Kolumne Nr. 114 vom 01.11.2010

Thomas Thiemeyerdaumen_rauf

Korona

Berggorillas leben im Ruwenzori-Gebirge in Ostafrika in einer ursprünglichen Natur. Amy Walker hat sich vorgenommen, dort ihr Dasein zu erforschen. Doch dann verschwindet Amys Kollege Dr. Burke während einer Expedition. Wissenschaftler und Ex-Sträfling Ray Cox soll Amy nun im Team zur Seite stehen. Was sie nicht weiß: Ray wurde zu Unrecht verurteilt. Er ist hier, um den wahren Schuldigen zu finden. Amy und sein Team machen sich auf die Suche nach Burke, obwohl eine extrem hohe Sonnenaktivität nie gekannte Wetterkatastrophen befürchten lässt. Als erste Schneegewitter über den Suchtrupp hereinbrechen, beginnt ein Albtraumszenario …

„Medusa“, „Reptilia“, „Magma“, „Nebra“ und „Korona“. Fünf Bücher, fünf Versprechen auf ein Leseabenteuer der besonderen Art. Thomas Thiemeyer hat mit „Korona“ nicht nur einen weiteren herausragenden Abenteuer-Roman geschrieben, sondern zusätzlich einen Genremix aus Thriller, Drama, Mystery und Fantasy zusammengebastelt, der überzeugt. „Korona“ ist eine fabelhaft wilde Mischung aus „Gorillas im Nebel“, „Stargate“ und „Planet der Affen“. Leider tut man sich als deutscher Autor auf dem weltweiten Buchmarkt schwerer, aber wäre Thomas Thiemeyer ein amerikanischer Autor, wären seine Bücher reihenweise Weltbestseller. Denn nach dem Tod von Bestseller-Ikone Michael Crichton ist er endgültig in seine Fußstapfen getreten. Keiner schreibt weltweit vergleichbare Bücher wie Thomas Thiemeyer. Seine Themen, aber vor allem mit welch hoher Qualität er diese schriftstellerisch umsetzt, das kann nur er so ausgezeichnet.

Auch als Hörbuch erhältlich Argon Hörbuch, 19,95 Euro.

Knaur, 511 Seiten; 16,99 Euro

Angela S. Choidaumen_runter

Hello Kitty muss sterben

San Francisco. Fiona Yu ist eine intelligente und unterforderte Anwältin. Aber ihr Hauptproblem liegt im Moment an der Beziehungsfront. Als Mädchen aus chinesischem Elternhaus soll sie vor der Ehe keinen Sex haben und auch unbedingt einen Chinesen heiraten. Aber Fiona will nicht mehr die „Hello-Kitty-Rolle“ spielen, die ihre Eltern von ihr wollen. Als sie Sean, einen alten Schulfreund wiedertrifft, der sich vom Außenseiter zum eleganten Serienkiller gemausert hat, nimmt ihr Leben richtig Fahrt auf.

Angela S. Choi schreibt wie in einem literarisch bunten Rausch. Schräger Humor und abgefahren Situationen im Sekundentakt. Dieses grellpinke Buch liest man quietschvergnügt. Choi spielt mit dem sauberen „Hello-Kitty“-Image, und macht daraus einen dreckig-würzigen Lebenscrashroman für Erwachsene. Alleine das erste Kapitel gehört zu den besten ersten Kapiteln die ich dieses Jahr gelesen habe. Das ist intelligente und witzige Kunst. Das trifft alles auf das erste Drittel des Buches zu. Dann beginnt Fiona mit ihren Dates, die keinen Pfeffer enthalten, und Sean beginnt mit seinem Blutrausch. Für dieses abgefahrene Buch wäre das total passend, wenn es denn so ausgelassen gut geschrieben wäre, wie das erste Drittel.

 

Luchterhand, 286 Seiten; 14,99 Euro

Alan Bradleydaumen_rauf

Mord ist kein Kinderspiel

Bishop’s Lacey, 1950. Flavia de Luce ist schon voller Vorfreude, ein großer Theaterabend steht an. In ihrer Umgebung etwas ganz Großes. An diesem Abend zieht der Puppenspieler Rupert Porson das Publikum in seinen Bann. Und das Finale hat es in sich, Rupert gibt sogar eine echte Leiche. Die Polizei tappt zunächst im Dunkeln. Nur Hobbydetektivin und Giftmischerexpertin Flavia findet heraus, dass jemand die elektrische Anlage der Bühne manipuliert hat. Flavia nimmt die Ermittlungen auf. Aber kann sie alleine gegen den Strippenzieher in diesem mörderischen Marionettenspiel bestehen?

Nach dem Bestseller „Mord im Gurkenbeet“ folgt nun der zweite Fall für Flavia de Luce „Mord ist kein Kinderspiel“. Alan Bradley stürmte mit beiden Flavia-de-Luce-Büchern die New-York-Times-Bestsellerliste. Kein Wunder. Flavia de Luce hat die Anlagen, die Nichte von Sherlock Holmes zu sein. Was Flavia anpackt, wird zum Lesegenuss – schwarzer Humor, skurrile Begebenheiten und spannende Unterhaltung. „Mord ist kein Kinderspiel“ steht dem ersten Buch in nichts nach. Eine Geschichte, so lecker wie eine Pralinenschachtel. Aber bei Flavia muss aufpassen, dass die Pralinen nicht vergiftet sind. Flavia de Luce hat das Zeug dazu, eine Kultermittlerin zu werden. Ich muss mich wiederholen: Dieses Mädel ist ne Wucht!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Hörbuch Hamburg, 24,95 Euro.

Penhaligon, 346 Seiten; 19,99 Euro

Hilary Manteldaumen_rauf

Wölfe

England, 1520. Das Land befindet sich im Umbruch, und Thomas Cromwell will es nach seinen Wünschen formen. Die Mittel sind Bestechung, Einschüchterung und Charme. Er weiß, dass der Mensch des Menschen Wolf ist.
„Wölfe“ wurde 2009 mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet. Wahrlich ein meisterliches Werk. Ein historischer Roman von epischem Ausmaß! Aber dabei schreibt Mantel so, als ob der Roman auch im Jetzt spielen könnte. Diese Gradwanderung so hinzubekommen, das muss ausgezeichnet werden.

 

DuMont, 766 Seiten; 22,95 Euro

Christoph Nagel und Michael Pahldaumen_rauf

FC St. Pauli. Das Buch

Fußball. Kult. Wieder Bundesliga. Um wen kann es sich drehen? Den FC St. Pauli. Ein Fußballverein, wie kein anderer. Seine würdige Geschichte ist hier in einem Kunstwerk in braun zusammengestellt.
Eine Kultbibel für alle Fans des FC St. Pauli und für alle Fans des ehrlichen Fußballs. Wie der Kietzclub das wurde, was er heute ist, das alles und noch viel mehr finden Sie in diesem prachtvollen Bild- und Textband. Dazu gibt auch noch eine DVD und einen Aufnäher.

 

Hoffmann und Campe, 415 Seiten; 99,00 Euro

Hörbuch der Woche

Jodi Picoultdaumen_rauf

Zerbrechlich

Charlotte O’Keefe liebt ihr Kind Willow und will nur eins: es beschützen. Denn Willow leidet unter der seltenen Krankheit, die man Glasknochen nennt. Bei jedem kleinen Stoß bricht sie sich etwas. Doch auch Willows Herz kann brechen. Das versucht Charlotte auszublenden, als sie vor Gericht das Geld für die richtige Behandlung erkämpfen will. Sie verklagt ihre Frauenärztin und beste Freundin Piper. Die Krankheit hätte schon zu Beginn der Schwangerschaft erkannt – und die Eltern gewarnt werden können. Charlotte muss behaupten, ihr geliebtes Kind sei besser nie geboren worden. Es beginnt ein Kampf, der Charlotte zu zerbrechen droht. Ihr Mann will sich wegen der Klage scheiden lassen, ihre andere Tochter Amelia fügt sich Schmerzen zu, um zu spüren, dass sie lebt. Und Charlotte will eigentlich nur das Beste, um Willow ein besseres Leben bieten zu können. Doch um welchen Preis …

Ein vielschichtiger Roman, der fesselt von Anfang bis Ende. Jodie Picoult schreibt das, was sie unnachahmlich kann: eine tragische, berührende Geschichte verbunden mit dem Kampf um das Recht. Aber was ist Recht? Beim Lesen wird auch der Leser zerbrechlich. Er weiß nicht, auf welche Seite er sich schlagen soll. Jede Seite vertritt eine Wahrheit, der man nicht widersprechen kann. Daher ist das Lesen und Hören von „Zerbrechlich“ höchst emotional. Ich habe in jeder Sekunde mitgelitten. „Zerbrechlich“ gehört mit „19 Minuten“ und „Beim Leben meiner Schwester“ zu Jodi Picoults besten Romanen! Das Hörbuch hat Lübbe Audio ausgezeichnet arrangiert. Es wurden gleich sechs hochwertige Sprecher engagiert u. a. Dana Geissler, Matthias Koeberlin, Marie Bierstedt und Nicole Engeln, die der Geschichte viel Qualität verleihen. Das Hörbuch ist ein großes Hörerlebnis!

Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 19,99 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 420 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 115 vom 08.11.2010

Haruki Murakamidaumen_rauf

1Q84

Japan, 1984. Aomame, jung und schön, befindet sich in einem Taxi auf der Autobahn im Stau. Sie hat einen wichtigen Termin, den sie nicht versäumen darf. Sie verlässt das Taxi, geht zu Fuß, erreicht ihren Termin. Ein Mann in einem Hotelzimmer ist überrascht, dass Aomame kommt. Er lässt sie herein. Sie tötet ihn schnell und lautlos. Danach geht sie in ein Hotel und will nur noch Sex. Tengo, so richtig ist er weder Autor noch Lehrer, aber er kommt so durch im Leben. Was er gut kann, ist mit Wörtern umgehen, er liebt die Mathematik. Sein Redakteur Komatsu hat ein Manuskript erhalten, von der unangepassten und eigenwillig schönen 17jährigen Fukaeri. Tengo soll das Manuskript umschreiben, ihm Schliff verleihen. Komatsu träumt von einem Literaturpreis, Fukaeri soll das Gesicht werden. Tengo trifft sich mit Fukaeri und stellt fest, das mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Aber das sind erst die Anfänge von Aomames und Tengos Geschichten …

Weltbestsellerautor Haruki Murakami hat sein größtes und definitiv bestes Werk geschrieben. In „1Q84“ ist jeder Satz eine Besonderheit. Murakamis Stil scheint so einfach, er schreibt schlicht und klar, aber welch enorme Kunst dahinter steckt, das ist schon sagenhaft. Ein Buch, das einen immer wieder überrascht. Man weiß nie, was auf der nächsten Seite passiert. Murakami zeichnet ein Bild der Gesellschaft mit seinem ganz eigenen Blickwinkel. Mit Aomame und Tengo hat Murakami elegante und verstörende Figuren erschaffen, die einen berauschen, und er gibt ihnen Dialoge, die nur so sprudeln vor Einfallsreichtum. „1Q84“ ist Extraklasse! Murakami schreibt in „1Q84“, dass „ein Buch das gewisse Etwas haben muss, das beinhaltet, dass man nicht mehr aufhören kann zu lesen. An Büchern, die ich gleich wieder aus der Hand legen kann, habe ich nicht das geringste Interesse. Das ist doch eine klare Sache.“ Dieses Buch ist eines von dieser Sorte, mit dem großen gewissen Etwas, dass Sie dazu zwingt, immer weiterzulesen. „1Q84“ ist auf drei Bände angelegt. Dieses Buch enthält die in Japan getrennt erschienen Band 1 und 2. Band 3 wird bei uns im Herbst 2011 erscheinen.

 

DuMont, 1022 Seiten; 32,00 Euro

Anna Samdaumen_runter

Fragen Sie die Kassiererin!

Einkaufen im Supermarkt – für die meisten bedeutet das enervierende Parkplatzsuche, planloses Herumirren zwischen den endlosen Regalreihen, auf der Suche nach Produkten, die dann doch nicht vorrätig sind. Die ehemalige französische Supermarktkassiererin Anna Sam erzählt dem Kunden nun das, was er schon weiß.

Nach ihrem unerklärlichen Bestseller „Die Leiden einer jungen Kassiererin“, der so spannend war wie ein Kassenzettel auf dem eine Flasche Wasser für 19 Cent steht, versucht Anna Sam noch einen zweiten Supermarkt-Anschlag in Buchform. Gleich vorne weg, das Papier für dieses Buch wäre definitiv besser dafür verwendet worden, Kassenrollen herzustellen. Der Inhalt von „Fragen Sie die Kassiererin!“ ist so griffig und packend wie eine zermatschte Tomate auf dem Supermarktfußboden. Waren Sie schon mal Einkaufen im Supermarkt? Ja. Ausgezeichnet, denn das steht in diesem Buch. Alles was sie schon mal erlebt haben, können Sie hier nachlesen. Was gibt’ im Supermarkt zu finden? Welche Rabatte gibt es. Welche Werbesprüche. Wo steht was? Die Sonderaktionen der Supermärkte. Wie hole ich mir einen Wagen. Wie einen Parkplatz. Und noch mehr. Dieses Buch ist also ein echter Kassenschlager, der in jedem Supermarkt im untersten Regal im hintersten Eck stehen würde.

 

Hoffmann und Campe, 159 Seiten; 14,00 Euro

Jonathan Strouddaumen_rauf

Bartimäus – Der Ring des Salomo

Bartimäus kennt sie alle, er hat durch die Zeiten nur den Besten und Hochwohlgeborensten gedient, Pharaonen in Alexandria, Alchemisten in Prag, Kreuzrittern im Morgenland und sogar mit König Salomo stand er auf Du und Du. Und diese letzte Geschichte gibt uns Bartimäus in diesem Buch zum Besten. Man erfährt, wie der herrschsüchtige Salomo mit dem Zauber eines Rings viele Völker unterjocht und sogar die einflussreichsten Geister unter seinen Bann gebracht hat. Dschinn Bartimäus muss einen gefährlichen Auftrag erledigen, und versuchen in den Besitz des Rings zu kommen. Aber er ist nicht alleine damit. Asmira, die Wächterin einer Königin dessen Land sich Salomo noch nicht einverleibt hat, hat gleiches vor.

Und wie schon vor einigen Jahren, muss ich wieder schreiben: Jonathan Stroud lässt auf jeder Seite Funken sprühen. Bartimäus ist der coolste Geist der Weltliteratur! Bartimäus Abenteuer stehen einem großen Hollywood-Abenteurer in nichts nach –Indiana Jones. Nur schlägt Bartimäus mit seiner Wortakrobatik um sich, da verblasst die Hollywoodikone um Längen. Und Bartimäus hat ja auch noch einen großen Vorteil als Geist, er kann die ganze menschliche Zeitrechnung durch Abenteuer erleben. Was würde ihn Indiana Jones beneiden, könnte auch er die ganzen zeithistorischen Ereignisse live durchleben. Jonathan Stroud führt seine Bartimäus-Reihe überaus geschickt fort. Er hängt an die abgeschlossene Trilogie mit Bartimäus und Nathanael nicht noch einen Band dran, sondern geht in Bartimäus Vergangenheit zurück. Das lässt auch reichlich Spielraum für noch viele weitere Abenteuer mit dem schlauen und frechen Dschinn Bartimäus.

Auch als Hörbuch erhältlich bei cbj Audio, 19,99 Euro.

cbj, 469 Seiten; 18,99 Euro

Sabine Ebertdaumen_rauf

Der Fluch der Hebamme

Freiburg, 1189. Der grausame Albert wird bald die Regentschaft über die Mark Meißen übernehmen. Trotz der Gefahr können Marthe und Lukas nicht fliehen, denn sie müssen Christians Vermächtnis erfüllen.
Sabine Ebert gehört zu den wenigen Autorinnen in Deutschland, die so spannende und detailreiche historische Romane schreiben. Sabine Eberts „Hebammen“-Romane sind lebendige Geschichtsstunden! Dies ist Band 4, Band 5, der letzte der Reihe, erscheint Ende 2011.

 

Knaur, 717 Seiten; 9,99 Euro

Linda Polmandaumen_rauf

Die Mitleidsindustrie

Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Krisen durch Kriege, durch Naturkatastrophen. Wir sind aufgerufen zu spenden. Eine Industrie erwartet unser Geld.
Ein Buch, das starke Wellen schlagen wird! Was passiert wirklich mit den Geldern, die wir spenden? Dieses Buch klärt auf. Da wird Ihnen beim lesen manchmal der Klos im Hals stecken bleiben.

 

Campus, 267 Seiten; 19,95 Euro

 


Hörbuch der Woche

Franka Potentedaumen_rauf

Zehn

Was wird, wenn die schwangere Ikuko die Einzige in ihrer Familie ist, die sich eine Tochter wünscht? Warum gibt sich die Witwe Frau Nishki so oft der liebevollen Zubereitung ihres Lachs-Eintopfs hin? Wo endet es, wenn sich Miyu, die heimlich in einem Nachtclub tanzt, in einen schüchternen Polizisten verliebt? Nur ein paar der insgesamt zehn Stories, die Franka Potente in diesem Hörbuch erzählt.

Wer Haruki Murakami genossen hat, der kann sich Franka Potentes Japanblick zuwenden. In „Zehn“ beschreibt Potente in Schlaglichtern das Leben in Japan und die einzigartige Kultur des Landes. Sie erzählt kleine Geschichten von normalen Leuten, das gewährt einen tiefen Einblick in die japanische Seele. Franka Potente beweist ihr literarisches Können. Die Geschichten sind mit viel Feingefühl für die kleinen Momente und Stimmungen geschrieben. Und das die Autorin viel davon versteht, was sie schreibt, ist gewiss. Franka Potente ist eine Japanliebhaberin, die es immer wieder in dieses spannende Land zieht. Man merkt Franka Potente die Leidenschaft an, mit der sie dieses Werk geschrieben hat. Und auch gesprochen. Die weltweit erfolgreiche deutsche Schauspielerin liest das Buch auch noch selbst. In einer betörenden, anregenden und geheimnisvollen Sprache. Franka Potente macht dem Zuhörer große Lust auf dieses Land.

Auch als Hardcover erhältlich bei Piper, 16,95 Euro.

Osterworld Audio, 3 CDs, 237 Minuten; 19,95 Euro

Kolumne Nr. 116 vom 15.11.2010

Elizabeth Georgedaumen_rauf

Wer dem Tode geweiht

Isabelle Ardery bewirbt sich für den Posten des Detective Superintendent bei New Scotland Yard. Die Stelle, die Thomas Lynley zustehen würde, der aber nach dem tragischen Tod seiner Ehefrau den Dienst quittiert hat. Es entsteht ein Konkurrenzkampf mit einigen bewährten und eng verschworenen Mitarbeitern aus Lynleys alter Truppe. Dann wird eine Tote im Abney Park Friedhof gefunden. Ardery bittet Lynley in diesem Fall um seine Mitarbeit. Sie kann ihn zu einer vorübergehenden Rückkehr bewegen. Als die Ermittlungen stocken, gerät Ardery ins Kreuzfeuer der Kritik. Nun muss sich Lynley seiner früheren Stärken besinnen, und der Hilfe seiner früheren Ermittlungspartnerin Detective Sergeant Barbara Havers.

Elizabeth George auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens! Ein unglaublich gut geschriebener und clever konstruierter Kriminalroman. „Wer dem Tode geweiht“ verliert auch auf über 800 Seiten keinen Deut an Spannung. Elizabeth George spinnt die Geschichte um das geniale Ermittlerpaar Lynley und Havers glaubwürdig, emotional, intelligent und witzig weiter. Sie lotet die Untiefen ihrer Charaktere bis ins Detail aus. George zeichnet ein Bild der Gesellschaft, das treffender nicht sein kann. Wer „Wer dem Tode geweiht“ liest, ist immerzu fasziniert von dieser erzählerischen Kraft. Elizabeth George schreibt Kriminalromane, die reihenweise andere Autoren aus diesem Genre vor Neid erblassen lässt.

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio, 24,99 Euro.

Blanvalet, 827 Seiten; 24,99 Euro

Georg Kleindaumen_runter

Die Logik der Süße

Eine Insel ragt aus dem Meer, eine neue Zeitrechnung. Kinder mit zwölf greisen Lehrern sind die einzigen Überlebenden einer Naturkatastrophe. Keiner der Pädagogen ahnt, wie bald ihnen die Kleinen entgleiten werden. Zwei Reisende beziehen Quartier in einem Prager Bürgerhaus. Seit fast einem Jahrhundert verfolgen sie einen Feind, mit dem sie innig verbunden sind. Ihre entscheidende Begegnung wird sehr von der Liebe bestimmt. Nur zwei aus 18 Erzählungen, die in diesem Band versammelt sind.

Georg Klein, ein Autor, der den Tanz mit den Worten beherrscht. Nur leider setzt er sein Können dafür ein, Bücher zu schreiben, die entweder nahe der Unlesbarkeit sind, oder sterbenslangweilig. Sein Vorgänger, der gar ausgezeichnet wurde, aber großteils ein vernichtendes Leserurteil fand, „Roman unserer Kindheit“ gehörte zur unlesbaren Sorte. Sein neues Buch mit weiteren Erzählungen gehört der Kategorie sterbenslangweilig an. Dazu sind die Erzählungen unausgegoren und wenig unterhaltend. Die Figuren laden einen nicht ein, sie zu mögen und so auch nicht, mit ihnen ihren sehr kurzen Weg mitzugehen.


Rowohlt, 238 Seiten; 18,95 Euro

Oliver Bottinidaumen_rauf

Das verborgene Netz

Berlin: Ein Mann wird zusammengeschlagen, der Täter entkommt. Eine Spur führt nach Freiburg, so dass Kripo-Hauptkommissarin Louise Boni eingeschaltet wird. Der Täter scheint ein Profi zu sein, das Opfer ein Geheimdienstspitzel, die einzige Zeugin weiß offenbar mehr, als sie sagen will, und im Hintergrund agiert der Verfassungsschutz, verweigert aber die Kooperation. Ein ums andere Mal wird Louise Boni ausgebremst, doch davon lässt sie sich nicht beeindrucken. Sie spürt, dass sich das Netz immer enger zusammenzieht.

Oliver Bottini hat mit seinen Werken um die eigenwillige Freiburger Kommissarin Louise Boni schon viel erreicht. Seine Werke wurden mit Preisen ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt und er hat sich eine große Fangemeinde erarbeitet. Aber zudem kann er etwas, was andere nicht können: Oliver Bottinis Stil ist in der deutschen Krimilandschaft etwas Besonderes – schnell, kurz, präzise und dabei trotzdem intensiv. Man kann gar nicht genug davon bekommen. Einfach irre genial! „Das verborgene Netz“ ist der fünfte Fall für Louise Boni. Aktuell, politisch, spannend. Vorangetrieben wird die Geschichte wie immer auch durch die messerscharf geschliffenen Dialoge. Oliver Bottini lässt es an nichts vermissen.


Scherz, 316 Seiten; 14,95 Euro

Salas & Latodaumen_rauf

Tango

Tangoexperte Horacia Salas erzählt von der Geschichte des Tangos. Diese Geschichte hat der Künstler Lato mit ganz tollen Bildern untermalt. Dazu gibt es noch einen bebilderten Tangotanzkurs.
Ein Buch, das eine unbändige Leidenschaft enthält. Danach werden Sie der Erotik des Tangos erliegen. Ein Tanz, wie ein Vulkanausbruch. Und Sie können ihn nach der Lektüre gleich erlernen, sollten Sie ihn noch nicht können.

 

C. Bertelsmann, 175 Seiten; 19,95 Euro

Joshua Ferrisdaumen_rauf

Ins Freie

New York. Anwalt Tim Farnsworth will funktionieren. Im Beruf. In seiner Ehe. Als Vater. Aber ihn holt erneut das Leben ein. Eine Krankheit gefährdet alles, was er sich und seiner Familie aufgebaut hat.
Ein Buch, das von der ersten Seite an eine Gänsehaut verursacht, weil in einem ein Gefühlstornado wütet. Ich musste oft weinen, weil man so viel für Tim empfindet. Ein Buch, das einem das wirkliche Leben, die Ehe, das Vergängliche ganz nahe bringt.

 

Luchterhand, 350 Seiten; 19,99 Euro

Hörbuch der Woche

Martin Rütterdaumen_rauf

Wie immer Chefsache

Mattes Reuter will hoch hinaus, bei einer der größten Zeitungen des Landes arbeiten, aber er wartet gerne. Und das nun schon seit Jahren, ohne richtigen Job. Dann wird er unverhofft Chefredakteur eines Hunde-Provinzblattes. Da er selbst eine Hündin hat, verfügt er zumindest über etwas Basiswissen. Der vormals erfolglose Journalist krempelt in wenigen Wochen das Hundemagazin komplett um, macht es zu einem populären Hochglanzmagazin und wird zum gefragten Experten in Hundefragen. Das hat er nur mit seiner Redaktion geschafft, in der sich viele mysteriöse Gestalten tummeln. Und die verlangen Mattes oft mehr ab, als das Erstellen des Magazins …

Deutschlands Hundekenner Nr. 1 wandert literarisch auf den Spuren von Tommy Jaud. Komik bis der Hund bellt. Bei „Wie immer Chefsache“ bekommt man das Dauerschmunzeln nur schwer aus seinem Gesicht. Die Geschichte ist abwechslungsreich und voller kleiner merk-ich-mir-Momenten erzählt. Auch Nicht-Hundefreunde werden daran ihre Freude haben, da Rütter das was-mache-ich-mit-meinem-Hund-falsch nur sehr begrenzt einsetzt. Und der Roman darf wohl an manchen Stellen auch als Autobiographie von ihm durchgehen. Wie schon in seiner furiosen Live-Show hinterlässt Martin Rütter nun auch als Romanautor einen bleibenden Eindruck. Martin Rütter, der das Gen des intelligenten Unterhalters eingepflanzt bekommen hat, liest höchst selbst. Und das ist, wie nicht anders zu erwarten, höchst komisch und einladend.

Auch als Hardcover erhältlich bei Tag und Nacht, 17,99 Euro.


Random House Audio, 5 CDs, 373 Minuten; 19,99 Euro

Kolumne Nr. 117 vom 22.11.2010

John Katzenbachdaumen_rauf

Der Professor

Der pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas bekommt von seinem Arzt eine niederschmetternde Diagnose: Demenz. Für ihn gibt es eigentlich nur noch einen Ausweg: Selbstmord. Auf dem Weg nach Hause nimmt er dann ein 16jähriges Mädchen wahr, das mit forschem Schritt die Straße entlanggeht. Flüchtet sie vor etwas? Dann hält ein Lieferwagen, Sekunden später ist das Mädchen verschwunden. Kurz darauf taucht auf einer nicht knackbaren Website ein Bild auf, wenn man dafür viel bezahlt, auf dem ein Mädchen ausgestreckt auf einem Bett gefesselt liegt. Keiner kennt das Mädchen, es trägt ab sofort den Namen Nummer 4. Adrian Thomas ist der einzige der weiß, dass sie entführt wurde. Aber glaubt ihm jemand? Und kann er das Mädchen finden, bevor sein Geisteszustand es nicht mehr zulässt?

John Katzenbach ist der Meister der Psycho-Spannung! Mit „Der Professor“ taucht der Leser ganz tief hinab, in den menschlichen Psychodschungel. Dort finden sich so viele Untiefen, die den Leser während des Lesens offenbart werden, dass er dabei oft heftig schlucken muss. Katzenbach hat mit Adrian Thomas einen ganz seltenen Helden geschaffen. Ein Mann, der gegen das eigene Vergessen kämpft, um dem Kampf und das Überleben eines anderen zu gewinnen. Katzenbach zeigt, wie viele Menschen durch das Internet perverse Voyeure werden, die sie ohne das Internet vielleicht nie geworden wären. Doch das Internet lässt diese Menschen im Dunkeln. Der Preis des Fortschritts. „Der Professor“ ist professionelle und perfekte Hochspannung! Ein Buch, das einmal angefangen, zum Magnet wird.


Droemer 555 Seiten; 19,99 Euro

Daria Bignardidaumen_runter

Meine sehr italienische Familie

Ausgelöst durch den Tod ihrer Mutter Giannarosa erinnert Daria sich an ihr persönliches Familielexikon. Sie erzählt die Geschichte einer ganz normalen Familie und von all den Kleinigkeiten, die eine Familie zu dem machen was sie ist. Daria schreibt von den republikanischen Großeltern, dem Einfluss des Faschismus, dem Onkel, dem Landsitz ohne warmes Wasser, Ferrara, Bologna, dem Nebel der Po-Ebene und noch anderen Begebenheiten. All dies hat Spuren hinterlassen, die nun in dieses Buch eingeflossen sind.

Die Autorin schreibt, dass sie nie ein positiver und lustiger Mensch gewesen ist. Das merkt man dem Buch auf jeder Seite an. Da das Buch fast ausschließlich vom Tod handelt, ist es mit einer bleiernen Düsternis durchzogen. Das sind aber nicht die einzigen Mankos. Daria Bignardi ist in Italien eine erfolgreiche Fernsehjournalistin, das merkt man ihrem Stil an. Auf dem Buch steht wohl Roman, aber es liest sich wie ein längerer Zeitungsartikel. Das Buch besteht praktisch nur aus Fragmenten, eine Geschichte, an der man dranbleiben möchte, kommt nie zustande. Die Charaktere schildert sie wie einen Zettel auf einem Abreißkalender. Von Intensität keine Spur. Das trifft dann auf das ganze Buch zu.

 

List, 182 Seiten; 18,00 Euro

Anita Shrevedaumen_rauf

Weil sie sich liebten

Mike Bordwin ist stolz, Leiter der renommierten Avery Academy zu sein. Doch an diesem Abend weiß er, dass damit bald Schluss sein könnte. Er legt eine Videokassette ein und sieht Rob, J. Dot und Silas, den Stars der Schulbasketballteams, auf seinem Fernseher. Sie haben Sex mit einer 15jährigen – hart und schnell beendet. Das Mädchen scheint dem Ganzen aber nicht abgeneigt, ganz im Gegenteil, sie scheint große Lust dabei zu empfinden. Was soll nun mit diesen Schülern geschehen? Soll man diesen Vorfall melden? Es bleibt nichts anderes übrig. Und damit nimmt die Geschichte ihren Lauf …

Anita Shreve gehört weltweit zu den literarisch elegantesten Schriftstellerinnen! Sie schreibt Romane, die einen immer tief berühren und über das eigene Leben nachdenken lassen. Mit „Weil sie sich liebten“ hat sie einen Roman verfasst, der sehr aufwühlend ist und wie ein Krimi daherkommt. Ein dramatisches und literarisches Glanzstück! Es fordert dem Leser viel ab. Wie kann ein einziger Augenblick, eine Tat, die nicht als schlimm betrachtet wird, eine Lawine auslösen, unter der sehr viele Menschen extrem leiden, ein Ort praktisch verflucht wird, eine Stadt ihr Gesicht verliert. Anita Shreve fordert den Leser auf, den einzelnen Protagonisten der Geschichte genau zuzuhören und für jeden eine Entscheidung zu treffen. Wie hätte ich in der Situation gehandelt? Denn Anita Shreve hat den Roman äußerst geschickt verfasst. Zahlreiche Personen kommen zu Wort und erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht. Es liest sich dann fast so wie die Zeugenaussagen bei einer Gerichtsverhandlung. Sehr, sehr spannend! Wer den aktuellen Roman von Jodi Picoult gelesen hat, sollte unbedingt auch diesen lesen. Und lassen Sie sich nicht von dem schwachsinnigen deutschen Titel abschrecken (OT: Testimony), der mit der Geschichte sehr wenig gemein hat.


Piper, 354 Seiten; 19,95 Euro

Wolfgang Hohlbeindaumen_rauf

Die Chronik der Elfen 2 – Elfenzorn

In WeißWald ist nichts mehr wie es war: Vom Winter gibt es keine Spur mehr und Nandes hat einen finsteren Plan gefasst, um die Elfen endgültig zu vernichten.
Nach dem Erfolg „Elfenblut“ nun die Fortsetzung. „Die Chronik der Elfen“ ist Hohlbeins neuestes Fantasy-Epos! Er beschreitet darin neue Wege, befolgt die Elfen-Tradition nicht immer – wie schön –, und macht daraus ein feuriges Fantasy-Gemisch.

 

Otherworld, 765 Seiten; 19,95 Euro

Michael Kleebergdaumen_rauf

Das amerikanische Hospital

Paris, 1991. Héléne und David lernen sich im amerikanischen Hospital in Paris kennen. Beide müssen sich behandeln lassen, der Erfolg lässt auf sich warten. Aber sie lernen sich immer besser kennen und werden einer des anderen Stütze im schmerzlichen Krieg, der gegen ihre Körper und Seelen geführt wird.
Bestsellerautor Michael Kleeberg (Karlmann) bewegt sich mit diesem Roman in ganz hohen Sphären – geschichtlich und stilistisch. Kleeberg stellt Menschen dar, wie sie sind, dass aber in einer Sprache, die berauscht. Ein besonders Buch!

 

DVA, 233 Seiten; 19,99 Euro

Hörbuch der Woche

Alicia Bessettedaumen_rauf

Weiß der Himmel von dir

Zell und Nick waren sehr glücklich. Sie wollten viel miteinander unternehmen und immer Spaß dabei haben und sie wollten eine ganze Fußballmannschaft an Kindern. Doch dann verunglückt Nick tödlich. Wie soll Zell nun weitermachen? Sie zieht sich völlig zurück. Erst als sie mit der Tochter ihres Nachbarn am Backwettbewerb einer berühmten Fernsehköchin teilnimmt, beginnt für sie ein neues Leben.

Eine zartschmelzende bitter-süße Geschichte über die Liebe, die Sehnsucht, die Hoffnung und das Finden des eigenen Ichs. Alicia Bessette ist ein wunderbarer Roman im Stile einer Cecelia Ahern gelungen. Man ist gerührt, dann ist man traurig, dann wieder glücklich und lachen tut man auch immer wieder. Gelesen wird dieser wunderbare Roman von der erfolgreichen Schauspielerin Jessica Schwarz und von ihrem Kollegen Andreas Pietschmann. Schwarz gibt Zell eine unverwechselbare Note, die aus ihr eine Figur macht, die sehr lebendig ist. Pietschmann ist mehr für die stillen Momente zuständig und er macht das mit großer Eleganz.

Auch als Hardcover erhältlich bei Krüger, 16,95 Euro.

der Hörverlag, 6 CDs, 428 Minuten; 21,95 Euro

Kolumne Nr. 118 vom 29.11.2010

Tess Gerritsendaumen_rauf

Totengrund

Wyoming. Dr. Maura Isles reist im tiefsten Winter auf eine Fachtagung. Nach der Konferenz nimmt sie die Einladung eines Kollegen zu einem Skiausflug an. Am Samstagmorgen machen sie sich dann zu Fünft auf den Weg in die Berge. Doch dann kommt das Auto von der Straße ab. Zu Fuß müssen sie durch den Schnee waten und gelangen zu einer abgelegenen Siedlung. Hier ist aber etwas passiert, das sich keiner erklären kann. Fenster und Türen der Häuser sind nicht verschlossen, Küchentische sind gedeckt, Essen und Trinken darauf festgefroren. Warum haben die Anwohner so überstürzt die Häuser verlassen? Dann passiert einem der Fünf ein schwerer Unfall. Nun geht es um Leben und Tod. Derweil sucht Mauras Freundin Detective Jean Rizzoli und dessen Mann FBI-Agent Gabriel Dean verzweifelt nach ihr. Und was Maura noch nicht weiß, sie sind nicht alleine in der verschneiten Wildnis …

Tess Gerritsen überrascht ihre Leser immer wieder. Der 8. Fall für Jane Rizzoli und Maura Isles ist keiner wie man ihn erwartet. Es gibt schwache Bücher und Bücher, die nichts für schwache Nerven sind. Dies gehört zur zweiten Sorte. Vor der Lektüre sollten sie unbedingt die Telefonnummer ihres Arztes neben dem Buch griffbereit haben. „Totengrund“ fesselt in jeder Sekunde! Ein Buch, das sich auf ganz leisen Sohlen anschleicht und bald in blanken Horror mündet und mit einem überraschenden Twist endet. Tess Gerritsen hat das Setting des Romans perfekt gewählt und bringt es genauso rüber. Man friert praktisch auf jeder Seite. Tess Gerritsen schreibt eiskalter Thriller, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen!

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio, 19,99 Euro.

Limes, 413 Seiten; 19,99 Euro

Frédéric Beigbederdaumen_runter

Ein französischer Roman

Als Beigbeder vor ein paar Jahren auf offener Straße beim Koksen erwischt wurde, wurde er für 48 Stunden in U-Haft gesteckt. Hier fand er nun endlich Zeit, sein Leben einer Inspektion zu unterziehen. Er versucht sich an seine Kindheit zu erinnern. Es fällt ihm schwer. Erst als er auch die Geschichten seiner Großeltern und Eltern ausleuchtet, formieren sich allmählich wieder Bilder in seinem Kopf. Er beschließt später, daraus ein Buch zu machen.

Ein solides Buch, aber keines, das einen zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Der französische Skandalautor Frédéric Beigbeder, der mit „39,90“ weltweit für großes Aufsehen sorgte, macht seiner Person alle Ehre. Beigbeder wird beim Koksen erwischt, geschäftstüchtig wie er ist, macht er daraus ein Buch über seine Kindheit und seine Familie und entwirft ein ganz kleines Jahrhundertbild Frankreichs. Für den Leser ist das wichtig zu wissen, denn wenn er kein ganz großer Fan von Beigbeder oder von einer kleinen Geschichte rund um Frankreich ist, dann wird ihn dieses Buch schwer enttäuschen. Denn was der Autor von sich und seiner Familie erzählt, ist vielleicht für ihn interessant, aber nicht für den Leser. Auch seine Kokserei will er damit in ein schöneres Bild rücken. Nur das gab mir die Möglichkeit, zurückzublicken, so seine Aussage. Und was er über Frankreich erzählt, erfährt man auch aus der Zeitung.


Piper, 253 Seiten; 19,95 Euro

Rita Falkdaumen_rauf

Winterkartoffelknödel

Also: Da sind der Franz Eberhofer, Kommissar, die führsorgliche und preissensible Oma, der Beatles hörende Papa, Leopold, die Schleimsau von Bruder, mit seiner immer sexgeilen Rumänen-Blondine Roxana, und Hund Ludwig. Kein einfacher Stand für Franz. Und da ist dann auch noch eins: Arbeit. Zuerst der Nachteinsatz bei Mercedes Dechampes-Sonnenleitner, die einen gesehen hat, der um ihr Haus schleicht. Und dann noch die schnell dahin sterbenden Neuhofers. Der Vater starb an einem Stromschlag, die Mutter hat sich im Wald aufgehängt und einer der Neuhoferbuben fiel ein Container auf den Kopf, der war dann flach wie ein Pfannkuchen. Dem anderen Bruder bleibt nun ein Grundstück, das dieser teuer verkauft. Nun vermutet Franz dahinter einen Dreifachmord. Seine Ermittlungen enden nicht oft im Chaos.

Ein Provinz-Krimi, der daherkommt wie ein ganz großer Krimi – nur der etwas anderen Art. „Winterkartoffelknödel“ ist ein Komödienstadel in Buchform. Rita Falks Stil ist kauzig, eigenwillig, sensationell. Die Debütantin mischt hier nur die besten Zutaten zusammen. Falk sticht mit ihrem Stil und Kommissar Franz Eberhofer aus der Masse an Krimis deutlich heraus. Schon alleine wegen der Skurrilität, aber sie hält auch die Spannung hoch. Egal ob in Franz schrägem Familienleben oder bei den nicht weniger schrägen Ermittlungen. „Winterkartoffelknödel“ ist ein köstlich komischer Krimi! Eine literarisch bayerische Krimi-Mischung mit Anleihen an Tommy Jaud, Oliver Kalkofe, Mario Barth und Kommissar Kluftinger. Ich habe Tränen gelacht. Und viele Passagen gleich mehrmals gelesen, weil sie so erheiternd geschrieben sind.

 

dtv, 234 Seiten; 12,90 Euro

Sineb El Masrardaumen_rauf

Muslim Girls

Wie leben junge muslimische Frauen bei uns? Ist alles so schlimm, wie es oft geschildert wird. Ja und Nein.
Es gibt zwei Seiten – wie so oft –, und die andere, die bisher kaum niedergeschriebene, bekommt mit diesem Buch eine Stimme. Ein anderer Blick auf die Migrationsdebatte in Deutschland. Offen, ehrlich, zum nachdenken anregend. Muslimische Frauen haben ihren eigenen Kopf – wie auch alle Frauen aus den anderen Religionsgruppen.

 

Eichborn, 206 Seiten; 14,95 Euro

Chika Unigwedaumen_rauf

Schwarze Schwestern

Vier nigerianische Frauen wollen ins Paradies und landen in Antwerpen im Rotlichtviertel als Prostituierte. Als eine ermordet wird, beginnen die anderen einander ihr Leben zu erzählen.
Ein bedrückendes Buch, ein Buch in dem aber auch Hoffnung steckt, ein Buch, das aufklären und aufrütteln will, erklären, verstehen, handeln. Mehr als nur ein Roman!

 

Tropen, 284 Seiten; 19,95 Euro

Hörbuch der Woche

Iny Lorentzdaumen_rauf

Aprilgewitter

Ende des 19. Jahrhunderts: Glücklich und voller Hoffnung brechen Lore und Fridolin nach Berlin auf. Hier tritt Fridolin einen Posten in einem Bankhaus an und Lore eröffnet mit ihrer Freundin einen Modesalon. Lore muss aber schnell erkennen, dass sie von den Damen der Gesellschaft geschnitten wird, vor allem von der Frau von Fridolins Chef. Dieser hat auf Wunsch ihrer Tochter ganz andere Vorstellungen mit Fridolin, er soll sein Schwiegersohn werden. Das, und dass Fridolin eine alte Bekannte wieder trifft, bringen die Ehe zum Kriseln. Nicht weniger unwichtig ist, dass die Bekannte die Chefin von Berlins edelstem Bordell ist.

Nach „Dezembersturm“ folgt nun „Aprilgewitter“ – im Juli 2011 folgt der Abschluss der Trilogie mit „Juliregen“. Das kann man schon jetzt sagen: Eine elegante historische Trilogie! Das liegt auch an der Zeit, in die uns Iny Lorentz entführt. Und die Trilogie erhält mit „Aprilgewitter“ einen weiteren Höhepunkt. Iny Lorentz erzählt von großen Intrigen, Machtgier, Anerkennung in der Gesellschaft, falschen Freunden, von der Liebe und auch von deftigem Sex. Eine Trilogie, die sofort verfilmt gehört. Liebe Fernsehsender, Rechte erwerben und es dem Mega-Fernseherfolg „Die Wanderhure“ gleichtun. Die Figuren leben, vor allem durch die Interpretation von Anne Moll. Sie hat ein ganzes Dutzend an Stimmen in ihrem Repertoire, mit dieser sprachlichen Vielfalt, macht sie aus der Lesung ein echtes Erlebnis. Einem Iny-Lorentz-Roman würdig!

Auch als Taschenbuch erhältlich bei Knaur, 9,95 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 404 Minuten; 19,99 Euro