Kolumne Nr. 93 vom 07.06.2010

John Irvingdaumen_rauf

Letzte Nacht in Twisted River

1954, New Hampshire. Im Flößer- und Holzfällercamp Twisted River verwechselt der 12jährige Danny im Dunkeln die Geliebte des brutalen Dorfpolizisten mit einem Bären, mit tödlichen Folgen. Der Junge muss mit seinem Vater Dominic, dem Koch des Camps, fliehen – zuerst nach Boston, dann nach Vermont und Iowa und schließlich nach Kanada, verfolgt von einem Rächer, der auch Jahrzehnte nicht vergisst. Jedes Mal steht Dominic in einer neuen Küche. Er zaubert immer ein neues Gericht, eine neue Liebe, eine neue Existenz für sich und seinen Sohn. Doch das Leben von Danny und Dominic bleibt eine Achterbahnfahrt.

Solche Romane kann nur John Irving schreiben. Eine außergewöhnliche Geschichte, außergewöhnlich gut erzählt von einem außergewöhnlichen Ausnahmekönner der Literatur. „Letzte Nacht in Twisted River“ ist intensiv, sprachgewaltig, einfühlsam. Es raschelt immerzu auf den Seiten, vor Leben, Glück, Trauer, Spaß, Schmerz und unglaublichen Ereignissen. Ein Buch mit der Wucht eines reißenden Flusses. Ein Meisterstück! Es steht auf einer Stufe mit Irvings besten Werken wie „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.

 

Diogenes, 731 Seiten; 26,90 Euro

Roman Maria Koidldaumen_runter

Scheißkerle

Betrüger, Serientäter, Gefühlssadisten. Sie alle finden sich ein im ganz normalen Leben einer Frau um die Dreißig, die eigentlich nur eines sucht: Mr. Right, den Mann fürs Leben. Warum fallen vor allem die hübschen Frauen immer auf diese Kerle rein? Wie sich oft herausstellt, sind die attraktiven und selbstbewussten Frauen leider oft selbst schuld, sich den Kaffeesatz der männlichen Spezies zu angeln. Denn er muss alles erfüllen, was man sich vorstellt, vor allem optisch, beruflich, statusmäßig. Tja, und da gibt’s dann die Scheißkerle. Davon und von mehr handelt dieses Buch.

Ein Buch das viel verspricht und kaum etwas davon halten kann. Wie viele Pseudo-Beziehungsratgeber. Unternehmer Koidl erzählt aus seiner Sicht, wie es ist mit den verlogenen Kerlen und den Frauen, die diese miesen Typen immer wieder abkriegen. Koidl bleibt wie nicht anders zu erwarten oberflächlich und verallgemeinert, seine Thesen sind aber teils mit einem großen Schmunzeln zu lesen, was aber bei diesem doch ernsten Thema komplett fehl am Platz ist. Und manchmal denkt man, kenne ich doch auch aus meinem Bekanntenkreis – diese Kerle gibt’s leider überall. Aber deshalb muss man daraus kein Buch machen. Koidl hätte mit seinen 18 golden Ratschlägen am Ende des Buches einen Flyer bedrucken lassen sollen. Das hätte gereicht. Vor allem echte Frauen, die wissen, was im Leben wichtig ist, werden die Seiten dieses Buches nur zum Aufwischen von Hundekot verwenden.

 

Hoffmann & Campe, 223 Seiten; 17,00 Euro

Sabine Thieslerdaumen_rauf

Der Menschenräuber

Die hochbegabte junge Kunststudentin Giselle wird von einem betrunkenen Autofahrer überfahren und tödlich verletzt. Ihr Vater Jonathan, ein erfolgreicher Fotograf und Eventmanager, kommt über ihren Tod nicht hinweg. Auch seine Ehe zerbricht. In einer Novembernacht fährt er einfach los. Er strandet in einer heruntergekommen Ferienwohnung einer Bauernfamilie in der Toskana. Dort lernt er deren blinde Tochter Sofia kennen, die seiner Tochter so sehr gleicht. Jonathan bleibt in Italien, verliebt sich und heiratet Sofia. Aus dem Gehöft machen sie ein luxuriöses Feriendomizil. Eines Tages verbringen Gäste aus Deutschland dort ihren Urlaub. Jonathan erkennt, wer sich da eingemietet hat. In ihm erwachen erneut Hass und Rachegefühle. Er übt tödliche Vergeltung, aber das ist ihm noch nicht genug …

Sabine Thiesler seziert das Leben, was es mit sich bringt, wie man sich verändert, welche Auswirkungen kleine und große Ereignisse haben. Und bei Sabine Thiesler ist das kein Gesellschaftsroman, obwohl sie auch hier die dunklen Seiten ausleuchtet, sondern ein Krimi der ganz anderen Art, der einen fiebernd an ihre Bücher fesselt. Da kennt Sabine Thiesler keine Gnade, sie lässt den Leser nicht mehr von der Angel, wenn sie ihn einmal am Haken hat. Das geschieht bei ihr sehr schnell. Man muss nur ein Buch von ihr in die Hand nehmen, schon ist’s passiert. „Der Menschenräuber“ kommt auf ganz leisen Sohlen angeschlichen. Kein Blut, kein Thrill, keine Verfolgungsjagden, keine CSI-Techniken, trotzdem ist das Buch mörderspannend. Sabine Thiesler zieht die Spannung aus kleinen Details und arbeitet mit ihren Figuren langsam auf den großen Knall hin. Große Klasse! Nach „Der Kindersammler“, „Hexenkind“ und „Die Totengräberin“ ihr vierter leiser Krimi, der genau deswegen so umwerfend gut ist.

 

Heyne, 463 Seiten; 19,95 Euro

Michael Stanleydaumen_rauf

Kubu und der Tote in der Wüste

Detective David „Kubu“ Bengu, bester Mann der Kripo Botswanas. In der Kalahari werden die Überreste eines Mannes gefunden. Wer hat ihn ermordet? Die Spuren führen zu einem internationalen Diamantenkonzern. Detective Kubu ist ein großer Sympathieträger, der das Leben versucht zu genießen und dabei eine hervorragende Spürnase hat. Das Autorenduo Stanley hat in ihrem Debüt-krimi aber noch eine weitere tragende Rolle erschaffen: Botswana. Der Leser erfährt viel über Land, Leute und Gebräuche. Ein Buch, das einfach großen Spaß macht.

 

Eichborn, 539 Seiten; 21,95 Euro

Christopher Andrewdaumen_rauf

MI5 – Die wahre Geschichte des Britischen Geheimdienstes

Die Geschichte des Nachrichtendienstes der Briten. Sie beginnt 1909 und erlebt 2009 sein 100jähriges Bestehen. Christopher Andrew erzählt vom Tätigkeitsfeld ab dem 1. Weltkrieg bis zum heutigen Kriegsfeld, dem Terrorismus. Wer schon immer mal wissen wollte, wie es im Inneren eines der legendärsten Geheimendienste der Welt aussieht, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Was sie hier erfahren, werden Sie sonst nirgendwo lesen. Man wird vieles mit anderen Augen sehen. Eine extrem interessante und spannende Lektüre!

 

Propyläen, 912 Seiten; 24,95 Euro

 

Hörbuch der Woche

Donato Carrisidaumen_rauf

Der Todesflüsterer

In einer Waldlichtung bergen Spurensicherer die Arme von sechs vermissten Mädchen. Für Profiler Goran Gavila und Sonderermittlerin Mila Vazquez steht fest, dass sie es mit einem kaltblütigen Serientäter zu tun haben. Aber sie ahnen noch nicht, wie perfide der gesichtslose Mörder zu Werke geht. Er benutzt andere dazu, seine grausamen Fantasien in die Tat umzusetzen. Auch die Ermittler sind bereits Figuren in seinem Spiel, in dem nur er die Regeln kennt.

Der junge und charismatische Italiener Donato Carrisi macht sich auf, einer der besten europäischen Thrillerautoren zu werden. Gleich mit seinem Debüt zeigt er, was er kann. Er hat einen Psychopathen erschaffen, der den großen des Thrillergenres in nichts nachsteht. „Der Todesflüsterer“ ist ein innovativer Thriller mit einem schockierenden und überraschenden Finale. Einer unserer ganz großen Schauspieler im Lande hat die Lesung dieses Thrillers übernommen: Christoph Berkel (Das Stauffenberg Attentat). Er verleiht der Story mit seiner prägnanten und nachdenklich wirkenden Stimme ein hohes Qualitätssiegel.

Auch als Taschenbuch erhältlich bei Piper, 9,95 Euro.

der Hörverlag, 6 CDs, 420 Minuten; 19,95 Euro

Kolumne Nr. 94 vom 14.06.2010

Sebastian Fitzekdaumen_rauf

Der Augensammler

Der Augensammler geht um. Ein Killer mit grausamen Methoden. Erst tötet er die Mutter, verschleppt das Kind, und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche. Dann stirbt das Kind. Den aufgefundenen Leichen fehlt zudem jeweils das linke Auge. Bislang hat der Killer keine Spur hinterlassen. Da meldet sich bei Journalist Alex Zorbach eine mysteriöse Zeugin: Alina Gregoriev, eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, manchmal durch bloße Körperberührung in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen zu können. Und gestern habe sie womöglich den Augensammler behandelt. Alex sieht in Alina seine letzte Chance. Selbst ins Fadenkreuz der Ermittler geraten, hofft er nun mit Alinas Visionen seine Unschuld zu beweisen. Visionen, die allerdings seltsame Fehler enthalten …

Ein Psychoschocker, der einen nicht mehr ruhig schlafen lässt! Es ist dringend geraten, vor dem Lesen alle Anlaufstellen für Ihre Gesundheit aufsuchen, Arzt, Apotheker, Psychiater, denn danach werden Sie dazu nicht mehr fähig sein. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Sebastian Fitzek schafft es auch mit seinem sechsten Thriller wieder, den Leser in die Psychohölle zu versetzten. Angst geht um beim lesen. Ein Thriller, der auch auf der New-York-Times-Bestsellerliste auf Platz 1 stehen könnte. Deutschland hat schon einen Weltmeister, den der Psychothriller-Literatur: Sebastian Fitzek.

 

Droemer, 442 Seiten; 16,95 Euro

Tom Sharpedaumen_runter

Lauter Irre

Die Gropes sind eine besondere Familie. Bereits seit dem 10. Jahrhundert, als sich Ursula Grope den Wikinger Awgard den Bleichen zum Mann nahm. Die Grope-Frauen haben ihre Männer immer unter Kontrolle, bringen viele weibliche Nachkommen zur Welt und sie sehen alle gleich aus: sehr groß, sehr stark, sehr rothaarig und sehr hässlich. Belinda Ponson ist eine Nachfahrin der Gropes. Belinda ist nicht erfreut, dass es ihr nicht gelingt mit ihrem nichtsnutzigen Mann ein Grope-Nachkommin zu zeugen. So entführt sie ihren Neffen Esmond. Der soll nun herhalten. Aber Belinda hat die Rechnung ohne ihre Neffen gemacht. Der willigt zwar ein, sie zu ehelichen, aber ihm schwebt etwas ganz anderes vor …

Tom Sharpe, Jahrgang 1928, war einer von Englands großen schwarzhumorigen Komödianten unter den Autoren. Sein größter Erfolg: „Puppenmord“. War? Seine große Zeit ist vorbei, denn Humor muss man in seinem aktuellen Roman „Lauter Irre“ suchen wie die Nadel im Heuhaufen. Zudem plätschert die Story lustlos dahin. Außer dem Humor, der nicht da ist, ist auch sonst nichts weiter da, was einem irgendwie an die Geschichte bindet. Und das Ende kommt dann so plötzlich, das man denkt, Herr Sharpe ist über dem Roman selbst eingeschlafen und hat dann das Manuskript einfach so an den Verlag gesandt.

 

Goldmann, 224 Seiten; 17,95 Euro

Cecelia Aherndaumen_rauf

Ich schreib dir morgen wieder

Nach dem Selbstmord ihres Vaters muss die 16jährige Tamara aus ihrem Dubliner Glamour-Leben zu einfachen Verwandten aufs Land ziehen. Ihre Mutter trauert sehr, sie ist kaum ansprechbar. Tamara fühlt sich fernab ihres gewohnten Lebens und ohne Freunde völlig allein. Das einzig Interessante an dem abgelegenen Ort scheint die Ruine des alten Kilsaney-Schlosses. Doch dann entdeckt Tamara ein geheimnisvolles Tagebuch. In dem ist ihr eigenes Leben aufgeschrieben – und zwar immer schon der nächste Tag. Es führt Tamara zu den verborgenen Geheimnissen ihrer Familie und hilft ihr, den Weg zu Liebe und Zukunft zu finden.

Cecelia Ahern kann es einfach, sie schreibt die Bücher, in denen man sich sofort wohl fühlt. „Ich schreib dir morgen wieder“ ist das aktuelle Beispiel. Die Geschichte ist rundum gelungen. Frisch und frech, traurig und witzig, nachdenklich und weise. Ein Buch über die große Liebe im Leben, und das einen lehrt, den Weg zu gehen, den man für sich selbst für gut heißt. Immer auf andere zu hören führt zu einem unglücklichen Leben. Tamara ist eine quirlige Figur, die das Leben als großen Selbstbedienungsladen angesehen hat und lernen muss, dass das Leben aber noch mehr zu bieten hat als Oberflächlichkeiten. Diesen Weg geht man voller Hingabe mit Tamara. Cecelia Ahern hat sich selbst übertroffen – ihr bisher reifstes Buch, das zum Ende hin spannend wird wie ein Krimi.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch, 16,95 Euro.

Krüger, 363 Seiten; 16,95 Euro

Claudie Gallaydaumen_rauf

Die Brandungswelle

Normandie. Eine Frau, die ihren Mann verloren hat, flüchtet sich in die Einsamkeit. Das Leben ist ruhig. Bis eines Tages Lambert nach La Hague kommt, er will den Tod seiner Eltern aufklären. Ein Dorf schweigt zu Anfang, doch langsam bröckelt die Mauer des Schweigens …
Betörende Sprache, präzise Charaktere, ausgetüftelter Plot. Eine literarische Welle, die da über einen hinwegfegt. In Frankreich zu recht ein sensationeller Bestseller.

 

btb, 558 Seiten; 21,95 Euro

Caryl Féreydaumen_rauf

Zulu

Kapstadt. Ali Neumann, alias Zulu, ist Chef der Kriminalpolizei. Er kämpft einen einsamen Kampf gegen die Gewalt, gegen Elend, Aids und die Gangs in den Townships. Aber als ein Rugby-Star ermordet aufgefunden wird, lernt Zulu das Verbrechen in einer ganz anderen Dimension kennen.
Der Südafrika-Thriller aus dem Gastgeberland der Fußball-WM 2010! Es zeigt Kapstadt und das Land mit all ihrer Aufgewühltheit, Feindschaften, politischen Auseinander-setzungen, aber auch mit ihrem Stolz und der Schönheit. Zudem ist der Thrillerplot ein gnadenloser Volltreffer! 1:0 für Caryl Férey.

 

Piper, 475 Seiten; 19,95 Euro

Hörbuch der Woche

Die drei ??? Folge 138daumen_rauf

Die geheime Treppe

Warum wurde der junge Wissenschaftler Davy Swann entführt? Und warum nannten ihn die vermummten Täter immer Philippe? Justus, Peter und Bob nehmen die Spur auf. Diese führt in das labyrinthische Gebäude der Universi-tät mit geheimen Treppen und einer düsteren Bibliothek. Hier stoßen die drei ??? auf ein merkwürdiges Buch und seltsame Verse. Die drei Detektive aus Rocky Beach knacken das Rätsel. Doch dann fangen die Schwierigkeiten erst an …

Der Kult unter den Hörspielen geht in eine neue Runde. In den 130-Folgen sind bereits einige sehr gute Folgen dabei (Folge 130 – Der Fluch des Drachen, Folge 131 – Haus des Schreckens, Folge 135 – Fluch des Piraten, Folge 136 – Das Geheimnis der versunkenen Stadt) und nun auch noch diese, „Die geheime Treppe“. All diese Folgen gehören zu den besten 50 Folgen der genialen Hörbuch-Reihe. Das waren bisher zwei ganz starke Jahre Produktion! Der neue Fall hat viele Wendungen mit vielen spannenden Momenten, man weiß nicht wo es hingeht, bis zum Schluss. So lieben wir die Jungs!

Auch als Hardcover erhältlich bei Kosmos, 7,95 Euro.

Europa, 1 CD, 67 Minuten; 6,99 Euro

Kolumne Nr. 95 vom 21.06.2010

Paul Hoffmandaumen_rauf

Die linke Hand Gottes

Der junge Thomas Cale lebt seit frühester Kindheit an in der Ordensburg der Erlösermönche. Die grausamen Kriegermönche unterwerfen Cale und seine Freunde, sie müssen einer rigiden Ausbildung folgen, in der jede Verfehlung hart bestraft wird. Eines Tages stoßen die Jungen auf einen Geheimgang, sie stoßen tief in ein labyrinthartiges Tunnelsystem vor. Sie entdecken einen prächtigen Innenhof, in dem ein Festmahl mit wunderschönen jungen Mädchen stattfindet. Cale wird Zeuge einer grauenhaften Szene. Ein Mönch seziert den Körpers eines Mädchens, während ein anders hilflos zusehen muss. In seiner Rage stürzt sich Cale auf den Mönch und tötet ihn. Von diesem Moment an gibt es kein Zurück mehr für Cale – und er weiß, er wird den Weg der Rache bis zum äußersten Ende weitergehen …

Paul Hoffman schafft im Fantasy-Genre etwas Neues, was ja nicht einfacher wird, da immer mehr Fantasy auf den Markt strömt. „Die linke Hand Gottes ist“ außergewöhnlich, spektakulär, faszinierend. All-Age-Fantasy der besten Art! Cale ist ein Held, der einen magisch anzieht. Um seinen Weg verfolgen zu können, lässt man alles andere liegen. „Die linke Hand Gottes“ ist eine Geschichte, die immer wieder überrascht. Eine Trilogie, die ein neuer Fantasy-Triumphmarsch ist. Die Rechte dazu wurden in kurzer Zeit in über 20 Länder verkauft.

 

Goldmann, 478 Seiten; 17,95 Euro

Enrique Cortésdaumen_runter

Der 26. Stock

Madrid. Die Zentrale eines internationalen Großkonzerns brennt lichterloh. Die Feuerwehr kann nichts gegen das Flammeninferno ausrichten, der Wolkenkratzer wird komplett evakuiert. Trotzdem entdecken Schaulustige im 26. Stock menschliche Schatten – aber in den Tagen darauf wird keine Leiche gefunden und auch niemand wird vermisst. Isabel Alvarado ist Personalverantwortliche in der Abteilung Human Resources der Holding. Sie will hinter das Geheimnis des 26. Stockwerks kommen. Sie findet heraus, dass alle, die im 26. Stock landen, verschwinden …

In der Heimat des jungen spanischen Autors hat das Buch eingeschlagen. Bei uns hat es das auch getan. Nur leider hat es das Buch, so wie es geschrieben ist, nicht verdient. „Der 26. Stock“ ist ein überraschender Psychothriller, der weit ab ist von der herkömmlichen Literatur dieses Genres. Denn das Buch wandelt sich während der Geschichte zu einem wilden Genremix, den man so nicht erwartet hat. Das könnte man dem Buch noch verzeihen, wenn es mindestens 200 Seiten weniger hätte. Denn Cortés schreibt oft so langatmig und ausschweifend, dass man darüber einschläft. Da hilft dann auch der 26. Stock nichts mehr.

 

dtv, 607 Seiten; 14,90 Euro

Esther Verhoefdaumen_rauf

Hingabe

Margot Heijne hat eine schwierige Trennung hinter sich. Nun will sie ihr Leben neu ordnen. Alles wirkt perfekt, als sie auf den verführerischen Kunstfotografen Leon trifft. Margot bricht ihr altes Leben ab. Sie kündigt ihren Job, zieht nach Amsterdam in Leons Loft und wagt den Schritt in die Selbständigkeit. Doch die neue Freiheit ist trügerisch. Davon berauscht, die eigenen Träume zu verwirklichen, überschreitet Margot unwissentlich gefährliche Grenzen. Ohne es zu ahnen, ist sie Marionette in einem Spiel der Manipulationen geworden. Einem Spiel, das jemand mit tödlichem Ernst betreibt und das sie das Leben zu kosten droht.

droht. „Hingabe“ ist in den Niederlanden ein Bestseller-Dauerbrenner. Zudem erhielt das Buch auch noch den Niederländischen Thrillerpreis. Ist dieses Werk wirklich so famos? Ja. Ein Gänsehaut-Thriller – der auf subtile Weise und ganz leisen Sohlen daherkommt, aber genau deswegen den Leser so in seinen Bann zieht. Esther Verhoef versteht es ausgezeichnet mit kleinen schriftstellerischen Kniffen große Spannung zu erzeugen. Geben Sie sich diesen Thriller hin, sie werden begeistert sein.

 

btb, 413 Seiten; 19,95 Euro

Yasmina Khadradaumen_rauf

Die Schuld des Tages an die Nacht

Algerien. Jonas wächst in der Küstenstadt Rio Salado auf. Er erlebt eine unbeschwerte Jugend, dann begegnet er der Französin Émelie. Es beginnt eine schwierige Liebe zwischen zwei Kulturen.
Ein beeindruckendes Buch! Es erzählt von großen Gefühlen, von großen Unterschieden, von großen Ereignissen. Es ist ein ganz großes Buch, es ist ein Buch über die Liebe. Literatur in seiner schönsten Form.


Ullstein, 414 Seiten; 19,95 Euro

Charlotte Thomasdaumen_rauf

Der König der Komödianten

Venedig, 1594. Den ländliche Marco zieht es zu einem Theater mit einem skurrilen Ensembles. Nur ein erfolgreiches Stück kann die Truppe vor dem Ruin bewahren. Vor Marco steht eine aufregende Zeit …
Eine historische Komödie, wie man sie in solch ausgezeichneter Darbietung kaum auf dem Büchermarkt findet. Daher gehört aller Applaus Charlotte Thomas, für diesen historischen Geniestreich.


Lübbe, 700 Seiten; 22,99 Euro

Hörbuch der Woche

Maxime Chattamdaumen_rauf

Alterra – Die Gemeinschaft der Drei

Ein Orkan bricht über New York herein. Innerhalb weniger Stunden versinkt die Stadt in Eis und Schnee. Aus der Dunkelheit, die folgt, schießen blaue Blitze hervor. Als sie verschwunden sind, ist die Welt eine andere geworden. Weit weg von einer normalen Zivilisation, enorm gefährlich – und ohne Erwachsene. Übrig sind nur die Kinder, unter ihnen Matt, Tobias und Ambre. Gemeinsam steht ihnen ein harter Kampf bevor.

Maxime Chattam, der Tausendsassa der französischen Literatur. Ob psychologischer Thriller oder einfallsreiche Fantasy, der Franzose führt die Feder jedes Mal mit absolut sicherer Hand. „Alterra“ ist eine Mischung aus einem Katastrophen-Endzeit-Thriller, X-Men und bekannten Elementen der Fantasy-Literatur. Eine bombastische Mixtur. Zudem ein Fingerzeit auf die Menschheit, wie sie ihren einzigen Lebensraum den sie hat, die Erde, Stück für Stück kaputt macht und sich so selbst zerstört. Der erste Band der „Alterra“-Reihe endet mit einem Cliffhanger, der einen den zweiten Band schnell herbeisehnen lässt. „Alterra – Im Reich der Königin“ erscheint im August 2010. Gelesen wird dieses große Abenteuer von Timmo Niesner, der deutschen Synchronstimme von Elijah Wood (Frodo aus „Her der Ringe“). Das versetzt den Hörer gleich noch intensiver in die fantastische Welt die Maxim Chattam geschaffen hat. Niesner hat eine sehr eingängige und weiche Stimme, die den Zuhörer verführt.

Auch als Hardcover erhältlich bei PAN, 16,95 Euro.

Lübbe Audio, 4 CDs, 264 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 96 vom 28.06.2010

Leonie Swanndaumen_rauf

Garou

Die Schafe von Glennkill reisen nach Frankreich. Mit ihrer neuen Schäferin Rebecca beziehen sie im Schatten eines französischen Schlosses ihr Winterquartier. Dann sterben plötzlich im Wald Rehe eines unnatürlichen Todes. Ein Werwolf, ein Loup Garou. Als dann noch ein Toter unter der alten Eiche liegt, ist klar, hier geht ein Mörder um. Die Schafe Miss Maple, Mopple the Whale und der Rest der Herde heften sich auf die Spur des Garou. Sie müssen sich und das Leben von Rebecca schützen. Und schon bald folgen sie mit bewährter Schafslogik einer ersten Spur, die sie durch die Gänge des Schlosses und das Schneetreiben der Wälder führt …

2005 ließ eine bis dahin unbekannte deutsche Autorin die Welt aufhorchen. Sie ließ in „Glennkill“ Schafe ermitteln. Daraus wurde ein Megabestseller bei uns und die Rechte dazu wurden in 25 Länder verkauft. Nun findet „Glennkill“ eine Fortsetzung in „Garou“. Die Schafe sind zurück – und jeder Meisterdetektiv muss sich fürchten vor diesen schlauen Tieren. Wenn Miss Maple & Co. erstmal die Spur aufgenommen haben, hat das Verbrechen keine Chance mehr. „Garou“ ist gewitzte Krimikunst mit vielen Lachern. Da macht das Lesen doppelt so viel Spaß. Der schafste Thriller des Jahres!

 

Goldmann, 415 Seiten; 19,95 Euro

Astrid Fritzdaumen_runter

Die Bettelprophetin

Theres Ludwig hat eine schwere Jungend hinter sich – Armut, Elend und geprägt von schrecklichen Schicksals-schlägen. Es ist die Zeit der Hungerjahre und der Volksauf-stände überall in Deutschland. Theres ist am Ende ihrer Kräfte, sie verflucht Gott und die Kirche. Aber anstatt sie für dieses Sakrileg zu strafen, nimmt der Pfarrer Patriz Seibold sie in seinem Pfarrhaus auf. Als die beiden sich näher kommen, begeben sie sich in große Gefahr. Denn mächtige Menschen versuchen mit aller Gewalt, das Unbotmäßige zu verhindern.

„Die Bettelprophetin“ ist genau das Gegenteil von Giners „Der Heiler der Pferde“. Von einer flotten und spannungsgeladenen Geschichte ist hier nichts zu finden. „Die Bettelprophetin“ ist ein träger Historienroman der versinkt in ellenlangen langweiligen Schilderungen des Nichtspassierens. Dabei hat Astrid Fritz schon bewiesen, dass sie gute Historienromane (u. a. Die Hexe von Freiburg) schreiben kann. Aber mit der Geschichte um die echten historischen Figuren der Theres Ludwig und des Pfarrer Patriz Seibold hat sie keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die fünf Seiten „Hintergründe zum Roman“ am Ende gehören zum Besten und spannendsten des Buches.

 

Kindler, 458 Seiten; 19,95 Euro

Gonzalo Ginerdaumen_rauf

Der Heiler der Pferde

Kastilien 1195. Die Familie des junge Diego de Malagón wird von arabischen Almohaden brutal überfallen. Ihm gelingt die Flucht auf seiner Araberstute Sabba. In Toledo erregt seine Gabe, mit den Pferden zu sprechen, Aufmerksamkeit. Der muslimische Pferdeheiler nimmt Diego als Lehrling an, führt ihn in die Kunst des Heilens, das medizinische Wissen und die arabische Sprache ein. Doch erneut muss Diego fliehen, diesmal einer Frau wegen. Seine Reise führt ihn in die Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, zwingen ihn immer wieder zu Flucht und Neuanfang. Doch er kämpft weiter für seinen großen Traum: um seine Berufung und die Erfüllung seiner großen Liebe.

droht. Ein ganz prächtiger Historienroman! Spannungsgeladen, schnell erzählt, bunt ausstaffiert, eine Geschichte, die im historischen Gewand absolut frisch ist. „Der Pferdeflüsterer“ auf historisch mit viel kämpferischen Momenten und großen Gefühlen. Historisches Breitband-Kino zum lesen! Diego ist eine Figur, dessen Weg man gerne mitgeht. Er muss zahlreiche Prüfungen und große Abenteuer bestehen, die man auf keinen Fall verpassen möchte.


Blanvalet, 671 Seiten; 21,95 Euro

James Patterson/Liza Marklunddaumen_rauf

Letzter Gruß

Ein amerikanisches Serienkillerpärchen mordet sich durch die europäischen Großstädte. Sie brüsten sich mit ihren Taten, schicken Postkarten an Journalisten. Der New Yorker Polizist Jacob Kanon nimmt die Verfolgung auf. Hochgeschwindigkeits-Thriller, der keine Luft zum Atemholen lässt. James Patterson, mit der europäischen Top-Autorin Liza Marklund, geben sich nicht mit Nebensächlichkeiten ab, sondern peitschen den Thriller gnadenlos voran. Wer auf einen beschaulichen Krimi steht, ist hier fehl am Platz.


Limes, 351 Seiten; 19,95 Euro

Martin Rütterdaumen_rauf

Sprachkurs Hund

Martin Rütter ist der deutsche Cesar Millan. Er vermittelt ähnlich wie der weltbekannte Millan wie man tief in die Psyche des Hundes vordringen muss, um ihn dann „blind“ zu verstehen.
In seinem neuen Buch „Sprachkurs Hund“ vermittelt er, wie der Hund mit dem Menschen, und Hund mit Hund kommunizieren. Es enthält sehr viele interessante Aspekte, die jeder Hundebesitzer wissen und beherzigen sollte. Zudem ist das Buch reich bebildert mit wunderschönen Hundefotos.


Kosmos, 156 Seiten; 19,95 Euro

Hörbuch der Woche

Donna Leondaumen_rauf

Schöner Schein

Brunetti ist mit seiner Paola zum Essen bei den Faliers eingeladen. Seine Tischnachbarin ist Franca Marinello „la Superliftata“, die so genannt wird wegen ihrer maskenhaften Züge. Doch wie kam die damals junge schöne Frau dazu? Franca bleibt für Brunetti ein großes Geheimnis. Es gibt auch undurchsichtige Giftmüllgeschäfte, die immer weitere Kreise ziehen. Der Sonderbeauftragte der Carabinieri hat Brunetti um Amtshilfe ersucht, da wird er auch schon tot aufgefunden. Brunetti braucht viel Intuition um diesen schweren Fall zu lösen.

Seit Jahren habe ich Donna Leon kritisiert. Sie hat ihren liebenswerten Commissario tot geschrieben. Doch nun kommt „Schöner Schein“ und ich kann schreiben, Donna Leon hat meine Kritik genutzt, wieder einen Krimi zu schreiben, der an die ersten elf Fälle des Commissario herankommt. Das ist mehr als erfreulich, da Brunetti ja eine Kultfigur ist – und ein Kult sollte ja auch gewürdigt werden, vor allem von der Autorin selbst. Der 18. Fall ist verzwickt und aktuell, Brunetti kann wieder seinen ganzen Charme ausspielen und löst den Fall auf unnachahmliche Weise. Der Theater- und Fernsehschauspieler Jochen Striebeck gibt mit seiner altersweisen weichen und zugleich kratzigen Stimme dem Roman ein Ambiente, das einen zum Zuhören zwingt.

Auch als Hardcover erhältlich bei Diogenes, 21,90 Euro.

Diogenes Hörbuch, 8 CDs, 597 Minuten; 29,90 Euro