecken dieser Zeit hautnah spüren lässt.

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Ein sensationelles Hörbuch, das wie eine aufwendige Fernseh-Dokumentation arrangiert ist! Zu den guten Sprecherleistungen gesellen sich Original Einspieler aus der Kriegszeit und Anmerkungen von Ian Kershaw selbst. 24,99 Euro

DVA, 704 Seiten; 29,99 Euro

Hörbuch der Woche

Sarah Lark

Die Insel der tausend Quellen

London, 1732: Nach dem Tod ihrer ersten großen Liebe geht die Kaufmannstochter Nora eine Vernunftehe mit einem verwitweten Zuckerrohrpflanzer auf Jamaika ein. Aber das Leben in der Karibik ist nicht das, was sich Nora erträumt hat. Der Umgang der Plantagenbesitzer mit den Sklaven schockiert sie. Sie möchte Veränderungen, kann diese aber nur im Geheimen vorantreiben, da ihr Mann davon nichts erfahren darf. Als Doug, ihr Stiefsohn, aus Europa zurückkommt, teilt dieser Noras Umgang mit den Sklaven. Nach und nach kommen sich beide näher, doch dann verlieren sie durch ein tragisches Ereignis plötzlich alles. Sie werden getrennt und müssen beide neue anfangen. Aber Doug kann Nora nicht vergessen. Er will sie wieder zurück.

Ein berauschender, ein herrschaftlicher, ein stürmischer, ein bildgewaltiger, ein leidenschaftlicher Roman von Bestsellerautorin Sarah Lark! Sarah Lark erinnert mit „Die Insel der tausend Quellen“ an die großen Literatur-Ladys des Südstaaten-Romans wie Alexandra Ripley und Gwen Bristow. Sie schrieben reihenweise Weltbestseller. Sarah Lark lässt diese Tradition mit einem neuen Schauplatz, der Karibik, und gleichem Themenspektrum wieder neu aufleben. Theaterschauspielerin und Hörbuchsprecherin Yara Blümel liest sehr einprägend. Ihre Stimme klingt wie ein leckerer und cremiger Milchkaffee. Sie vermittelt sehr gut die Spracheigenschaften der Schwarzen und Weißen.

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 16,99 Euro.

Lübbe Audio, 8 CDs, 619 Minuten; 16,99 Euro

 

 

Kolumne Nr. 178 vom 23.01.2012

Douglas Preston & Lincoln Child

Revenge – Eiskalte Täuschung

Special Agent Aloysius Pendergast befindet sich mit Judson Esterhazy, dem Bruder seiner verstorbenen Frau Helen, auf der Jagd in Schottland. Plötzlich will Esterhazy Pendergast ausschalten. Er trifft ihn mit einer Kugel in die Brust, zudem versinkt Pendergast noch in einem der unzähligen Sumpflöcher. Während Pendergasts Todeskampf verrät ihm Esterhazy noch, dass Helen gar nicht tot ist, dann verschwindet er. Mit Glück und Geschick kann Pendergast dem Sumpf aber entkommen. Nun ist er getrieben, Helens Geheimnis zu lüften. Er bringt Dinge über sie in Erfahrung, die er nicht für möglich gehalten hatte. Esterhazy, getrieben von einer skrupellosen Bruderschaft, bereit derweil eine Falle für Pendergast vor, um in ein für allemal auszuschalten.

Das Buch liest sich wie ein nicht enden wollender Showdown! Preston und Child machen das Lesen zu einer nervlichen Zerreisprobe. Man ist so angespannt, weil hier ein Höhepunkt den nächsten jagt. „Revenge“ ist nach „Fever“ das zweite Buch einer Trilogie um die dunklen Geheimnisse der Familie Pendergast innerhalb der Agent-Pendergast-Reihe. Insgesamt ist es der elfte Thriller mit Special Agent Pendergast. Zu der ausgeklügelten Story tritt auch wieder das Personal auf, das man aus früheren Pendergast-Romanen kennt. Die Figuren, die das Autorenduo über die Jahre erschaffen haben, sind einfach nur fantastisch. Jeder ist ein ganz besonderer Held. Besonders außergewöhnlich ist natürlich Constance Greene. Und seien sie auf der Hut, denn Pendergast schlüpft wieder in einige überraschende Rollen. Hinter jeder Seite kann Pendergast lauern. Das Ende wird Sie dann atemlos zurücklassen. Ein Knaller-Thriller!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. „George Clooney“ Detlef Bierstedt fesselt mit seiner Pendergast-Lesung. 19,95 Euro

Droemer, 466 Seiten; 19,99 Euro

Rita Mae Brown

Die Geburtstagskatze

Tally Urquhart wird 100 Jahre. Halb Crozet macht sich auf den Weg, um mit der alten Dame an der altehrwürdigen William-Woods-Universität, ihrer früheren Uni, in Missouri zu feiern. Auch Mary „Harry“ Harristeen und die Katze Mrs. Murphy sind unter den Gästen. Ausgerichtet wird das Fest vom Verein der Ehemaligen, allesamt erfolgreiche Frauen, die sich erhoffen, bei diesem Anlass viele fette Spenden einsammeln zu können. Doch schnell geraten die Vereinsfrauen in Streit. Dem nicht genug, ein Schneesturm zieht auf, und viele geladene Gäste können gar nicht anreisen. Das Chaos nimmt seinen Lauf, als auch noch eine Leiche gefunden wird. Harry und Mrs. Murphy greifen ein, um den Fall zu lösen und das Fest zu retten.

Bestsellerautorin Rita Mae Brown hat wieder keinen Bestseller geschrieben, der den Namen verdienen würde. In – leider – mittlerweile gewohnt schwacher Manier lässt sie ihre Titelheldinnen Harry und Katze Mrs. Murphy mordsmäßig unspannend einen weiteren Fall lösen. Rita Mae Brown erzählt über Investmentmöglichkeiten, die wirtschaftliche Lage, Politik, über die William-Woods-Universität, und noch so manch anderes, was die Geschichte nicht einen Millimeter voranbringt. Sie verfängt sich, wie schon in den Romanen der letzten Jahre, in ihrem Netz an absoluten Belanglosigkeiten. Die Tiere, die normal die Hauptrolle spielen sollten, hat Rita Mae Brown auf ein Minimum reduziert. Auf knapp 30 der 265 Seiten kommen sie am Ende vor. Und die Dialoge der eigentlichen Hauptdarsteller sind ohne Esprit. In der Geschichte fällt der Strom aus, das trifft auch auf das Buch zu – es ist ein einziger Stromausfall!

Ullstein, 265 Seiten; 19,99 Euro

Tim Weaver

Blutiges Schweigen

Die 17-jährige Megan Carver ist bereits seit mehreren Monaten verschwunden, die Polizei scheint nicht weiterzukommen, da bitten ihre Eltern Ex-Journalist David Raker, der sich auf die Aufklärung nach Vermisstenfällen spezialisiert hat, um Hilfe. Doch je mehr Raker sich des Falles annimmt, desto bizarrer wird er. Die Geschichte um Megan ist voller Lügen. Die Eltern verschweigen etwas, auch Megans Freundinnen. Zeugen werden ermordet. Die übrigen Informanten hüllen sich in Schweigen. Eine Spur führt Raker dann an einen Ort mit einer blutigen Vergangenheit. Ein Wald, der gemieden wird und in dem immer noch die Gräber der Opfer eines Serienmörders sein sollen, der vor über 100 Jahren aktiv war. Hat dort ein neuer Killer sein Lager aufgeschlagen und bereits neue Gräber für seine Opfer ausgehoben? Raker kommt dem Killer immer näher, doch plötzlich ist er für die Polizei der Hauptverdächtige. Alle Beweise sprechen gegen ihn. Was ist Wahrheit und was Lüge?

Mit der Serie um David Raker ist Tim Weaver in die erste Liga der englischen Thriller-Autoren aufgestiegen! Nach „Totgesagt“ ist „Blutiges Schweigen“ das zweite Buch aus der Reihe. David Raker ist ein sehr umgänglicher Zeitgenosse, der vieles spürt und sieht, dass andere nicht erkennen. Auch sein Privatleben hält viele bewegende Momente parat. Tim Weaver hat einen wahnsinnig fesselnden Thriller geschrieben! Jede Seite bringt einen näher ans Ziel, den Fall zu lösen, aber auch immer wieder neue Erkenntnisse und Überraschungen. Weaver hat die 505 Seiten perfekt ausgenutzt. Gegen den Killer aus „Blutiges Schweigen“ ist der aus „Das Schweigen der Lämmer“ eine Märchenfee. „Blutiges Schweigen“ wird Sie schweigen lassen, denn Sie wollen nur noch lesen. Und zwar sehr schnell lesen, um zu wissen, wie diese teuflisch gute Story endet.

Goldmann, 505 Seiten; 9,99 Euro

Ransom Riggs

Die Insel der besonderen Kinder

Jacob hat als Kind schon immer gerne die Schauergeschichten von seinem Großvater Abraham gehört, nun ist er ein Teenager und sein Großvater wurde tödlich verwundet. Er fürchtete sich zuvor immer vor Monstern, die ihm auf den Fersen waren. Jacob begreift, dass die Geschichten von damals nicht erfunden waren. Auf einer Insel vor der Küste Englands macht er sich auf die Suche nach einem Heim für „besondere“ Kinder.
Ein wunderbar überraschender, fantastischer Roman, der zudem gestaltet ist wie ein Kunstwerk! „Die Insel der besonderen Kinder“ gehört zu den fantastischen Werken, die weit weg sind von der Normalität des Genres. Lassen Sie es zu, Ransom Riggs wird Sie fesseln! Ob Sie wollen oder nicht.

PAN, 415 Seiten; 16,99 Euro

Alfons Schuhbeck

Meine Reise in die Welt der Gewürze

Alfons Schuhbeck reist in die Gewürz-Zentrale, den Orient. Er besucht Marrakesch, Damaskus, Istanbul, Beirut und Jerusalem. Dabei schaut er Köchen über die Schulter und lüftet für den Leser das Geheimnis der Gewürze. Zudem serviert der Meisterkoch 150 neue Rezepte, die jeden Gaumen anregen.
Deutschlands Star-Koch erzählt von den erlesensten Dingen, die die Welt zu bieten hat, den Gewürzen. Er verrät, gegen was Ingwer, Kümmel, Zimt & Co. alles helfen und wie man mit ihnen genüsslich kocht. Ein von Anfang bis Ende interessantes, lehrreiches, inspirierendes und tolles Buch! Nehmen Sie sich Zeit und genießen Sie dieses Buch, es gibt Ihnen Hilfestellungen für Ihre Gesundheit und vermittelt geschmackvolle Gourmetgenüsse.

Zabert Sandmann, 393 Seiten; 24,99 Euro

Hörbuch der Woche

Jason Dark

John Sinclair von Folge 65 bis Folge 71

In „Das Vampirnest“ (65) soll ein Wundermittel normale Menschen zu Vampiren machen, ganz ohne Vampirbiss. Ganz schlechte Aussichten für die Menschheit, da muss John Sinclair her. In „Hexenwahn“ (66) versucht die Oberhexe Wikka die Herrschaft an sich zu reißen. John Sinclair muss am Ende auf einem Flussschiff alles riskieren. „Die Gruft mit dem Höllenauge“ (67) führt den Ermittler aufs Land. Dort muss er seinen Eltern unter die Arme greifen, die Schreckliches zu bereichten haben. In „Die Leichenkutsche von London“ (68) jagt dieselbige durch die Stadt und holt sich ihre Opfer. Das Finale steigt dann in einem Technoclub. Kann Sinclair dem ein Ende setzen? „Jack the Ripper kehrt zurück“ (69) bedeutet für Sinclair höchste Gefahr auf privater Ebene. Seine Freundin Jane Collins hat sich kurz zuvor von ihm getrennt und wird nun entführt und ein Dämon nistet sich in ihr ein. Wird Sinclair sie jemals wieder sehen? „Die Hexeninsel“ (70) ist die Fortsetzung von Folge 69. Jane Collins scheint endgültig an den Dämon verloren zu sein. Sinclair versuch alles, um sie zurückzuholen, da bekommt er es auch noch mit Oberhexe Wikka zu tun. In „Der Mann, der nicht sterben konnte“ (71) bekamen in Russland vor über 100 Jahren Bewohner die Auswirkungen eines Meteoriten zu spüren. Heute reist einer von ihnen London um dort Rache zu nehmen.

Neben den „Drei Fragezeichen“ gehört „John Sinclair“ zu den Kult-Hörspielen auf dem Markt! Oberinspektor John Sinclair muss sich wieder in vielen listigen Kämpfen gegen die auf die allumfassende Macht strebende Dämonen-, Hexen- und Totenwelt beweisen. Folge 67 ist was ganz Besonderes. Dort muss sich Sinclair mit Familie und Verwandtschaft auseinandersetzen – zum Grusel gibt’s noch Komik. Auch die Doppelfolge 69 und 70 bietet viel Zündstoff, da Sinclairs große Liebe für immer verloren scheint. In Folge 71 wechselt die Erzählerstimme. Joachim Kerzel wird ersetzt durch Alexandra Lange-Baehr, die u. a. Kim Basinger ihre Stimme leiht und auch alte Hollywoodfilme synchronisiert hat. Leider tut das der Qualität nicht gut, Folge 71 ist von den Sprecherleistungen nicht überzeugend. Ansonsten sind die Sprecherleistungen wie immer großes Kino. Dafür sorgen Joachim Kerzel, Frank Glaubrecht, Detlef Bierstedt, Franziska Pigulla, Martin May, Sandra Schwittau, Dietmar Wunder, Karlheinz Tafel, Ernst August Schepmann, Luise Lunow, Marie Bierstedt, Oliver Kalkofe, Rainer Fritzsche, Sven Plate und viele mehr.

Auch als Taschenbücher und Hefte erhältlich bei Bastei Lübbe.

Lübbe Audio, je 1 CD, je ca. 50 – 60 Minuten; je 7,99 Euro

Kolumne Nr. 179 vom 30.01.2012

Ian Rankin

Die Sünden der Gerechten

Inspector Malcolm Fox und sein Team, bestehend aus Sergeant Tony Kaye und Constable Joe Naysmith, müssen wieder in ihren eigenen Reihen ermitteln. Ihr Einsatzort ist diesmal das Küstenstädtchen Kirkcaldy auf der Halbinsel Fife. Der Polizist Paul Carter soll Frauen zu sexuellen Dienstleistungen gezwungen haben. Für Fox eigentlich eine Routineuntersuchung, doch von Anfang an stellen sich alle Kollegen von Carter quer. Dann begeht eines von Carters Opfern einen Selbstmordversuch und der Mann, der das Verfahren gegen Paul Carter ins Rollen brachte, wird tot aufgefunden. Es ist Carters eigener Onkel. Für Fox ist schnell klar, dies war kein Selbstmord. Die Waffe, mit der der Mord verübt wurde, entpuppt sich als eine Waffe, die es gar nicht geben dürfte. Fox’ Fall bekommt plötzlich eine ganz andere Wendung, er reicht Jahrzehnte zurück und es steht weit mehr auf dem Spiel als bloß der Ruf der Polizei.

Ein spannender und komplexer Polizei-Krimi von Schottlands Krimi-As Ian Rankin! Mit der neuen Serie um den internen Ermittler Malcom Fox bringt Ian Rankin frischen Wind ins Krimigenre. Kein anderer Hochkaliber des Krimifachs, hat bisher eine solche Serie um interne Polizeiermittler auf den Markt gebracht. Nach dem viel versprechenden ersten Fall der Serie „Ein reines Gewissen“ legt Rankin jetzt mit gleicher Qualität nach. „Die Sünden der Gerechten“ zeigt, wie schwierig es interne Ermittler haben. Recht bei denen zu suchen, die normalerweise für das Recht verantwortlich sind, ist wie das Überqueren einer schier unüberwindbaren Hügelkette. Hier muss Malcom immer die richtigen Wege und Worte finden, um überhaupt etwas zu erreichen. Doch der Fall nimmt sehr weitreichende Züge an. Er geht zurück bis in die 1980er Jahre und seine politischen Verwerfungen in Schottland. „Die Sünde der Gerechten“ ist der Beweis, wie vielfältig Krimi-Literatur sein kann. Malcom Fox ist ein stiller Held, der versucht, beruflich wie privat das Richtige zu machen, andere nicht zu verletzen. Der Alltag beweist ihm aber immer wieder, dass das nur ein Wunschtraum ist.

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. „Tatort“-Kommissar Boris Aljinovic liest einprägend und sehr präsent. 19,99 Euro.

Manhattan, 505 Seiten; 19,99 Euro

Nicholas Evans

Die wir am meisten lieben

England 1959: Der achtjährige Tommy erfährt wenig Liebe, nur seine Schwester Diane, die versucht, in Hollywood ihr Glück als Schauspielerin zu machen, ist ein Halt. Als Tommy in ein Internat kommt, wird er dauernd gehänselt und gequält. Diane rettet ihn und nimmt ihn mit nach Hollywood – doch dann kommt es zu einer Katastrophe, die Tommys Leben für immer verändert. Vierzig Jahre später ist Tom ein anerkannter Journalist und Dokumentarfilmer. Das Geheimnis seiner Vergangenheit trägt er immer noch mit sich herum. Bis plötzlich sein Sohn, den er kaum kennt, in Schwierigkeiten gerät. Man wirft Danny vor, im Irak an einem Massaker an Zivilisten beteiligt zu sein. Tom begreift, dass er eine Familie hat – und dass er eine alte Schuld begleichen muss.

Nicholas Evans hat mit „Der Pferdeflüsterer“ einen Weltbestseller geschrieben, der später auch noch sehr erfolgreich von mit Robert Redford verfilmt wurde. Seine drei Folgeromane waren auch sehr gut, dann ist es still geworden um den Autor der großen Gefühle in großartiger Naturkulisse. Mit „Die wir am meisten lieben“ kehrt er nun auf die Literaturbühne zurück – und enttäuscht. Nur wenig von seiner damaligen Außergewöhnlichkeit ist in diesem Roman vorhanden. Für das, was Evans erzählen will, ist das Buch viel zu kurz. Er reißt viele Szenen nur an, springt dann schnell weiter zur nächsten. Es fehlt eindeutig die Tiefe in der Geschichte. So verhält es sich dann auch mit den Figuren, sie bleiben nahezu alle blass. Die Geschichte hat Spannung und regt auch zum nachdenken an, nur leider ist der Rahmen dafür misslungen. Aber Nicholas Evans hat einfach ein großes Talent, ich hoffe, der nächste Roman wird wieder besser.

Rütten & Loening, 366 Seiten; 19,99 Euro

Jodi Kantor

Die Obamas – Ein öffentliches Leben

Nach dem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 2008 wollten die Obamas ihr Leben im Weißen Haus so normal wie möglich leben, sie wussten noch nichts von dem, was das Weiße Haus für Vorschriften mit sich bringt. Daher war nach ihrem Einzug alles anders, als gedacht. Der Präsident und die First Lady erzählen wie es ist, als erste schwarze First Family im Weißen Haus zu leben. Während Barack Obama versucht seine politischen Ziele zu verfolgen, ist Michelle einem ewigen Kampf ausgesetzt. Was darf sie sagen, was nicht? Sie will weiter die starke Frau sein, die sie nun mal ist, aber die politischen Vorschriften machen ihr da oft einen Strich durch die Rechnung. Und wie ist es mit dieser Verantwortung auch noch seinen Pflichten als Eltern nachzukommen? Die Autorin erzählt davon und noch über vieles mehr.  

Die Innenansichten des berühmtesten Politikerpaares! Beide hatten immer das Ziel, das Leben vieler Menschen zu verbessern, der einzige Weg hierfür war die Politik. Das, was die Politik mit sich bringt, das gefällt den Obamas weniger. Das Establishment ist etwas, mit dem sich vor allem Michelle Obama so gar nicht identifiziert. Auch Barack Obama ist der Typ, der nicht alle umgarnt, um zu gefallen. Er verbringt lieber Zeit mit der Familie, endlich, nach dem das vor 2008 kaum möglich war. Und er bereitet sich oft bis spät nachts auf die Aufgaben des nächsten Tages vor. Vor allem mit den Gepflogenheiten des Weißen Hauses kommen die Obamas nicht so zu recht. Aber sie machen das Beste daraus, und das ist, um halb sieben zum Abendessen zusammen zu sein. Sie sind wohl das mächtigste Paar der Welt, leben aber in einem goldenen Käfig, aus dem es kaum ein entrinnen gibt. Michelle versucht ihr frisches und aktives Aussehen zu nutzen, als junge und ideenreiche First Lady zu punkten. Vor allem will sie mit dem Vorurteil gegenüber Schwarzen aufräumen. Sie besucht daher lieber eine Highschool als eine Eliteuniversität. Das zentrale politische Thema beider ist aber die Gesundheitsreform. Dort merkt Obama, wie schwierig es ist, seine Wahlversprechen einzulösen. „Die Obamas“ ist ein aktuelles Buch über das mächtigste Politik-Ehepaar der Welt, das eine ausgewogene Mischung enthält zwischen privaten und politischen Einblicken und Fakten. Die „New-York-Times“-Journalistin Jodi Kantor entwirft im Jahr des Wahlkampfs zur Wiederwahl von Barack Obama ein breit gefächertes Bild der Obamas. Man erfährt viel Interessantes und Aufschlussreiches. Das Buch öffnet einem die Augen über den aktuellen Stand der US-Politik.

Droemer, 415 Seiten; 19,99 Euro

Peter Freund

Laura und der Kuss des schwarzen Dämons

Laura Leander ist nun 17, ihre fantastischen Fähigkeiten – Gedankenlesen, Traumreise und Telekinese – kann sie fast perfekt. Da erwecken fünf Jugendliche einen jahrhunderte alten Dämon, der in die Gestalten seiner Opfer schlüpfen kann und seine Macht mit einem Verderben bringenden Kuss weitergibt. Der Dämon will Laura und die Wächter des Lichts vernichten. Viel zu tun für Laura, um die dunkle Macht abzuwehren.
Vor Jahren schrieb ich über die Laura-Reihe: Fantastisch. Voller schöner Details und mächtig viel Spannung – Laura Leander ist unschlagbar! Nach einigen Jahren Pause folgt nun Band 7 der Reihe und ich kann sagen: Was ich damals schrieb, trifft auch heute noch zu. Peter Freund schafft es, Laura und der Welt Aventerra auch Jahre später noch viel Neues und Aufregendes zu verleihen. „Laura und der Kuss des schwarzen Dämons“ ist ein rasanter und spannender Ritt im Dauergalopp! Zudem ist das Buch wunderschön gestaltet, ein echter Hingucker. 

cbj, 513 Seiten; 17,99 Euro

Michael Theurillant

Rütlischwur

Kommissar Eschbach, der auch studierter Jurist ist, hat sich eine Auszeit genommen, da bekommt er das Angebot von Jakob Banz, eine führende Stellung als Jurist in der Privatbank Duprey zu übernehmen. Sein Vorgänger ist spurlos verschwunden, mit sensiblen Kundendaten. Eschbach soll leise ermitteln, da wird Banz in seinem Büro ermordet. Wer wollte den Tod des Bankiers? Eschbach muss nun viel weitreichender ermitteln.
„Rütlischwur“ ist nach „Im Sommer sterben“, „Eistod“ und „Sechseläuten“ der vierte Fall für Kommissar Eschbach. Ein Kriminalroman, der hohe Aktualität genießt. Spannend und flott erzählt. Michael Theurillant beweist Schweizer Genauigkeit auch beim Krimischreiben. Kommissar Eschbach, bitte ermitteln Sie weiter!

Ullstein, 382 Seiten; 19,99 Euro

Hörbuch der Woche

Sarah Kuttner

Wachstumsschmerz

Luise und Flo sind ein Paar (beide Anfang 30) und beschließen endlich zusammenzuziehen. Sie schaffen sich ein gemeinsames großes Bett an und teilen plötzlich den kompletten Wohnungsalltag. Das behagt Luise so gar nicht, sie denkt sich einen Wolf, Flo sieht das alles ganz gelassen. Luise hat das Gefühl, nur Erwachsen zu spielen. Als ob jemand plötzlich alles verwandelt hätte, die Regeln geändert für das Leben, ab dreißig oder so. Bei Luise entsteht eine gewaltige Kopfkrise. Dazu ist sie mir ihrem Job als Model nicht zufrieden und als gelernte Schneiderin ist sie auch in diesem Beruf aktiv, aber zufrieden ist sie da auch nicht. Obwohl eigentlich alles passt, wälzt Luise es in ihrem Kopf so lange um, bis es nicht mehr passt. Was sagt Flo dazu? Kommt er damit klar? Kann er Luise wieder auf die richtige Spur bringen? Schaffen sie ihr gemeinsames Erwachsenenleben miteinander?

Die bezaubernde Sarah Kuttner zeigt, wie schwer es ist, erwachsen zu werden, wenn man laut Ausweis schon lange erwachsen ist. „Wachstumsschmerz“ ist ein Feuerwerk an Looping schlagendem Gefühlschaos, entwaffnenden Charme und brutaler Ehrlichkeit. Eine Geschichte, bei der es einem nicht schwer fällt, sich darin wieder zu finden. Bis Luise sich zu Tode grübelt, u. a. darüber, dass das erste Mal etwas zu erleben im Alter stetig abnimmt. Luise erkennt, dass die erste gemeinsame Wohnung, ein hartes Stück Brot ist, was sich die beiden da vornehmen, Flo sieht das nicht so. Auch die Liebe ist so ein Ding für Luise. Sie liebt, ganz klar, aber kann sie sagen, dass sie Flo für immer liebt? Das „für immer“ macht Luise Kopfzerbrechen. Auch die Definition von Wir, Du und Ich in der Beziehung ist für Luise ein großes Problem. Ein Buch, das einem zeigt, man ist nicht allein mit seinen Problemen, die so groß gar nicht sind, aber es sind halt trotzdem Probleme. Luise übertreibt dann aber und schlägt mit ihrem Beziehungsgefühlsamoklauf alle Gefühlspflänzchen kurz und klein. Sarah Kuttner liest ihren Roman selbst und sie trifft den Ton ihrer Geschichte auf den Punkt. Sie bringt mit ihrer lässigen, ausgelassenen und ein-Lächeln-aufs-Gesicht-zaubernden-Stimme das Auf und Ab von Luises Gefühlen beschwingt rüber. Sarah Kuttner muss man einfach lieben!

Auch als Hardcover erhältlich bei S. Fischer, 16,99 Euro.

Argon Hörbuch, 5 CDs, 323 Minuten; 19,95 Euro