Kolumne Nr. 132 vom  07.03.2011

Simon Beckettdaumen_rauf

Verwesung

Tina Williams und die wunderschönen Bennett-Zwillinge sind von dem riesigen Jerome Monk getötet in den Sümpfen von Dartmoor begraben worden. Bei dem Überfall auf ein viertes Mädchen wir er gefasst. Nach einem Jahr wird Tina Williams in den Sümpfen gefunden, Dr. David Hunter kann sie identifizieren. Nun soll Monk ihnen verraten wo die beiden anderen Leichen zu finden sind. Eine Suchaktion endet aber in einem Desaster. Acht Jahre später bricht Jerome Monk aus dem Gefängnis aus und scheint sich an allen, die damals an der Suche beteiligt waren, rächen zu wollen. Vor allem an der psychologischen Ermittlungsberaterin Sophie, die ihm damals ihre Hilfe angeboten hat. David versucht ihn zu stoppen, doch keiner kennt das Dartmoor so gut wie Monk.

Keiner kann einen so grausig-spannend unterhalten wie Simon Beckett. Er verrät wieder neue Aspekte, was den Menschen blüht, wenn sie nur noch Leichen sind und zum großen Fressen preisgegeben wurden. „Verwesung“ ist der vierte Thriller aus der Dr.-David-Hunter-Reihe – der mit Abstand erfolgreichsten Thriller-Reihe in Deutschland. „Verwesung“ ist verschlungen, vielschichtig, verblüffend – von Anfang bis Ende. Klassisch gute Thriller-Literatur! Simon Beckett zu lesen ist wie ein Virus, ein Virus, das Sie nicht mehr loswerden! Der Beckett-Virus wird die Lesewelt noch lange in Atem halten.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch, 16,99 Euro.

Wunderlich, 444 Seiten; 22,95 Euro

Manfred Bommdaumen_runter

Blutsauger

Faschingszeit im beschaulichen Geislingen am Rande der Schwäbischen Alb. Ein Mann wird nach einem Autounfall schwer verletzt in die Klinik eingeliefert. Kurz darauf stirbt er. In der selben Nacht wird die Leiche einer Röntgen-Assistentin im Krankenhaus gefunden. Kommissar Häberle übernimmt die Ermittlungen. Er findet heraus, dass das Unfallopfer ein Arzt war, der an einer Forschungs-gesellschaft für Stammzellen mit Sitzen in Ulm und Gran Canaria beteiligt war. Zur Entwicklung eines Blutersatzstoffes wird dort offensichtlich mit Stammzellen gearbeitet, die aus dem Nabelschnurblut von Neugeborenen gewonnen werden. Was hat es damit auf sich? Und warum musste die Assistentin sterben?

Ein gutes Cover, eine viel versprechende Story, eine schlechte Umsetzung. „Blutsauger“ ist der elfte Fall für den beliebten schwäbischen Kommissar August Häberle. Leider kein Hochgenuss der Krimikunst. Bomms Versuch ambitioniert zu schreiben, endete fast immer in Geschwätzigkeit. Er erzählt Sachen, die total unwichtig für den Fortlauf der Geschichte sind, diese langweilen enorm. Oft denkt man, das passt dem Autor jetzt nicht an der großen weiten Welt und den Menschen, die darauf leben, also lasse ich das die jeweiligen Figuren einfach mal so denken und ausplaudern. Ganz schlechtes Füllmaterial ist das. Der Roman hätte trotz der eigentlich passenden 500 Seiten für einen guten Kriminalroman, locker um 200 Seiten gekürzt werden können, ohne wichtige Dinge aus der Geschichte daraus zu entfernen. Die eigentlich spannende Story aus der Welt der schnell forschenden Medizin geht unter der Geschwätzigkeit des Autors verloren.

 

Gmeiner, 511 Seiten; 11,90 Euro

Jochen Kalkadaumen_rauf

Winnenden – Ein Amoklauf und seine Folgen

11. März 2009. Ein Tag, der alles verändert. Ein Tag, der aus dem beschaulichen Winnenden, einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, eine Amokstadt macht. Sie wird ab diesem Tag immer genannt werden, wenn es um das Töten ging. Der Autor Jochen Kalka lebt mit seiner Familie in Winnenden. Ein Jahr lang beobachtet der Journalist, dessen Frau Lehrerin ist und dessen Kinder dort zu Schule gehen, was mit einem Ort passiert, in dem die Menschen traumatisiert sind und langsam versuchen, in die Normalität zurückzufinden.

Ein Buch, das einem die unmittelbare Angst vermittelt, die damals in Winnenden geherrscht hat. Es zeigt, wie die Medien zu Kannibalen wurden. Winnenden ist ein Beispiel, wie abartig und widerwärtig Journalismus sein kann. Ein Buch, das nach der Tat, wenn die Medien das Interesse verloren haben, auf die Menschen blickt, die ein Leben lang darunter leiden: die Eltern der getöteten Kinder. Zumeist steht nur der Täter im Blickfeld der großen Berichterstattungen, er wird nicht vergessen im Lichte der Öffentlichkeit, die Opfer schon. Jochen Kalka bezeichnet die Tat auch nicht als Amoklauf, sondern als geplanten und kaltblütigen Mord. „Winnenden“ zeigt auch, wie sich das Gesicht der bis dahin schönen Kleinstadt für immer verändert hat. Nichts ist mehr wie es war. Der Stadt haftet nun immer diese Tat an, obwohl sie zuvor so unschuldig war. Ein Tatsachenbericht, der einen sehr traurig macht, der einen zum nachdenken bringen soll, der anregt, Dinge anders zu sehen, der will, das sich etwas ändert. Keine Waffen, kein reißerischer Journalismus, stille Trauer.

 

DVA, 236 Seiten; 17,99 Euro

Tom Clancydaumen_rauf

Dead or Alive

Mit modernsten technischen Mitteln bedroht der Terrorist „Emir“ die westliche Welt. Und nur Jack Ryan und John Clark können sie retten. Sie sollen „Emir“ stoppen – tot oder lebendig.
Ein Mammut-Spionage-Thriller der Extraklasse! Tom Clancy, der das Genre mit „Jagd auf Roter Oktober“ erneuert hatte, kehrt mit seinem neuen Roman fulminant zurück auf die literarische Bühne. Tom Clancys Thriller machen einem große Angst, da sie sich Jahre später tatsächlich so ähnlich abspielen. „Dead or Alive“ ist ein neues Werk, das vielleicht bald so geschehen wird. Es gehört zu seinen besten Büchern.

 

Heyne, 1039 Seiten; 22,99 Euro

Charlotte Lynedaumen_rauf

Glencoe

Schottland, 1678. Die Clans um die MacDonalds und die Campbells stehen im Krieg um die Krone und den Thron auf unterschiedlichen Seiten. Der Clan der MacDonalds steht vor dem Untergang und mit ihm die Werte der Highlands. Ein prächtiger und schillernder Historienroman! Wer die schottischen Highlands liebt, wird mit diesem Roman große Freude haben. Charlotte Lynes Sprache ist außergewöhnlich in diesem Genre. Sie machen aus ihren Romanen wertvolle literarische Gemälde.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio, 19,99 Euro.

Lübbe, 637 Seiten; 19,99 Euro

Hörbuch der Woche

Martin Suterdaumen_rauf

Allmen und die Libellen

Johann Friedrich von Allmen, Lebemann, Kunstsammler und charmanter Hochstapler, hat das Millionenerbe seines Vaters durchgebracht. Das Anwesen musste er verkaufen, er hat sich mit dem lebenserfahrenen Carlos aus Guatemala ins bescheidene Gewächshaus zurückgezogen. So schlecht er mit Geld umgehen kann, so gut beherrscht er den Umgang mit Schulden und Gläubigern. Allmen war guter Kunde bei einem Antiquitätenhändler, mittlerweile ist er guter Lieferant, erst mit Stücken aus der eigenen Sammlung, dann mit gestohlenen Objekten. Bis ihn nach einem süffigen Abend Jojo, eine heißhungrige junge Frau, in die Seevilla ihres Vaters abschleppt und er dort eine Sammlung von fünf Jugendstil-Schalen entdeckt. Auch diese entwendet er geschickt, aber er weiß noch nicht, was es mit diesen Schalen auf sich hat …

Martin Suter hat mit Allmen einen eigenwilligen, liebenswerten und originellen Charakter erschaffen, der das Leben nimmt wie es kommt. Allmen weiß sich immer irgendwie zu helfen. Zuerst aber manövriert er sich natürlich von der einen in die nächste vertrackte Situation. „Allmen und die Libellen“ ist der Auftakt einer verheißungsvollen Krimi-Reihe von Bestseller-Star Martin Suter. Das nächste Buch bzw. Hörbuch darf dann aber gerne etwas länger sein. Gelesen wird dieses köstliche leichte Spannungsstück von Gerd Heidenreich. Mit seiner kratzigen und rauchigen Stimme gibt er der Geschichte etwas mehr Verruchtheit. So wird Allmen zu einem noch tafferen Helden.


Auch als Hardcover erhältlich bei Diogenes, 18,90 Euro.

Diogenes Hörbuch, 4 CDs, 244 Minuten; 24,90 Euro

Kolumne Nr. 133 vom  14.03.2011

Mo Hayderdaumen_rauf

Verderbnis

Auf dem Parkplatz eines Supermarktes in der Nähe von Bristol wird ein Auto gestohlen – auf dem Rücksitz befindet sich die 11jährige Martha Bradley. Detective Inspector Jack Caffery hofft zunächst, dass der Täter nur das Auto und nicht das Kind wollte. Doch die Hoffnung wird zerstört, nachdem er von Polizeitaucherin Flea Marley einen Hinweis bekommt. Bald meldet sich der Täter mit einem Brief, darin schreibt er, dass er wieder ein Kind entführen wird. Caffery ist schnell klar, dass er es mit einem skrupellosen und cleveren Gegner zu tun hat, der ihm immer einen Schritt voraus ist. Dann entführt er ein weiteres kleines Mädchen. Caffery weiß, jede Stunde die vergeht, wird es unwahrscheinlicher die Kinder zu finden. Er und sein Team versuchen alles.

„Verderbnis“ ist nach Mo Hayders überragenden „Der Vogelmann“ der bestes Psychothriller um Detective Inspector Jack Caffery. Der fünfte mit ihm, der dritte mit Sergeant Flea Marley, Leiterin der Unterwassersucheinheit. Mo Hayder fackelt nicht lange mit dem Leser, sie schickt ihn Mitten in das traumatische Schicksal, sein Kind von der einen Sekunde auf die andere an einen Triebtäter zu verlieren. Hayder beschreibt die Seiten der Ermittler, der Opfer und des grausamen Täters akribisch, aufwühlend und eiskalt. Das Thema Kindesentführung ist leider sehr aktuell und so widmen sich derzeit immer mehr bekannte Thriller-Größen diesem. Die Realität schreibt die schlimmsten Geschichten, und solch eine Realität beschreibt Mo Hayder. Ein sehr spannender Thriller, der Sie nicht zur Ruhe kommen lassen wird!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Der Audio Verlag, 19,99 Euro.

Goldmann, 446 Seiten; 19,99 Euro

Sacha Sperlingdaumen_runter

Ich dich auch nicht

Sacha Winter ist 14. Seine Mutter verwöhnt ihn mehr, als dass sie ihn erzieht, das bietet Sacha natürlich zahlreiche Spielräume, die er nutzt. Der Vater gibt sich bei seinen seltenen Auftritten erfolglos autoritär, daher ist er für Sacha nicht wirklich ein Vorbild. Sacha gehört zu der coolen Clique in seiner Pariser Reiche-Leute-Schule, aber eigentlich langweilt ihn das alles. Da lernt er den charismatischen Augustin kennen. Mit ihm geht er Wodka klauen, raucht, snifft, beginnt mit Mädchen rumzumachen. Augustin übt auf ihn eine solche Strahlkraft aus, weil er familiär ja nichts hat, was positiv auf ihn abstrahlt, dass er sich in ihn verliebt. Doch Augustin nimmt sich im Leben was er will und wirft es auch schnell wieder weg, wenn es ihm langweilig wird.

In Frankreich als literarische Entdeckung des Jahres 2009 gefeiert, ein Bestseller und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Literarisch kann man dem Buch wahrlich eine hohe Punktzahl geben. Der Stil des jungen Debütanten Sperling ist kurz, knapp, aussagekräftig. Doch die Geschichte verliert man schnell wieder aus dem Gedächtnis, entgegen dem Coverversprechen, dass man diese nie mehr vergessen kann. Ich hatte damit überhaupt kein Problem. Die Story um den 14jährigen Sacha ist sehr schlicht, monoton und unspannend. „Ich dich auch nicht“ als Bibel der heutigen jungen Generation anzusehen, wie es in Frankreich vereinzelt getan wird, kann ich nicht zustimmen. Man kann auch anders Erwachsenwerden, als sein Leben von Alkohol, Drogen und Sex bestimmen zu lassen.


Piper, 212 Seiten; 17,95 Euro

David Mitchelldaumen_rauf

Number 9 Dream

Eiji Miyake, ein 19jähriger Träumer, kommt aus dem ländlichen Japan nach Tokio, um seinen Vater zu suchen, der die Familie früh verlassen hat. Während der in der furchteinflößenden Stadt herumirrt, gerät er mehrfach in Berührungen mit den Kräften, die ihre geheime Unterwelt beherrschen: Yakuza-Gangs und Cyperpunks. Plötzlich ist das Rätsel der Identität seines Vaters nur noch eines unter vielen, die er lösen muss. Warum ist die Grenze zwischen der Welt seiner Erfahrungen und der seiner Träume so verschwommen? Was hat es mit dem Geheimnis der Zahl Neun auf sich? Eiji muss Fragen klären, die ihm alles abverlangen.

David Mitchells „Number 9 Dream“ ist ein Springbrunnen an Ideen, er enthält Sätze, die wie Diamanten schimmern, die klingen, wie süßer Honig schmeckt und welche, die feuerheiß sind wie Chilischoten. „Number 9 Dream“ ist eigenwillig und souverän verfasst. David Mitchell mixt Genres wild durcheinander, Krimi, Drama und Fantasy gehen einher mit Realität und Traum. Ein völlig durchgeknallter Roman, der vor Genialität strotzt. Und ein Roman über das heutige Tokio. Mitchell führt den Leser mitten in die Häuserschluchten und dabei lässt er ihn Tokio riechen. „Number 9 Dream“ ist moderne Literatur mit gewaltigen Nachwirkungen.


Rowohlt, 537 Seiten; 24,95 Euro

Sarah Larkdaumen_rauf

Im Schatten des Kauribaums

Neuseeland, 1875. Lizzie und Michael Drury haben sich den Traum einer Schaffarm erfüllt, aber dann wird ihre Tochter entführt. Auch bei Familie Burton steht ein scheinbar schönes Ereignis bevor. Scheinbar …
Eine Familiensaga die berührt und begeistert – über 700 Seiten lang. Ein Meisterstück! Sarah Larks Neuseeland-Romane haben Hollywoodformat, ihnen fehlt es an nichts, was ein großes Publikum bewegt.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Lübbe Audio, 9,99 Euro.

Lübbe, 846 Seiten; 15,99 Euro

Alyson Noëldaumen_rauf

Riley – Das Mädchen im Licht

Riley Bloom ist tot. Aber das ist noch lange nicht das Ende. Jetzt geht es erst richtig los. Sie bekommt nun den Job als Seelenfängerin. Ihr erster Auftrag: ein Geist, der seit Jahrhunderten ein Schloss in England unsicher macht.
Riley ist die Schwester von Ever. Ever? Die Ever aus der Bestseller-Reihe „Evermore“. Riley hat ein liebenswert loses Mundwerk und immer einen frechen Spruch auf den Lippen. Alyson Noël hat mit ihr einen sehr markanten Charakter erschaffen, dem sie nun eine eigene Buchreihe widmet. „Riley“ ist kess, spritzig, kurzweilig. Die coolste Geisterjägerin seit langer Zeit!

 

Page & Turner, 184 Seiten; 12,99 Euro

Hörbuch der Woche

Joanne Fedlerdaumen_rauf

Heißhunger

Fusilli sind Nudeln. Davon isst man gerne einen ganzen Teller. Nicht so Joanne, ihre Abendessen-Ration ist auf 14 begrenzt. Joanne hat in ihrer Zeit in Australien massiv an Gewicht zugelegt, das muss nun weg. Zähneknirschend begibt sie sich in die psychologische Beratung der Diät-Domina. Sie wird auf harte Zeiten eingeschworen. Joanne kann sich nur sehr schwer mit dem neuen Kaum-Essen anfreunden, aber nach einiger Zeit sieht sie die erste Wirkung. Ihre Familie, vor allem ihr Sohn, ist nicht ganz so erfreut, da sich auch der Familien-Speiseplan ändert. Aber Joanne geht ihren Weg, wie sie das schon immer im Leben getan hat.

Nach ihrem überragenden Bestseller „Weiberabend“ legt Joanne Fedler nun ihren zweiten Bestseller vor. Joanne Fedler weiß, was viele Frauen bewegt und anspricht, darum werden ihre Geschichten zu Bestsellern. In „Heißhunger“ geht sie dem Diätwahnsinn an den Kragen. Der Wahnsinn kann natürlich nach zwei Seiten ausschlagen, nach oben und nach unten. Man möchte abnehmen, aber ohne wahnsinnig zu werden. Joanne weiß wie es funktioniert und als nicht Kalorienkenner lernt man was dazu. „Heißhunger“ ist aber mehr als ein Buch über das Abnehmen. Joanne Fedler geht auch intensiv auf Südafrika, ihre alte Heimat, und die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten ein, und auch über Australien, ihre neue Heimat, weiß sie so manch Anekdote zu berichten. Sie verleiht der Geschichte immer die richtige Tiefe. Fedler hält nichts von der Oberfläche. Und wie man sich nun schon denken kann, der Roman ist eigentlich die erlebte Geschichte von Joanne Fedler selbst. Das macht dieses Buch noch bemerkenswerter. Gelesen wird dieses saftige Stück Lebenserfahrung von Theater- und Fernsehdarstellerin Vera Teltz. Sie spielt mit ihrer Stimme, mal dass kleine Mädchen, mal die reife Frau, genau passend für dieses Hörbuch. Beißen Sie zu!

Auch als Hardcover erhältlich bei Knaur, 14,99 Euro.

Argon Hörbuch, 4 CDs, 297 Minuten; 19,95 Euro

Kolumne Nr. 134 vom  21.03.2011

Merle Hilbkdaumen_rauf

Tschernobyl Baby

26.04.1986, der Tag, der die Welt, der Europa veränderte. Im Tschernobyl-Reaktor Nr. 4 kommt es zum Super GAU. Die radioaktive Wolke zieht um die halbe Welt. Merle Hilbk will erfahren, was es mit dem Mysterium Tschernobyl auf sich hat. Sie reist durch die verstrahlten Gebiete in Weißrussland und der Ukraine, bis hin zum Reaktor. Sie spricht mit Menschen in kleinen Dörfern und bekommt die Auswüchse der Verstrahlung zu spüren. Auf ihrer Reise immer mit dabei ist Mascha, ihre 1986 in der Nähe von Tschernobyl geborene weißrussische Bekannte. Sie gehört zur Generation Tschernobyl-Babys, die in den 90er Jahren zu Erholungsaufenthalten in deutschen Gastfamilien waren.

Nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami in Japan mit der Atomkatastrophe in Fukushima hält die Welt den Atem an. Es kommen unweigerlich Gedanken an Tschernobyl hoch. Das Ausmaß der Katastrophe, die nun 25 Jahre zurückliegt, ist auch heute noch zu spüren und wird es auch noch lange sein. Autorin Merle Hilbk hat die Menschen dort in den Jahren 2008 bis 2010 besucht. So erfährt man, dass die Atomwolke am meisten im heutigen Weißrussland abgeregnet hat, mehr als ein Viertel des Landes ist Sperrgebiet. Die Ukraine ist nur sehr gering betroffen, obwohl dort das Werk liegt. In der nahen Umgebung des Werks sind die Strahlungswerte vergleichsweise niedrig, gegenüber den weiter entfernten Orten, die nur noch Geisterstädte sind. Auch erfährt sie, dass die Leute dort, kaum über Tschernobyl reden und nur der Westen sich groß dafür interessiert. Man hat sich mit dem Leben und den verstrahlten Gebieten arrangiert und man ist damit beschäftigt, zu überleben, da bleibt für die Verstrahlungsangst nicht viel Platz. Die weißrussische Seele kocht in diesem Buch auch oft hoch. Merle Hilbk fängt diese sehr gut ein. Auch ihre Begleiterin Mascha kommt in diesem Buch ausführlich zu Wort. Und Mascha hat über Tschernobyl, Deutschland und vieles andere ihre ganz eigene Meinung. „Tschernobyl Baby“ ist ein öffnender Blick auf die Atomkatastrophe und ihre jahrzehntelangen Folgen. Wer in der aktuellen Diskussion mitreden will, sollte dieses Buch gelesen haben.

 

Eichborn, 276 Seiten; 17,95 Euro

Kathleen McGowandaumen_runter

Das Magdalena Vermächtnis

Maureen Paschal, Journalistin, Autorin und Hüterin des Erbes der Maria Magdalena, folgt einer geheimnisvollen Einladung nach Florenz. Dort soll sie ihre Unterweisung in den Lehren eines uralten Ordens erfolgen. Ein Relikt jener alten Lehre ist eine verblasste Fahne mit dem Bild einer wunderschönen Frau. Dieses Banner wurde einst von Lorenzo de’ Medici getragen. Die Renaissance erscheint in einem völlig neuen Licht, als Maureen die Wahrheit hinter den großen Meisterwerken jener Zeit erkundet. Aber Maureen muss sich auf ihrer Reise auch fürchten. Die Nachfahrin des Mönchs Savonarola kehrt nach Florenz zurück und sie hasst Maureen und alles, für das sie steht.

Maureen Paschal, die Nervensäge auf Schlaftablettenniveau, ist eigentlich Kathleen McGowan selbst. So sieht sie sich zumindest und schreibt fleißig weiter über sich selbst, der Hüterin des Erbes der Maria Magdalena. Wie schon in „Das Magdalena-Evangelium“ und „Das Jesus-Testament“ geht Maureen wieder auf die Suche, finden tut sie die große Langeweile für den Leser. Dan Brown erhob mit dem Thriller „Sakrileg“ dieses Genre in ganz neue Höhen, Kathleen McGowan zerstampft es. Sie versteht es sehr gut keine Spannung aufzubauen und dem Leser abstruse Geschichten zu erzählen. Und das alles sehr ausschweifend. Auch für das Nachwort, normal ein bis drei Seiten, benötigt Kathleen McGowan satte zehn Seiten. Dem nicht genug, eigentlich waren diese drei Bücher als Trilogie geplant und dann sollte Schluss sein. Wir hätten es ihr gedankt. Aber in der Danksagung droht sie dem Leser nun, dass noch lange nicht Schluss ist. Sie bleibt, schreibt sie. Wenn das Maria Magdalena wüsste.

 

Lübbe, 493 Seiten; 19,99 Euro

Michael Connellydaumen_rauf

Sein letzter Auftrag

Jack McEvoy wird von der Kündigungswelle bei der L. A. Times erfasst. Er hat noch zwei Wochen Zeit, um seine junge und billigere Nachfolgerin Angela Cook anzulernen. Doch ein letzter Fall erweckt sein Interesse. Ein schwarzer Jugendlicher soll eine junge Frau brutal vergewaltigt und dann erstickt haben, Jack aber ist überzeugt, dass der Junge unschuldig ist. Tatsächlich stößt McEvoy bei seiner Recherche auf einen fast identischen Mord in Las Vegas, den der Junge nicht begangen haben kann. Beide Opfer wurden mit einer Plastiktüte erstickt und anschließend im Kofferraum eines Autos verstaut. McEvoy ist sicher, dass es sich um ein und denselben Täter handelt. Er verfolgt diese Spur, nicht ohne Konsequenzen für ihn selbst.

Michael Connelly ist ein Garant dafür, immer einen preisverdächtigen Thriller abzuliefern. Er hat bereits weit über zwanzig Bücher geschrieben – praktisch immer 100 % Thriller-Genuss! Diese Konstanz ist nahezu einmalig unter den Thriller-Bestseller-Autoren. In seinem neuen Thriller kehrt ein Held aus einem fünfzehn Jahre zurückliegenden Bestseller (Der Poet von 1999 auf Deutsch und Die Rückkehr des Poeten 2005 auf Deutsch) zurück, Polizeireporter Jack McEvoy. „Sein letzter Auftrag“ ist Hochspannung pur! Wie nicht anders von Michael Connelly zu erwarten. Jede Seite bietet neue Überraschungen, die den Leser ans Buch ketten. Ganz nebenbei erfährt man noch viel über das Zeitungswesen und das dieses immer mehr dem Ende entgegengeht. Das Internet mit seiner Informationsflut zertrümmert die Printmedien Tag für Tag. Für den Leser bleibt nun zu hoffen: Jack McEvoy, bitte kehren Sie schnell wieder zurück! Eine weitere gute Nachricht für Connelly-Fans: Bei Knaur ist soeben „Neun Drachen“, Euro 9,99, erschienen. Hier ermittelt Connellys langjährige Serienfigur Harry Bosch in seinem neuen Fall.

 

Heyne, 493 Seiten; 19,95 Euro

Eoin Colferdaumen_rauf

Artemis Fowl – Der Atlantis Komplex

Artemis Fowl ist krank. Elfy Holly ist verwirrt deswegen und auch, weil Artemis in sie verliebt ist und es ihr oft wissen lässt. Und eine böse Macht greift die unterirdische Stadt Atlantis an. Können Artemis und Holly das Schlimmste verhindern?
Auch das siebte Abenteuer um den bekanntesten jungen Gauner der Weltliteratur schlägt wieder Purzelbäume voll tolldreister Ideen. Eoin Colfer gönnt dem Leser keinen Augenblick Ruhe, er hat immer neue Heldentaten auf Lager.

Auch als Hörbuch erhältlich Hörbuch Hamburg, 24,95 Euro.

List, 335 Seiten; 19,99 Euro

Tracy Chevalierdaumen_rauf

Zwei bemerkenswerte Frauen

1810, Südengland. Mary Anning macht als junges Mädchen einen sensationellen Fossilienfund. Viele Geologen und Naturforscher reisen an, um mehr zu finden. Mary wird überrollt von allem, aber sie hat ihre Freundin Elizabeth Philpot, die ihr beisteht.
Die Bestseller-Autorin (Das Mädchen mit dem Perlenohrring) Tracy Chevalier hat wieder ein bemerkenswert gutes Buch geschrieben. Die zwei ungewöhnlichen Frauenschicksale von Mary und Elizabeth, die beide wirklich gelebt haben, rühren und begeistern. Ein wunderbares Buch!

 

Knaus, 368 Seiten; 19,99 Euro

Hörbuch der Woche

Simon Beckettdaumen_rauf

Tiere

Nigel ist etwas zurückgeblieben, aber er ist ganz glücklich. Im Büro gibt es immer etwas zu kopieren, und außerdem sind da Cheryl und Karen. Auch im ehemaligen Pub, den früher seine Eltern führten und den Nigel jetzt bewohnt, fühlt er sich wohl. Es gibt hier zwar kein Bier und keine Zigaretten mehr, aber Nigel mag die ohnehin nicht und viel lieber fernsehen und Comics. Und dann ist da noch der Keller. Hier hält Nigel seine „Tiere“. Die hat Nigel gefangen. Das Rothaarige, das Schwarze, das Dicke und eine Alte. Er füttert sie mit Hundefutter und machen können sie in Katzenklos. Die „Tiere“ machen Arbeit, aber er kann auch mit ihnen spielen, natürlich bleiben sie immer in ihren Käfigen. Und eines Tages kündigen sich Cheryl und Karen zu einem Besuch an …

Ein Frühwerk des von den Deutschen am meist gelesenen Thriller-Autors. Bereits 1995 erschienen hat es aber auch in der Neuauflage nichts an seiner harten Gangart verloren. Erschreckend und grausam, Menschen werden zu Tieren. Dieser Ausgangslage nimmt sich Simon Beckett an und macht daraus einen Thriller, der Ihnen wie ein dicker Kloß im Hals sitzt. Als Buch entfaltet die Story nicht die Wirkung wie als Hörbuch. Dieses liest Johannes Steck, er macht einem mit dieser Lesung so richtig Angst, große Angst! Er liest Nigel so unschuldig zurückgeblieben, dass es einem schaudert. Mit einer Kleinjungenstimme mimt er den quälenden Nigel und macht aus ihm so einen tiefgründig abgründigen Charakter.

Auch als Taschenbuch erhältlich bei Rowohlt, 9,99 Euro.

Argon Hörbuch, 5 CDs, 340 Minuten; 19,95 Euro

Kolumne Nr. 135 vom  28.03.2011

Sharon Boltondaumen_rauf

Bluternte

Die Familie Fletcher ist vor kurzem nach Heptonclough gezogen. Doch die vermeintliche Dorfidylle ist nicht das, was es scheint. Die beiden Söhne der Fletchers hören auf dem Friedhof unweit des Hauses rätselhafte Stimmen und sehen immer wieder die seltsame Gestalt eines Kindes. Als eine Friedhofsmauer einstürzt und ein Grab mit den Überresten dreier Mädchen freigelegt wird, ist klar, dass der Ort ein tödliches Geheimnis birgt. Auch der neue Vikar, Harry Laycock, und die Psychotherapeutin Evi Oliver werden in die rätselhaften Vorgänge um verschwundene Mädchen und ein grausames Verbrechen hineingezogen. Für Millie, die kleine Tochter der Fletchers, besteht große Gefahr. Ist sie das nächste Opfer?

Sharon Bolton hat bereits mit ihren ersten beiden Thrillern „Todesopfer“ und „Schlangenhaus“ bewiesen, dass sie zu den großen neuen englischen Stimmen des psychologisch ausgefeilten Thrillers gehört. Ihre Spannungsromane spielen im ländlichen England, wo es vor Mysterien, Gefahren, unwegsamen Gelände und extrem eigenwilligen Menschen nur so wimmelt. Diese Eigenschaften prägen auch ihren neuen Roman. „Bluternte“ hat eine gruselige Atmosphäre und psychologisch tiefe Spannung – eine Kombination, die den Leser auf eine alptraumhafte Reise schickt. Wenn es um ausgefeilte psychologische Thriller geht, ist Sharon Bolton erste Wahl!


Manhattan, 509 Seiten; 16,99 Euro

Constance Peterydaumen_runter

Eure Kraft und meine Herrlichkeit

Die 15jährige Anita gehört zu einer Generation, die sich nicht verstanden fühlt. Eine Generation, die vieles hat und trotzdem vieles sucht. Anerkennung, auf der Straße, auf Partys, überall. Eine Generation, die Exzesse lebt, die aber auch nach Freundschaften sucht. Anita ist ein Aushängeschild dieser Generation. Sie säuft, zieht durch die Clubs und hält von der Schule ebenso wenig wie von ihrer karrierefixierten Mutter. Eine starke Vaterfigur fehlt ihr. Am Ende des Höhenflugs steht der Absturz, auf die Ernüchterung folgt Einsamkeit.

Schön sein. Schöner sein. Am schönsten sein. Bewundert werden. Bestaunt werden. Die Lichtgestalt sein. Von einer Party zu nächsten Party. Von einem Saufgelage zum nächsten. Dauerdicht sein. Das ist das Leben von Anita. Die Debütantin Constanze Petery, gerade mal 20 Jahre jung, hat einen starken Tonfall gefunden, um diese Geschichte zu erzählen. Der hallt nach. Die Geschichte an sich hallt aber überhaupt nicht nach. Gelesen, vergessen. Der Tonfall ist das große Plus des Romans, aber Petery verliebt sich auch zu oft in ihren Ton und erzählt viele leere Phrasen und keine bleibende Geschichte. „Eure Kraft und meine Herrlichkeit“ ist trotz der forschen Erzählkunst eigentlich ein Roman der großen Leere, ein Roman, der sich auf die Suche nach echter Geborgenheit macht. Die hat Anita nicht gefunden und der Leser auch nicht, zumindest nicht mit diesem Buch.

 

Heyne, 239 Seiten; 14,99 Euro

Zsuzsa Bánkdaumen_rauf

Die hellen Tage

Kirchblüt, unweit von Heidelberg. Hier erlebt das Mädchen Seri fröhliche Tage der Kindheit. Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand lebt. Doch die Kindheit ist nicht ungetrübt: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, Ajas Vater Zigi, der als Trapezkünstler im Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen Bruder wohl an einen Kinderschänder verloren. Die Mütter der Kinder lotsen die Kinder durch die Untiefen ihrer Kindheit. Als junge Erwachsene gehen sie dann alle auf die Hochschule in Heidelberg und dann zieht es sie alle drei nach Rom. Dort entscheidet sich dann auch das Band ihrer Freundschaft.

Ein Buch über Familie, Freundschaft, Liebe, die Kindheit, das Erwachsenwerden, über die Weitsicht, über Grenzen hinwegzusehen und sich über sie hinwegzusetzen. Ein Buch wie ein Gedicht über das Leben. „Die hellen Tage“ sind in einer glockenhellen Sprache erzählt. Zsuzsa Bánk schreibt Sätze, die glänzen wie pures Gold und duften wie das exquisiteste Parfum. Sie schafft Bilder die bleiben. Sie lässt einen glücklich sein, dann wieder trauen, einen freudig springen und dann in Gedanken versinken. Eine berührende Geschichte voll heller und dunkler Tage.

 

S. Fischer, 543 Seiten; 21,95 Euro

Sandra Browndaumen_rauf

Süßer Tod

Journalistin Britt Shelley wacht im Bett neben Polizist und Held Jay Burgess auf, dieser ist tot. Britt kann sich an nichts erinnern. Sie gerät ins Visier der Polizei und wird das Ziel von sehr viel mächtigeren Feinden.
Sandra Brown hat wieder einen Thriller geschrieben, der bis oben hin voll gepackt ist mit megaheißer Spannung! Die Seiten brennen vor Thrill und knistern vor Erotik.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio, 19,99 Euro.

Blanvalet, 510 Seiten; 19,99 Euro

Deana Zinßmeisterdaumen_rauf

Der Hexenturm

1617. Die fünf jungen Thüringer Johann, Franziska, Katharina, Clemens und Burghard sind auf der Flucht. Sie kommen im Dorf Wellingen unter, doch nicht jeder will sie hier. Zudem macht der Magier Barnabas jagt auf Frauen der Zauberei.
Bald sind auch die jungen Thüringer nicht mehr sicher. Nach dem Erfolg „Das Hexenmal“ nun die Fortsetzung. Deana Zinßmeister ist in der obersten Riege deutscher Historienroman-Autorinnen angekommen. Sie erzählt bunt und spannend.

 

Goldmann, 446 Seiten; 9,99 Euro

Hörbuch der Woche

Antonin Varennedaumen_rauf

Fakire

Paris. Kommissar Guérin geht einer Serie von ungewöhnlichen Selbstmorden nach. Sein Gespür sagt ihm, dass da mehr dahintersteckt. Zur gleichen Zeit trifft der amerikanische Psychologe John Nichols in der Stadt ein. Einer seiner Patienten, ein Fakir, war bei einer Sado-Maso-Show aufgetreten und während seiner Nummer verblutet. Auch hier deutet alles auf Selbstmord hin, doch Nichols bezweifelt das. Bei seinen Nachforschungen trifft er auf Kommissar Guérin. Nun versuchen sie gemeinsam, das Rätsel zu lösen. Was sie erfahren, geht weit über das Maß hinaus, das sie vermuteten.

„Fakire“ hat in Frankreich Spuren hinterlassen, auf der Bestsellerliste und auf den Krimipreislisten. Die zwei wichtigsten Krimipreise dort hat er erhalten. Düster, hart, unberechenbar und undurchschaubar. „Fakire“ ist ein literarischer Avantgarde-Kriminalroman! Der bekannte Schauspieler Ulrich Noethen liest diesen Krimi. Er setzt die Schwere des Themas und die düstere Atmosphäre des Geschehens punktgenau um. Er verleiht dem Buch den richtigen Ton.

Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 18,00 Euro.

Hörbuch Hamburg, 4 CDs, 299 Minuten; 19,95 Euro