Kolumne Nr. 201 vom 02.07.2012

Corina Bomann

Die Schmetterlingsinsel

Als ihre Tante Emmely in England ins Krankenhaus eingeliefert wird, flüchtet die Anwältin Diana Wagenbach aus Berlin. Sie lässt nur eine zerrüttete Ehe zurück. Von ihrer Tante bekommt Diana noch die Aufgabe, ein lang gehütetes Familiegeheimnis zu lüften. Diana folgt den Hinweisen, die Emmely im prachtvollen Tremayne House für sie hinterlassen hat. Dabei stößt sie auf viel Ungeahntes über ihre Vorfahren. Die Spuren führen sie bis ins heutige Sri Lanka. Dort stößt sie auf eine geheimnisvolle Prophezeiung, die das Schicksal ihrer Familie für immer veränderte, eine verbotene Liebe, die niemals endete, und auf ihre eigene Bestimmung.

Corina Bomann ist die deutsche Kate Morton! Bis hierhin hatte die Autorin aber schon ein anderes schriftstellerisches Leben, sie schrieb gute Jungenbücher und bestechende, historische Romane. Aber mit „Die Schmetterlingsinsel“ hat sie in Deutschland nun einen Megaseller gelandet. Ein Buch wie eine Schatulle voller Geheimnisse! Durchweg spannend und fesselnd. Virtuos verbindet Bomann die zwei Erzählstränge, die in den Jahren 2008 und 1887 spielen. Sie saugt einen in das Buch hinein und verführt einen mit einer verschlungenen Geschichte, die viel Glanz verbreitet und nicht wenige Überraschungen bereithält. Man erfährt einiges über das frühere Ceylon und das heutige Sri Lanka, das Leben von damals, die Bräuche, die Ereignisse des Landes und eine kleine Hauptrolle in diesem Buch spielt Tee und der Teeanbau. Eine Geschichte, die einen mit seinen leidenschaftlichen Gefühlen richtig durchschüttelt und zu Tränen rührt. Wenn Corina Bomann eine angloamerikanische Autorin wäre, dann würde „Die Schmetterlingsinsel“ ein Kandidat für einen Weltbestseller sein!

Ullstein, 556 Seiten; 9,99 Euro


Naomi Alderman

Die Lektionen

Oxford. Emanuela, Simon, Franny und Jess absolvieren ihr Studium mit einer Selbstverständlichkeit. Die vier sind die Freunde von Marc, der lässiger ist als alle anderen, charmant und reich. James würde alles dafür geben dazuzugehören. Als Jess sich in ihn verliebt, geht dieser Wunsch in Erfüllung, mehr noch, Marc bittet sie alle, bei ihm einzuziehen. Keiner widersteht diesem Angebot und bald belebt eine exklusive WG den alten Herrensitz, mit rauschenden Partys und wechselnden Liebschaften. Ohne es selbst zu merken, verstrickt sich James in eine Abhängigkeit von Marc, aus der er sich, auch als die Gemeinschaft auseinandergeht und trotz seiner Liebe zu Jess, kaum befreien kann.

Mit ihrem Debüt „Ungehorsam“ sorgte die Engländerin und Oxford-Absolventin Naomi Alderman für Aufsehen. Nun legt sie ihren zweiten Roman vor. „Die Lektionen“ versprechen viel, halten aber leider wenig. Ein College-Roman kann ungeheuer spannend erzählt werden, und genau das geht diesem Buch ab. Oxford porträtiert Alderman richtig gut, aber der Aufbau der Geschichte ist unklug und verspricht 100 % Spannung light. Die Figuren haben wenig Anziehungskraft und was sie tun und was nicht ist einem schon nach kurzer Zeit egal. So verschwinden die zentralen Themen des Romans, Liebe suchen und Macht ausüben, dann auch in dem langweiligen Aufbau der Geschichte. Dieses Buch ist eine gute „Lektion“, wie man eine gute Idee enttäuschend umsetzt.

Berlin Verlag, 398 Seiten; 22,90 Euro


Veit Etzold

Final Cut

Berlin. Ein Killer, der wie ein Computervirus agiert: unsichtbar und allgegenwärtig. Er nennt sich der „Namenlose“ und seine Taten versetzen die City in Angst und Schrecken. Hauptkommissarin Clara Vidalis und ihr Team sind in der Abteilung für Pathopsychologie ohnehin schon für die schweren Fälle zuständig, aber die Vorgehensweise dieses Killers macht sie schier sprachlos. Perfide lenkt er die Ermittler stets auf die falsche Fährte. Und erst allmählich begreift Clara, dass der „Namenlose“ sein grausames Spiel nicht mit der Polizei spielen will, sondern nur mit ihr.  Während die Ermittler auf Hochtouren versuchen, die Identität des Killers aufzudecken, startet der Medienmogul Albert Torino eine neue, geschmacklose Casting-Show. Diese Show ist wie gemacht für den „Namenlosen“.


Hart. Kalt. Blutig. „Final Cut“ ist ein Thriller von internationalem Format! Der Deutsche Veit Etzold lässt mit seinem Thriller-Debüt gleich mächtig aufhorchen. Dieses Buch zeigt, wie das Internet und seine Verwurzelungen das Leben der Menschen durchsichtiger machen und wie Menschen, die viel Böses im Schilde führen, davon profitieren. Daher, immer Augen auf und sein Privatleben nicht der ganzen Welt präsentieren. Auch zeigt es, dass umso primitiver Shows werden, umso mehr Zuseher finden sie. „Final Cut“ ist ein düsterer Spielplatz der Grausamkeiten. Das hier gelesene, werden Sie so schnell nicht wieder vergessen können. Für zarte Gemüter ist dieser Thriller definitiv nicht geeignet! Schriftstellerisch ist Veit Etzold eine Mischung aus Simon Beckett, Thomas Harris und Anthony E. Zuiker, dem Macher von CSI. Äußerlich von den Hollywood-Stars Vin Diesel und Humphrey Bogart.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio. Franziska Pigulla, eine der markantesten Stimmen unter den Hörbuch- und Synchronsprecherinnen, liest Veit Etzold beängstigend gut. 19,99 Euro

Bastei Lübbe, 447 Seiten; 8,99 Euro


Kathy Reichs

Virals – Nur die Tote kennt die Wahrheit

Tory muss Geld beschaffen, damit das Forschungslabor, in dem ihr Vater arbeitet, nicht geschlossen wird. Sie hat bei den Beschaffungsmaßnahmen Glück und stößt auf geheime Dokumente, die auf den legendären Piratenschatz der Anne Bonny hinweisen. Sie und ihre Freunde, die übermenschliche Kräfte haben, folgen den jahrhundertealten Spuren. Doch auch andere sind hinter dem Schatz her.

Die „Virals“ wandern auf den Spuren der Kult-Serie „X-Men“! Mit etwas weniger Fantasy, aber starkem Personal. Kathy Reichs hat mit ihren Helden Tory, Hi, Ben Shelton und Coop eine absolut zündende Mischung erschaffen. Nach dem ersten Fall „Tote können nicht mehr reden“ fesselt auch „Nur die Tote kennt die Wahrheit“. Kathy Reichs zeigt ihre Stärken und lässt es an nichts vermissen!

cbj, 510 Seiten; 18,99 Euro


Tom Clancy

Gegen alle Feinde

Max Moore, Ex-Navy-SEAL, ist auf der Suche nach einer Terrorzelle in Pakistan. Dabei stößt er auf weitaus Größeres. An der amerikanisch-mexikanischen Grenze herrscht ein tödlicher Drogenkrieg zwischen den Kartellen. Und nun will hier noch ein weitaus gefährlicher Feind mitmischen. Max Morre stellt eine Spezialeinheit zusammen, um dort inoffiziell zu operieren.

Ein Action-Feuerwerk, das zugleich tief in die Strukturen des weltweiten Drogenhandels blickt. Tom Clancy schafft es, satte Action mit sorgfältiger Recherche und politischer Detailfülle zu kombinieren. Max Moore hat das Zeug dazu, ein neuer Jack Ryan zu werden!

Heyne, 847 Seiten; 19,95 Euro


Hörbuch der Woche

Leon Morell

Der sixtinische Himmel

Italien, Anfang des 16. Jahrhunderts. Der junge Aurelio kommt nach Rom, um dort beim größten Bildhauer seiner Zeit in die Lehre zu gehen: Michelangelo Buonarroti. Gerade hat der Papst diesen gegen seinen Willen mit einem Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle beauftragt. Michelangelo möchte andere Kunst darstellen, aber der Papst lässt ihn nicht mehr von der Angel. Zuerst ohne große Freude macht sich der Künstler ans Werk. Aber er vertieft sich immer mehr in das Werk, lässt seine Maler für sich arbeiten. Und nachts erschafft Michelangelo aus weißem Marmor das Bildnis der Frau, die keiner jemals sehen darf: die Kurtisane des Papstes. Aurelio verliebt sich unsterblich in die geheimnisvolle Schöne. Doch seine Liebe wird nicht nur ihm zum Verhängnis.


Ein ganz aufregender historischer Roman! Das Leben und Wirken von Jahrtausend-Künstler Michaelangelo wird hier facettenreich porträtiert. Zudem das Entstehen des Freskos der Sixtinischen Kapelle. So spannungsgeladen kann man historische Kunstgeschichte literarisch erzählen. „Der sixtinische Himmel“ vermittelt die damalige Zeit sehr detailreich. Ein künstlerisches Hoch auf dieses Buch bzw. Hörbuch! Wolfgang Condrus (die deutsche Stimme von Kinostar Ed Harris, und auch in „Gossip Girl“ lieh er einem Charakter seine Stimme) macht aus diesem Historienroman Hollywood-Kino für die Ohren. Seine Stimmpräsenz lässt einen nicht mehr los.

Auch als Hardcover erhältlich bei Krüger, 19,99 Euro.

DAV, 6 CDs, 509 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 202 vom 09.07.2012

E. L. James

Shades of Grey 1 – Geheimes Verlangen

Seattle, Washington. Anastasia Stelle ist 21, Literaturstudentin und in der Liebe kaum erfahren. Doch dann lernt Ana, bei einem Interview für ihre Uni-Zeitung, den Unternehmer Christian Grey kennen. Grey ist nicht nur Milliardär, sondern auch sehr selbstbewusst und unglaublich attraktiv. Und er hat sich in Ana verguckt. Er sieht sie ab sofort als sein neues Projekt an. Ana ist von ihm begeistert, er verführt sie, zuerst mit seinem Auftreten, dann mit Sex. Aber Christian hat eine dunkle sexuelle Seite, die möchte er mit Ana ausleben. Als Ana davon erfährt, ist sie unentschlossen. Was soll sie nur tun? Soll sie sich vollkommen in Christians Hände begeben und dabei alles abstreifen oder soll sie Christian einfach schnellstmöglich vergessen? 

„Shades of Grey“ – diese Roman-Trilogie erregt die Welt! Die britische Autorin E. L. James veröffentlichte „Shades of Grey“ in einem kleinen australischen Verlag, durch reine Mundpropaganda setzte es seinen Siegeszug rund um die Welt fort. Auch Hollywood hat seine Fühler nach dem Stoff ausgestreckt. Eine Geschichte, die einen einnimmt, ob man will oder nicht. Betörende Literatur, die einen Raum und Zeit vergessen lässt. Die Figuren Anastasia und Christian sind keine Abziehbildchen, wie in vielen anderen erotischen Romanen, sondern sie stecken voller Leben und Gefühlen. In James’ Büchern erlebt man alles sehr intensiv. Liebe. Leidenschaft. Sex. Hingabe. Es gibt erotische Literatur und es gibt „Shades of Grey“. Diese Trilogie ist „SEX and the City“ in einer neuen Dimension. Heiß. Heißer. „Shades of Grey“.

Goldmann, 602 Seiten; 12,99 Euro


Amélie Nothomb

Den Vater töten

dvtReno, Nevada, 1994. Joe Whip wird mit 14 Jahren von seiner Mutter vor die Tür gesetzt. Da er geschickt mit Karten umgehen kann, tingelt er durch die Bars von Reno und kann so überleben. Eines Abends wird er von einem Mann angesprochen, der ihn zu dem größten Magier bringen will, zu dem 34-Jährigen Norman Terence. Norman nimmt ihn auf, verbessert Joes Technik, er wird zum Kartenkünstler, bis ihm bald keiner mehr das Wasser reichen kann. Zudem verliebt sich der heranwachsende Junge in Normans 24-Jährige Frau Christina, die als Feuertänzerin arbeitet. Das kann natürlich kein gutes Ende nehmen. Joe schmiedet einen Plan, er will Christina und Norman, der ihn wie einen Sohn behandelt, ausschalten.

Amélie Nothomb ist literarische Künstlerin! Sie macht aus Literatur etwas Magisches. So auch der Versuch in „Den Vater töten“. Eine Geschichte über den Wunsch einen Vater zu haben und den Wunsch einen Sohn zu haben, über Liebe, Leidenschaft, Lüge und Magie. Man merkt schon bald, dass das Buch nur ein fauler Zauber ist. Die Geschichte hätte mehr hergegeben, sie hätte für die große literarische Magie getaugt. Denn „Den Vater töten“ ist in rasendem Tempo erzählt, Nothomb lässt keinen Platz für Figurenentwicklung und Atmosphäre. Das schadet dem Buch ungemein. Die Geschichte hat einige Spannungselemente und einen geschickten Dreh am Schluss, aber leider reicht das am Ende nicht für ein gutes Buch.

Diogenes, 121 Seiten; 18,90 Euro


Sam Kashner / Nancy Schoenberger

Furious Love

Richard Burton, kerniger Waliser und Theater- und Charakterdarsteller, und Elizabeth Taylor, das wohl behütete Mädchen aus der Mittelschicht, das als Kind zum Star erzogen wurde, lernen sich 1962 in Rom während der Dreharbeiten zu Cleopatra kennen. Er spielt Marcus Antonius, sie Cleopatra, die schönste Frau der Welt. Sie verlieben sich vor laufender Kamera und werden zu dem Skandal- und Glamourpaar Hollywoods der 1960er Jahre. Über keine andere Liaison wurde damals so viel geschrieben, keine wurde so gefeiert und so verurteilt. Zweimal verheiratet, zweimal geschieden – eine Liebe, so schien es, zu groß für die Ewigkeit. Dieses Buch, geschrieben von „Vanity Fair“-Autor Sam Kashner und seiner Ehefrau Nancy Schoenberger, erzählt von diesem Wechselbad der Gefühle.

Ein Buch wie ein „Oscar“-prämiertes Hollywood-Drama! „Furious Love“ erzählt die Liebesgeschichte von einem der glanzvollsten Hollywood-Paare aller Zeiten. Ein Meisterwerk unter den biographischen Sachbüchern! Das Autorenteam erzählt von dem Beginn der großen Liebe, während der Dreharbeiten zu dem Jahrhundertfilm „Cleopatra“, und wie das Liebespaar ab sofort die Weltpresse beherrschte; von Taylors Liebesbeziehungen vor Burton; von Burtons langjähriger Frau; von Taylors zügellosem Verhalten – Leben, Liebe, Drama, Sex, und alles in überbordender Dosis; den Dreharbeiten zu „Cleopatra“ und anderen Filmen, sowie Burtons Theaterzeit; wie beide extrem dem Alkohol zugetan waren; dem Beginn von Taylors Karriere, als Mädchen wurde sie schon zum Star getrimmt; wie ab 1965 die nur knapp 1,60 Meter große Elizabeth Taylor immer korpulenter wurde, durch konsequent falsche Ernährung und den Alkoholkonsum; wie die Burtons Hollywood beherrscht, ihre Filme Millionen einspielten; wie die Burtons zusammen, in heutiger Umrechung, fast eine Milliarde Dollar verdient haben; wie ab 1975 der Stern der beiden langsam verblasst, sie sich aber trotzdem nie unterkriegen ließen; und noch so vieles mehr. „Furious Love“ – furioser kann eine Lovestory nicht sein! Dieses Buch weckt Emotionen, auf jeder Seite, in jedem Satz.

Heyne, 543 Seiten; 24,99 Euro


Eugene Rogan

Die Araber

Eine groß angelegte Geschichte der Araber. Beginnend mit dem Jahr 2011 kehrt der Leser dann zum Jahr 1516 zurück, von dort führt die Geschichte bis zur ersten Welle des Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts, hin zur Katastrophe in Palästina, über den Siegeszug und den Niedergang des arabischen Nationalismus, hin zum Ölzeitalter, zur Macht des Islam, dem Kalten Krieg und zu 9/11.
Ein monumentales Sachbuch! Eugene Rogan erzählt die Geschichte einer der aufregendsten Regionen und Kulturen der Welt. Vor allem in unserer heutigen Zeit ein Buch mit hoher Wichtigkeit, um zu verstehen, zu lernen und um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Propyläen, 736 Seiten; 26,99 Euro


Nathan Wolfe

Virus – Die Wiederkehr der Seuchen

virusMikroorganismen wie Viren und Bakterien sind die vielfältigste Lebensform auf unserem Planeten – und sie befinden sich wirklich überall. Der Autor erzählt davon und nimmt den Leser mit auf eine abenteuerliche Reise in die Welt der Mikroorganismen.
Ein Buch, das einem klar macht, auf welchem Drahtseil die Menschheit wandert. Ein kleiner Virus kann die Menschen auf den Globus halbieren oder nahezu ganz ausradieren. Virologe Nathan Wolfe schreibt, dass bis zu 250 Millionen Viruspartikel pro Milliliter Wasser zu finden sind. Dieses Verhältnis macht einem klar, mit welchem Feind wir es zu tun haben, der aber auch das Gleichgewicht der Erde ausbalanciert. Der Virus ist nicht grundsätzlich des Menschen Feind. In diesem Buch erfährt man sehr viel, über aktuelle Viruserkrankungen, die die Welt in Atem hielten, und über das, was Menschen wie Wolfe tun, um die Menschen zu schützen.

Rowohlt, 332 Seiten; 19,95 Euro


Hörbuch der Woche

Rachel Joyce

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

dupdhfHarold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen, an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy. Queenie ist an Krebs erkrankt und liegt in einem Hospiz im Sterben. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter. Er denkt über sich nach, sein Leben und seine Taten. Und schon hat er den nächsten Briefkasten hinter sich gelassen. Er lernt viel über sich selbst und viel von anderen, denen er begegnet. Er muss weiter gehen, für Queenie, für seine Frau Maureen, für seinen Sohn David und für sich selbst. Und für Harold kaum zu glauben, ihm schließen sich immer mehr Menschen an. Er wird zum Pilgerreisen-Popstar. Nach 87 Tagen und 1000 Kilometern hat er es von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenie geschafft.

Ein weiser, kämpferischer, Glück spendender Roman! Diese wunderbare Geschichte über das Aufbrechen, das Finden und das Entdecken. Er ist eine Schablone des Lebens. Hier findet man Geborgenheit in Worten, hier fühlt man sich verstanden, weil die Geschichte so viel vermittelt. Ein Buch, das einem hilft, die Welt mit anderen Augen zu sehen und es flüstert einem zu: Glaube kann Berge versetzen. Heikko Deutschmann liest fein und klug, er übertreibt nicht. Mit seiner Stimme verleiht er der Geschichte Eleganz und strahlt dabei Ruhe aus.

Auch als Hardcover erhältlich bei Krüger, 18,99 Euro.

Argon Hörbuch, 6 CDs, 430 Minuten; 19,95 Euro

Kolumne Nr. 203 vom 16.07.2012

Tana French

Schattenstill

In Broken Harbour, nördlich von Dublin, zeigt sich das Gesicht der Rezession. Es sollte eine Muster-Wohnsiedlung werden, nun stehen dort mehr Bauruinen als fertige Häuser. In einem der wenigen bewohnten Häuser wird die junge Familie Spain aufgefunden – die Eltern brutal niedergestochen, die beiden kleinen Kinder erstickt. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht …

Tana French schreibt geniale Kriminalromane! Nach ihren Bestsellern „Grabesgrün“, „Totengleich“ und „Sterbenskalt“ folgt nun der neue Bestseller der irischen Autorin „Schattenstill“. Tana French erforscht alles akribisch bis in den kleinsten Winkel – Tatort, Ermittlungen, Figuren. Der Leser erfährt mehr, wie in vielen anderen Krimis, und das großartige daran ist, es ist kein Satz zu viel in ihren Büchern. Tana French schafft es, einen Kriminalroman ganz weit weg von der Stange zu erzählen. „Schattenstill“ berührt Themen wie, was passiert, wenn in unserer Zeit der Alleinverdiener in der Familie seinen Arbeitsplatz verliert, und wie Ermittler mit Fällen konfrontiert werden, die sie bis zum äußersten beanspruchen. Tana French blickt Tief in die Seele der Menschen, dort finden sich oft dunkle Abgründe. Spektakulär. Megaspannend. Literarisch ausgereift. Gänsehaut garantiert. Tana French ist im europäischen Kriminalroman eine Macht!

Scherz, 729 Seiten; 16,99 Euro


Christian Saehrendt

Blamage! Geschichte der Peinlichkeit

Den Berühmten und Mächtigen ist heute gar nichts mehr peinlich, Hollywood-Stars treten betrunken auf oder hüpfen auf Sofas. Im Fernsehen essen D-Promis Insekten oder singen junge Menschen ganz schrecklich.  Und dennoch: Uns Normalbürgern ist nach wie vor nichts peinlicher, als peinlich zu sein. Doch warum? Christian Saehrendt geht den häufigsten Fettnäpfchen der Gegenwart und den berühmtesten Blamagen vergangener Jahrhunderte auf den Grund. Doch während den einen jegliches Schamgefühl abgeht, flüchten sich andere aus Angst vor Bloßstellung in die gesellschaftliche Isolation - wie die sogenannten Hikikomori in Japan. Es stellt sich die Frage: Lohnt es sich überhaupt immer cool zu sein, oder macht es mehr Spaß, sich ab und zu einmal richtig danebenzubenehmen?

Das Buch ist nun keine vollkommene Blamage, aber was darin zu lesen ist, ist wenig erhellend noch bleibt es einem im Gedächtnis. Man erfährt, was Eva Hermann, Will Smith, Claudia Schiffer, Lady Gaga, Robert DeNiro oder den Bestseller-Autoren Scott Turrow und Jonathen Frantzen peinlich ist; warum Helmut Kohl peinlich war; was ein Gartennazi ist; wie peinlich fettglänzende Haut ist, extreme Körperbräune und viele Tattoos; wie peinlich man sich bei Flirts und in Restaurants anstellen kann; was Teenager alles peinlich finden; peinliches aus dem 20. Jahrhundert; wie man sich im Ausland überall blamieren kann; und noch vieles mehr. Das Buch wirkt oft wirr zusammengeschustert und am Ende wie ein ausgeuferter Zeitungsartikel.

Bloomsbury Berlin, 269 Seiten; 14,90 Euro


Rainer Löffler

Blutsommer

Köln. Eine Familie findet im Wald einen Haufen menschlicher Überreste, der von Fliegen und Maden bedeckt ist. Eine neue Tat vom „Metzger“, einem Serienkiller, der die Stadt schon seit Monaten unsicher macht. Der eigenwillige Martin Abel, bester Fallanalytiker des Stuttgarter LKA, wird zur Unterstützung der Polizei nach Köln beordert. Keiner kann sich so gut in die Gedankenwelt von Serienmördern hineinversetzen wie er. Was Abel überhaupt nicht passt, ihm wird die junge Hannah Christ zur Seite gestellt, um von ihm zu lernen. Christs erster Eindruck von Abel: Er ist ein Arschloch. Für Abel wird die Arbeit nicht einfacher, da er seine Thesen intern auch noch verteidigen muss. Aber Abel weiß genau, was er tut. Und er will den „Metzger“ finden …

„Blutsommer“ ist ein knallharter, psychologisch ausgefeilter und extrem spannender Thriller. Solche Bücher aus diesem Genre schreiben normal nur die angloamerikanischen Autoren.  Löffler macht die Tätersuche zu einer Wissenschaft, die es in sich hat. Martin Abel – unbequem, unangepasst, schlau, fokussiert. Ihm entgeht nichts. Er hat das Zeug dazu, eine Figur im deutschen Thriller zu werden, an der kein Leser vorbeikommt. Dem Autor ist aber nicht nur eine unvergessliche Hauptfigur gelungen, auch die Nebendarsteller und der Täter haben eine Präsenz, die weit über dem genreüblichen Durchschnitt liegt. „Blutsommer“ ist der Beginn einer großen Thriller-Reihe. Rainer Löffler – ein Name, den man sich merken muss!

Rowohlt, 491 Seiten; 9,99 Euro


Janet Evanovich

Das Beste zum Kuss

Stephanies Cousin Vinnie wird wegen Spielschulden von einem Gangster entführt. Lösegeld will keiner zahlen, also müssen sich Vinnies Mädels Stephanie, Connie und Lula etwas einfallen lassen, um ihre Jobs zu behalten. Guter Rat ist teuer, aber die drei Frauen stürmen drauflos. Die Probleme werden dadurch nicht weniger.
Janet Evanovich zu lesen, ist am besten zu vergleichen mit einem großen Korb voller Schokolade und einem riesigen Becher Eiscreme – ganz leckere Unterhaltungsliteratur! „Das Beste zum Kuss“ reiht sich da nahtlos ein. Stephanie Plum ist eine Kultikone der modernen Literatur! Was man mit ihr alles erlebt, dagegen kommt einem das Donnern eines Wasserfalls wie ein leises Summen vor.

Manhattan, 316 Seiten; 14,99 Euro


Michael Peinkofer

Splitterwelten

In ferner Vergangenheit ist die Welt in unzählige Teile zersprungen. Seither wacht die Gilde der Meisterinnen über die Weltensplitter und deren Bewohner. Nun zieht auf den Weltensplittern Gefahr auf: Menschen haben die Vorherrschaft über niedere Geschöpfe erlangt. Und die Unterdrückten begehren auf.
Eine neue Fantasy-Trilogie von einem der besten deutschen Fantasy-Autoren! „Splitterwelten“ macht den Anfang. Michael Peinkofer hat wieder Figuren erschaffen, denen man gerne folgt. Die Welten, die Peinkofer jedes Mal aus dem Hut zaubert, sind spektakulär. „Splitterwelten“ verlangt nach einer schnellen Fortsetzung!

Piper, 574 Seiten; 16,99 Euro


Hörbuch der Woche

Oliver Pötzsch

Der Hexer und die Henkerstochter

1666: Der Schongauer Medicus Simon und seine Frau Magdalena, die Tochter des Henkers, brechen zu einer Wallfahrt ins Kloster Andechs auf. Dort lernt Simon den mysteriösen Frater Virgilius kennen, der Uhrmacher und Erfinder ist. Simon ist fasziniert von den unheimlichen Automaten, die Virgilius erschaffen hat. Als der Frater verschwindet und sein Labor zerstört wird, ahnt Simon Böses und ruft Jakob Kuisl, den Schongauer Henker herbei. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einem wahnsinnigen Mörder. Was sie danach alles erfahren und erleben, daran hätten sie zuvor nicht zu denken gewagt …

Ein historischer Krimi der Extraklasse! Oliver Pötzsch gehört in diesem Genre zu Deutschlands Besten. „Der Hexer und die Henkerstochter“ ist der der 4. Teil der Saga, und auch für Neueinsteiger in die Serie ist es kein Problem Fuß zu fassen. Die Geschichte bietet viel Neues aus dem „Henkerstochter“-Universum, wartet mit vielen spannenden Momenten auf und mit nicht weniger Überraschungen. Die „Henkerstocher“-Saga wäre nach der „Wanderhuren“-Saga die nächste, die das Fernsehen für sich entdecken sollte. Der Würzburger Johannes Steck beweist nicht nur wieder sein großes Talent als Geschichtenerzähler, dem man immer an den Lippen hängt, sondern auch, dass er sein Bayrisch nicht verlernt hat.

Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 14,99 Euro.

Hörbuch Hamburg, 6 CDs, 460 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 204 vom 23.07.2012

John Friedmann

Flaschendrehen furioso

Carlo und Anna und auch Carlos Schwester Elli, Heiko und Sandra, Tina und Lutz, drei Paare sind fassungslos. Ihr Traumurlaubsdomizil in Italien sollen sich alle plötzlich teilen. Das sorgt für Aufregung, doch man versucht, mit der Situation klarzukommen. Aber hier braut sich was zusammen, denn unterschiedlicher könnten die sieben nicht sein. Unter anderem ist die forsche Münchner Anwältin Anna von der flippigen Berlinerin Tina genervt; der dynamische Versicherungsvertreter Heiko kann weder was mit Bayer Carlo noch mit Student Lutz anfangen. Das ändert sich, als sie im Haus eine große Summe Geld finden. Nach heftigen Diskussionen, was mit dem Geld passieren soll, kommt es zum Falschendrehen. Dabei packt jeder aus, und am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war.

Sie kennen den kernig aussehenden John Friedmann nicht? Er war einmal die eine Hälfte (Erkan) des Comedy-Duos „Erkan & Stefan“. Mit seinem ersten Roman „Flaschendrehen furioso“ beweist er, dass er viel mehr kann, als den Türken spielen. Dieser Roman hat Klasse! Die Figurenkonstellation ähnelt einem sich kurz vor der Explosion befindenden Sprengstoff. Friedman hat seine Figuren wunderbar ausgearbeitet, sie zeigen schonungslos wie die Frauen und Männer aus unserem Land so drauf sind, ob West und Ost oder Nord und Süd. Das birgt viele Aha-Momente, so eine oder einer ist mir auch schon begegnet, und es bringt einen unweigerlich zum lachen, aber auch zum nachdenken. „Flaschendrehen furioso“ dreht sich um Liebe, Beziehungen und Sex, um Wahrheit und Lüge, Gier, Neid und Missgunst, um das Leben und was es einem zu bieten hat. Das Buch zeigt, Menschen sind kompliziert, aber auch berechenbar. „Flaschendrehen furioso“ hat höchsten Unterhaltungswert! Und so wie das Buch endet, hofft man auf eine weitere Geschichte mit diesen sieben Köpfen.

Droemer, 393 Seiten; 14,99 Euro


Martin Walser

Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse

Martin Walser denkt, wir alle leben seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns Recht zu haben genügt, nennt Walser eine Verarmung. Um seine Meinung zu unterstützen, versucht er alte Schriften zu bemühen, die ihm dabei helfen. Von Kafka zu Augustinus; zu Luther, Calvin und Max Weber; zu Nietzsche und Karl Barth. Und Walser schafft kurz im hier und jetzt anzukommen, immerhin in einem Absatz, bei Thomas Gottschalks tragischster „Wetten dass…?“-Sendung. Rechtfertigung ist Gewissenserkundung und Suche. Walser versucht zu den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens vorzudringen.

Wieder mal ein Buch eines einst großen Schriftstellers, das nur da ist, um Geld in die Kasse zu spülen, aber nicht, um den Leser zu begeistern. In Martin Walsers neuem Buch geht es um die Rechtfertigung in unserer Welt und über den Glauben und Gott. Und um noch viele kleine Dinge am Rande, die Walser wichtig erscheinen, aber wohl nur für ihn wichtig sind. Walser spricht in diesem Buch von Weltliteratur, beschäftigt sich aber zu Anfang mit Kafka und dann fast nur noch mit Karl Barth und Friedrich Nietzsche. Bevor man sich traut, solch ein Buch zu schreiben, sollte man mal tatsächlich gelesen haben, was die Welt an Literatur zu bieten hat. Herr Walser zeigt sich hier vollkommen ahnungslos und blamiert sich damit bis auf die Knochen. In diesem konfus zusammen gewürfelten Buch hat er auf den wenigen Seiten auch selbst  nicht viel geschrieben, denn das Buch besteht zu 80 % aus Zitaten, und Walser schafft es gar, sich in seinem eigenen Buch gleich mehrmals selbst zu zitieren. Martin Walser meint, jeden Gedanken, den er hat, zu Papier bringen zu müssen und das dann auch noch als Buch drucken zu lassen. Welch Egomane muss man sein, um solch ein Buch zu schreiben?

Rowohlt, 107 Seiten; 14,95 Euro


Sabine Klewe

Der Seele weißes Blut

In einem Waldstück bei Düsseldorf wird eine grauenvoll zugerichtete Frauenleiche, halb im Waldboden eingegraben und zu Tode gesteinigt, gefunden. Noch die letzte Nacht in den Gliedern macht sich Hauptkommissarin Lydia Louis vom Tatort ein Bild. Mit dabei, ihr neuer Kollege, der Kölner Christopher Salomon. Schnell scheint klar: Hier handelt es sich um einen Ehrenmord. Doch das Opfer hat keinen muslimischen Hintergrund. Und wie passen die rätselhaften Zeichen dazu, die in den Baumstamm neben der Leiche eingeritzt sind? Louis und Salomon sind dem Mörder dicht auf den Fersen. Doch der Killer hat sein Werk längst nicht vollendet – und die Kommissarin fällt genau in sein Beuteschema …

Sabine Klewe schreibt bereits seit einigen Jahren Kriminalromane rund um die Fotografin und Amateurdetektivin Katrin Sandmann. Mit ihrem neuen Ermittlerduo Lydia Louis und Christopher Salomon macht Klewe nun aber einen mächtigen Schritt nach vorne. „Der Seele weißes Blut“ ist beängstigend, verstörend und ausgezeichnet spannend. Sabine Klewe versteht ihr Handwerk, sie schreibt  temporeich und lässt einem kaum Zeit zum Luft holen. Sie erzählt hauptsächlich aus der Sicht der Ermittler und lässt Täter-und-Opfer-Szenarien fast komplett außen vor, was die spannende Mörderhatz nicht weniger interessant macht. Eine Thriller-Reihe, die aufhorchen lässt! Das Ermittlerduo Lydia Louis und Christopher Salomon habe eine große Zukunft vor sich. Und auch die weiteren Ermittler haben noch genügend Potenzial für viele weitere Bücher.

Goldmann, 348 Seiten; 8,99 Euro


Chimamanda Ngozi Adichie

Heimsuchungen

Nigeria und Nordamerika. Nigeria bewegt sich immer mehr auf die Moderne zu, hält die Traditionen aber hoch. Das Land wird aber immer noch bedroht von Gewalt und Korruption. In Amerika hält das Leben nicht, was es verspricht. In diesen Welten geschehen unvergessliche Geschichten. „Heimsuchungen“ enthält zwölf davon.
Chimamanda Ngozi Adichie erzählt ausdrucksstark, feinfühlig, klar und geistreich. „Heimsuchungen“ ist ein Erzählband, der die Vielfältigkeit von Nigeria, ja Afrika zeigt und es verbindet mit der modernen Welt. Es zeigt Menschen in normalen, teilweise beängstigenden Alltagssituationen, aber da uns das wirkliche Leben in Afrika so weit entfremdet ist, ist es genau das, was die Anziehungskraft dieses Buches ausmacht.

S. Fischer, 301 Seiten; 19,99 Euro


John Jackson Miller

Star Wars, Knight Errant – Jägerin der Sith

Das Imperium befindet sich in einem Zustand permanenter Bürgerkriege. Dunkle Lords wollen die Herrschaft über verlassene Gebiete. Die junge Jedi Kerra Holt begibt sich in feindliches Territorium. Sie ist auf sich alleine gestellt und nimmt den Kampf gegen die Sith auf. Kann Kerra gegen diese Übermacht bestehen?
Blanvalet lässt das Star-Wars-Universum weiterleben. Mit „Jägerin der Sith“ gehen wir ganz weit zurück – 1032 Jahre vor „Eine neue Hoffnung“. Ein actiongeladenes Werk, das pures Star-Wars-Feeling liefert. Kerra ist eine außergewöhnliche Heldin. Die Star-Wars-Reihe hat große Klasse!

Blanvalet, 505 Seiten; 13,00 Euro


Hörbuch der Woche

Ed Falco / Mario Puzo

Die Corleones

New York, 1933. Die Aufhebung der Prohibition steht bevor und zwischen den Gangsterbossen der Stadt entflammt ein brutaler Verteilungskampf. Vito Corleone ist bereits stark, doch noch längst nicht der mächtige, alles beherrschende Pate. Mit allen Mitteln verteidigt er sich gegen die brutalen Angriffe seiner Konkurrenten. Während er versucht, seine Familie zu schützen, kommt sein ungestümer ältester Sohn hinter die wahren Machenschaften seines Vaters und drängt darauf, ins Familiengeschäft einzusteigen. Es kommt nicht nur zu einer Auseinandersetzung. Und auch die Liebe zu einer Frau, oder doch nur der Sex, befeuert die Kämpfe unter den verfeindeten Gruppen weiter.

„Der Pate“ ist zurück! Literarisch kehrt das Buch bzw. Hörbuch zurück zu den Wurzelen des späteren Paten Vito Corleone. Ed Falco, dessen Tochter in „Die Sopranos“ mitspielt, hat aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript von Mario Puzo, der 1999 starb, „Die Corleones“ gemacht. Es geht um Macht, um die Familie, die Liebe und die Freundschaft, Revierkämpfe und natürlich um viel Geld. Hier regiert das Verbrechen, da spielt ein Menschenleben nur eine untergeordnete Rolle. Ein geglückter Ausflug in die frühe Zeit des späteren Paten. Hier lebt das New York der 1930er Jahre auf, die harte Zeit spürt man am Leib. Ein Mafia-Thriller allererster Güte! Mario Puzo wäre stolz auf dieses Werk. „Die Corleones“ hätte vielleicht gar nicht erscheinen können, denn das Filmstudio Paramount wollte gegen eine Veröffentlichung klagen, lies aber davon ab, als man erkannte, dass sich der Stoff verfilmen ließ. Stephan Benson gibt sich der Aura der Geschichte und der Corleones ganz hin. Er liest eingängig und voller Inbrunst.

Auch als Hardcover erhältlich bei Klett-Cotta, 21,95 Euro.

DAV, 8 CDs, 600 Minuten; 24,99 Euro

Kolumne Nr. 205 vom 30.07.2012

C. C. Hunter

Shadow Falls Camp 1 – Geboren um Mitternacht

Kylie ist 16 und ihr Leben meint es gerade nicht gut mit ihr. Ihre Eltern lassen sich scheiden, ihre Oma ist gestorben, ihr Freund hat Schluss gemacht. Nachdem sie auf einer Party von der Polizei abgeführt wird,  schickt ihre Mutter sie in ein Sommercamp. Kylie verwirren die komischen Typen im Camp. Bald erfährt sie, dass Shadow Falls anders ist. Hierher kommt nur, wer übernatürliche Kräfte hat – Feen, Hexen, Vampire, Gestaltwandler und Werwölfe. Auch Kylie soll besondere Fähigkeite haben, nur weiß noch keiner so recht welche. Und dann wird auch noch das Camp bedroht. Nur, wenn alle ihre besonderen Kräfte gemeinsam einsetzen, werden sie die übermächtigen Feinde besiegen können.

C. C. Hunter hat sich das Beste von „Twilight“, „House of Night“ und „True Blood“ abgeschaut und noch eine frische Moderne in ihre Geschichte gepackt, herausgekommen ist „Shadow Falls Camp“. Fans der vorgenannten Reihen, werden hier viele spannende Momente erleben. Trotz der Fantasy geht Hunter auch sehr auf die Sorgen, Wünsche und Bedürfnisse der heutigen Jungendlichen ein, damit verliert die Geschichte auch nie ihre Erdhaftung. Ob Streit mit den Eltern, frühe Schwangerschaft, sich verändernde Freundschaften, erste Liebe und die Verwicklungen die folgen, Hunter zeigt Einfühlungsvermögen. „Shadow Falls Camp“ ist anziehend wie ein Magnet. Ich bin vom „Shadow Falls Camp“ absolut beGEISTert!

Auch als Hörbuch erhältlich bei DAV. Cool, einfühlsam und frisch gelesen von Anke Kortemaier, u. a. die deutsche Stimme von Keira Knightley. 19,99 Euro.

FJB, 493 Seiten; 14,99 Euro


Massimo Carlotto

Tödlicher Staub

Sardinien. Pierre Nazarri wird als Deserteur von der Militärpolizei gesucht. Er ist erpressbar und wird von einer paramilitärischen Organisation auf die junge Tierärztin Nina angesetzt. Ninas Nachforschungen über mysteriöse Erkrankungen und Missbildungen bei Schafen und Ziegen, passt einflussreichen Kreisen gar nicht. Nazarri geht wie immer seinen eigenen Weg. Ans Tageslicht kommt Italiens dunkle Seite, die auf dem Rücken der Umwelt und der Menschen ausgetragen wird. Und am Ende hat Nazarri das Ziel zu überleben und eine Rechnung zu begleichen.

Nach „Banditenliebe“ ist „Tödlicher Staub“ der zweite Roman des Italieners Massimo Carlotto der in Deutschland erscheint. Wie schon in seinem Vorgänger sind die Figuren sehr flach, Carlotto beschreibt diese gerne mit: die „Zwanzigjährige“, die „Fünfunddreißigjährige“, der „Vierzigjährige“, u. s. w. So ist eine charakterliche Vertiefung natürlich nicht zu erwarten. Die Grundidee der Geschichte, die Machenschaften von Mafia, Militär und Politik, hätte Potenzial für einen guten Krimi gehabt. Carlotto und neun Journalisten haben jahrelang geforscht und einen Öko-Skandal offen gelegt. Leider kann Carlotto dieses wichtige Thema niemals ausreichend gut transportieren, er schreibt oft wirr und viel zu kurz. Massimo Carlottos Stil ist weiter eine Augenweide, wenn man auf eine rasante Feder aus ist. Leider verliert er bei dieser Geschwindigkeit oft die Figuren, die Geschichte und die Spannung aus den Augen.

Tropen, 159 Seiten; 14,95 Euro


Austen Wright

Tony & Susan

Susan Morrow erhält eines Tages Post von ihrem Exmann Edward, von dem sie seit zwanzig Jahren nichts mehr gehört hat. Als sie ihn damals verließ, war er ein angehender Schriftsteller, voller hochfliegender Pläne. Jetzt hat er ihr das Manuskript seines Romans „Nachttiere“ geschickt, und widerstrebend beginnt sie, es zu lesen. Es ist die  Geschichte des Mathematikprofessors Tony Hastings, dessen Frau und Tochter auf der gemeinsamen Fahrt in den Urlaub entführt, vergewaltigt und ermordet werden. Tony ist am Boden zerstört. Unaufhaltsam gerät Susan in den Sog dieses beklemmenden Romans. Und je weiter sie liest, desto mehr beginnt sie zu ahnen, dass Edward vielleicht gar nicht ihre Meinung über sein Manuskript einholen will, sondern das die Geschichte ein ganz anderes Geheimnis in sich trägt.

Austen Wright hat ein Komplott ausgeheckt, um den Leser in die Irre zu führen, ihn zu verführen und am Ende zu entführen. Denn, denken Sie nicht, dass Sie das Buch noch mal zu Seite legen können, wenn Sie einmal angefangen haben zu lesen. Erst kommt die Spannung auf leisen Sohlen, dann aber gewaltig. Eine Geschichte, die einem durch Mark und Bein geht. Ein zeitloser literarischer Krimi, ein Roman über die Komplexität der Liebe und der Ehe, über die Trauer, das Aufbrechen, den Neuanfang, das Abrechnen. Extraklasse! Der Clou, zwei Romane in einem zu schreiben, beweist sich als absolut gelungen. Der 1922 in New York geborene Austen Wright hat dieses Buch 1993 verfasst. Leider verstarb der Autor 2003 im Alter von 80 Jahren. Nach 1994 erscheint „Tony & Susan“ nun auch endlich wieder bei uns.

Luchterhand, 413 Seiten; 19,99 Euro


Petra Hammesfahr

Die Schuldlosen

Janice Heckler ist tot. Der Täter ist schnell gefunden – Alex Junggeburt, als Kind bedauert, als Jungendlicher gefürchtet, als Erwachsener verteufelt. Sechs Jahre später kommt Alex auf Bewährung aus dem Knast. Sein erster Weg führt ihn zurück an den Ort des Geschehens – in sein Elternhaus. Das Dorf in dem er lebt wird unruhig. Nimmt er Rache? War er damals wirklich der Täter? 
Petra Hammesfahr gehört zu Deutschlands Top-Autorinnen! Nicht nur im Kriminalroman, da ihre Romane oft weitaus mehr sind, als pure Krimis, sondern große Bilder unserer Gesellschaft und den Menschen, die sich darin bewegen. „Die Schuldlosen“ ist schnörkellos geschrieben, man klebt an den Seiten. Ein Psycho-Krimi, der unter die Haut geht!

Wunderlich, 446 Seiten; 19,99 Euro


Aprilynne Pike

Elfenbann

Laurel hat den Elfen Tamani seit vergangen Winter nicht mehr gesehen. Damals hat sie sich für David und das Leben als Highschool-Mädchen entschieden. Da taucht Tamani am ersten Tag des neuen Schuljahres auf. Er will Laurel vor den bösen Mächten beschützen. Für Laurel flammt wieder der innere Konflikt auf – liebt sie den Menschen David oder den Elf Tamani?
Aprilynne Pike wird immer besser! Ihre „Elfen“-Tetralogie hält weiter Romantik, Magie, Leidenschaft und Spannung hoch. Ein traumwandlerisch schönes Fantasy-Märchen! „Elfenbann“, der dritte Teil, kann vollkommen überzeugen. Auf den vierten und letzten Band wartet man ungeduldig.

cbj, 407 Seiten; 16,99 Euro


Hörbuch der Woche

Marc Raabe

Schnitt

Westberlin, 1979. Der elfjährige Gabriel steht an der Schwelle einer Kellertreppe. Er hat Angst, aber auch die Neugier packt ihn. Gabriel macht sich auf den Weg nach unten, in den Keller, der ein Geheimnis birgt. Im Keller findet er verstörende Fotos vor, die an einer Wäscheleine hängen und einen Videorecorder. Er betätigt die Play-Taste. Der Film gibt die Fotos wider. Für ihn befindet sich darauf unaussprechliches und sein Vater ist der Hauptdarsteller. Er musste etwas tun, er war der einzige der etwas tun konnte. Aber was? Berlin, 29 Jahre später. Gabriels Freundin gerät in die Fänge eines gefährlichen Psychopathen. Er wollte damals nur noch vergessen, doch nun muss er sich erinnern, nur dann kann er sie retten. Doch das bringt Gabriel in tödliche Gefahr.

Ein Psychothriller wie ein Griff in die Steckdose. Hier steht man unter Dauerspannung. Man kann kaum glauben, dass es sich hier um ein Thriller-Debüt handelt. Marc Raabe schreibt mit absoluter Präzision und leuchtet seine Figuren psychologisch bis in den kleinsten Winkel aus. Außerordentlich gut gelungen! „Schnitt“ wird sie abschneiden von der Welt und nur noch hektisch die Seiten blättern lassen. Oder nur noch hören lassen. Sascha Rotermund macht mit seiner Hollywood-Stimme daraus großes Ohr-Kino. Er leiht u. a. seine Stimme „Batman“-Star Christian Bale und Joaquin Phoenix und er spricht den „Mad Men“ in der Kultserie.

Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 14,99 Euro.

Hörbuch Hamburg, 6 CDs, 480 Minuten; 19,99 Euro