Kolumne vom 7.08.2017 - Nr. 468


Hollie Overton

daumen rauf

Babydoll

Babydoll

Lily Risers neues Leben beginnt an einem kalten Winterabend: Nur mit einem dünnen Schlafanzug bekleidet tritt sie vor die Tür, drückt ihre Tochter Sky an sich – und rennt los. Weg von dem Haus im Wald, weg von dem Mann, der sie acht Jahre lang gefangen hielt. Rick Hanson, dem Vater ihrer Tochter, dem Mann, der an diesem Abend zum ersten Mal einen Fehler machte, als er vergaß, die Tür zu verriegeln. Lily Weg zurück in die Normalität ist steinig. Viel ist geschehen als sie weg war. Schritt für Schritt tasten sie sich in eine mögliche Zukunft, ohne zu ahnen, was noch auf sie zukommt. Denn selbst im Gefängnis plant Rick bereits, wie er sie, seine Babydoll, für ihren Ungehorsam bestrafen wird ...

Ein durchtriebener und psychologisch ausgefeilter Thriller, der einen von der ersten Seite an fesselt! Die Amerikanerin Hollie Overton, die selbst eine Zwillingsschwester hat, hat den Roman geschickt aufgebaut. Abwechselnd lässt sie Lily, Abby, Rick und Mutter Eve erzählen und gewährt so einen breiten und intensiven Blick auf das dramatische Geschehen. „Babydoll“ zeigt über die körperliche und psychologische Grausamkeit hinaus, wie nicht nur ein Leben zerstört wurde, sondern das einer ganzen Familie. Vater, Mutter und das der Zwillingsschwestern. Abby, die Schwester, die schon anders war als Lily noch da war, und die sich nun so anders entwickelt hat. Abby, die Wut und Hass auf alles zu haben scheint, die, man spürt es von Seite zu Seite, eine Katastrophe heraufbeschwört.

Goldmann, 347 Seiten; 15,00 Euro


Laura Wohnlich

daumen runter

Sweet Rotation

Sweet RotationDer plötzliche Tod ihrer Mutter hat eine nachhaltige Wirkung auf die 19-jährige Anna. Sie muss endlich das Projekt Erwachsenwerden in Angriff nehmen. Aber Anna sucht nicht nur einen Job. Sie sucht einen Platz in der Welt. Anna ist zerbrechlich und mutig zugleich. Sie ist desillusioniert und bereit, bis an ihre Grenzen zu gehen. Sie wird Escortgirl. In ihrem neuen Leben spielen biedere Zahnärzte Nebenrollen und ein durchgedrehter Künstler die Hauptrolle. Bis Nelson auf den Plan tritt. Seine Augen sind undefinierbar und schön. Anna hat sich verliebt. Doch ist das die Lösung für ihre Probleme?

Der erste Roman der jungen Schweizerin (geboren 1992 in Basel) Laura Wohnlich. Die Idee des Romans ist ja keinesfalls neu, aber man hätte daraus mit der richtigen Erzählstruktur und dem richtigen Handwerkszeug viel Gutes machen können. Leider fehlt Laura Wohnlich noch einiges zu einer guten Autorin. Jeder Roman, egal welches Genre, braucht einen guten Spannungsaufbau. Diesen gibt es in „Sweet Rotation“ nicht. Das Buch plätschert so dahin. Es hatte ein paar Höhepunkte in Sprache und Story, aber die sind sehr überschaubar. Und was unheimlich nervt sind Laura Wohnlichs Bandwurmsätze. Das Handwerkszeug, u. a. Sätze zu formen, die klingen, ist Laura Wohnlich leider größtenteils abzusprechen. Am Ende bleiben eine durchaus sympathische Hauptfigur und etwas Situationskomik- und tragik.

Piper, 333 Seiten; 20,00 Euro


Jancee Dunn

daumen rauf

Bring deinen Mann nicht gleich um – du könntest ihn noch brauchen

Bring deinen Mann nicht gleich um du könntest ihn noch brauchen Nach der Geburt des ersten Kindes müsste eigentlich eitel Sonnenschein herrschen, doch oft gehen die Probleme dann erst los. Als strauchelnde Neu-Mutter und plötzlich unzufriedene Ehefrau erzählt die Autorin, wie ihre Beziehung unverhofft ein Fall für den Paartherapeuten wird. Sie schildert die Tücken des Familienalltags, etwa wenn ihr Mann völlig selbstvergessen Online-Schach spielt, anstatt sich wie versprochen um die gemeinsame Tochter zu kümmern.

Ein Baby ist das Schönste was einem Paar passieren kann. Das sehen sicher viele Paare so, aber die, die ernsthaft überlegen, ob sie ein Kind bekommen sollen oder nicht, und zuvor dieses Buch lesen, werden sich nach der Lektüre vielleicht dagegen entscheiden. Denn Jancee Dunn erzählt in ihrem Buch wie auch die beste Partnerschaft nach der Geburt eines Kindes in einen starken Sturm gerät. Ist die Beziehung zuvor nicht ganz stark, und das Kind von beiden unbedingt gewollt, ist eine Trennung durchaus wahrscheinlich. Jancee Dunn erzählt von den Hassgedanken gegenüber ihrem Mann, die sie vor der Geburt so nie kannte und davon, wie sie ihr so ersehntes Familienleben wieder aus dem Sturm herausbekommt. Sie versucht nicht immer Streit mit ihrem Mann zu suchen, und ihr Mann sollte versuchen, seine Frau nicht streitlustig zu machen. Das ist aber wahnsinnig schwierig. Haushalt, Sex, Finanzen, alles gerät in Turbulenzen. Ein sehr aufschlussreiches, offenes und ehrliches Buch!

Mosaik, 383 Seiten; 15,00 Euro


Jane Austen

daumen rauf

Vernunft und Gefühl

Vernunft und Gefühl

Temperamentvoll und leidenschaftlich, ist Marianne Dashwood das genaue Gegenteil ihrer älteren Schwester, der beherrschten und vernünftigen Elinor. Dass sich Marianne Hals über Kopf und natürlich unglücklich in den begehrten Frauenschwarm John Willoughby verliebt, erstaunt daher niemanden. Aber auch Elinor erlebt mit dem Mann ihres Herzens eine böse Überraschung, denn „ihr“ Edward Ferrars hat einer anderen die Ehe versprochen. Gemeinsam lernen die ungleichen Schwestern mit ihrer Enttäuschung zu leben und nach einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse den Standpunkt der jeweils anderen besser zu verstehen.

Jane Austen sorgt auch noch heute für glänzende Augen und ein Glucksen bei ihren Leserinnen und Lesern. Am 18. Juli war der 200. Todestag der Autorin. Manesse macht mit dieser Neuübersetzung des Jane-Austen-Klassikers viele glücklich, denn damit erklingt „Vernunft & Gefühl“ frisch und forsch. Für die, die tatsächlich noch kein Buch von Jane Austen gelesen haben, tut sich mit der Neuübersetzung nun eine Chance auf, die man nicht verpassen sollte.

Manesse, 412 Seiten; 26,95 Euro


Holly Ivins

daumen rauf

Jane Austen

Jane Austen

Haben Sie schon einmal von Mr. Darcy geträumt? Wären Sie nicht auch gern die Auserwählte, der ein Gentleman wie Mr Knightley beim Contredanse sehnsüchtige Blicke zuwirft? Noch heute lieben und leiden viele Leserinnen mit den Schwestern Bennet und Dashwood, und die Welt der englischen Klassikerin fasziniert nicht weniger als vor 200 Jahren. Die Autorin gewährt uns Blicke hinter die Fassaden der prunkvollen Herrenhäuser und beschreibt wie man sich als Dame schicklich kleidete und wie ein Gentleman seiner Angebeteten formvollendet den Hof machte. Sie erzählt davon, was Mann durfte, Frau aber nicht, für die es sich vor allem nicht ziemte, Romane zu schreiben.

Ein Buch für alle die, die in Jane Austens literarische Welt noch nicht eingetaucht sind, es aber nun tun wollen, aber auch für die, die schon alle Bücher gelesen haben, auch die werden mit dieser Entdeckungsreise durch Jane Austins Welt ihre helle Freude haben. Der Engländerin Holly Irvins ist mit diesem Buch ein echter Schatz für alle Jane-Austen-Fans gelungen. Liebevoll und lebendig zusammengesellt.

DVA, 238 Seiten; 14,99 Euro


Hörbuch der Woche

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Annette Mingels

Was alles war

Was alles war audio

Für ihre Eltern war Susa das lange ersehnte Kind, es fehlte ihr an nichts. Dass sie adoptiert wurde, hat sie nie gestört. Als erwachsene Frau verspürt sie zwar eine leichte Neugier auf die leibliche Mutter, aber als sie Viola kennenlernt, ist diese für sie eine Fremde. Doch das Treffen setzt mehr in Bewegung als vermutet. Die Frage, was Familie eigentlich ausmacht, erhält für Susa eine neue Bedeutung, auch, weil sie sich in Henryk verliebt, der zwei Töchter mit in die Beziehung bringt.

Ein bewegender, aufwühlender und nachdenklich machender Roman! Annette Mingels vermittelt Gefühle und Gedanken ihrer Protagonisten auf eindringliche Art. Susa, die wissen möchte, von wem sie abstammt, was es bedeutet Familie zu haben, und das die echten Eltern nicht die biologischen sein müssen. Im Falle von Susa ein großes Glück, denn ihre leibliche Mutter Viola ist eine absolute Alptraummutter. Viola gefällt das Schwangersein, aber für Kinder hat sie nichts übrig, denn diese hätten sie fortwährend in ihrer Entfaltung gestört. Das sitzt. Viola ist wirklich eine verabscheuenswürdige Frau, das sieht auch Susa bald ein. Umso mehr versucht sie ihren leiblichen Vater ausfindig zu machen. Und hier erlebt sie eine positive Überraschung. Gelesen wird diese aufwühlende Geschichte von der bekannten Schauspielerin Ulrike C. Tscharre. Sie gibt Susa ihre ganz eigene Stimme, die zwischen Neugier und Unsicherheit schwankt. Mit ihr durchlebt man die Gefühlswelt sehr intensiv.

Was alles war

 

Auch als Hardcover erhältlich bei Knaus, 19,99 Euro.

Der Hörverlag, 7 CDs, 454 Minuten; 19,99 Euro


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