Mai 2017

Kolumne vom 29.05.2017 - Nr. 458


John Grisham

daumen rauf

Bestechung

Bestechung Buch

Richter müssen ehrlich und weise handeln. Ihre Integrität und Neutralität sind das Fundament, auf dem unser Rechtssystem ruht. Wir vertrauen darauf, dass sie für faire Prozesse sorgen, Verbrecher bestrafen und eine geordnete Gerichtsbarkeit garantieren. Doch was passiert, wenn sich ein Richter bestechen lässt? Lacy Stoltz, Anwältin bei der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, wird mit einem Fall richterlichen Fehlverhaltens konfrontiert, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Ein Richter soll über viele Jahre hinweg Bestechungsgelder in schier unglaublicher Höhe angenommen haben. Lacy Stoltz will dem ein Ende setzen und nimmt die Ermittlungen auf. Doch dieser Fall ist hochgefährlich.

John Grisham weiß auch nach über zwei Jahrzehnten und einem Besteller nach dem anderen immer noch zu überraschen! „Bestechung“ ist kein Justizthriller, so wie man ihn vom Meister des Genres kennt, sondern mehr eine tiefgreifende Analyse von Korruption, Machthunger und grenzenloser Gier innerhalb des amerikanischen Justizsystems und der Gesellschaft. Die Figuren in „Bestechung“ wirken daher etwas blas, aber die schier unglaubliche Möglichkeiten der Korruption sind sehr interessant geschildert. Und man erfährt wie einige Indianerstämme mit Kasinos Millionen von Dollar verdienen.

Bestechung


Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio. Charles Brauer und John Grisham bleiben ein perfektes Duo, wenn es um erstklassige Hörbuchunterhaltung geht! 21,99 Euro.

Heyne, 448 Seiten; 22,99 Euro


Zsuzsa Bánk

daumen runter

Schlafen werden wir später

Schlafen werden wir spaeter BuchDie Schriftstellerin Márta lebt mit Mann und drei Kindern in einer deutschen Großstadt, die Lehrerin Johanna lebt allein in einem kleinen Ort im Schwarzwald. Eine lange Freundschaft verbindet sie, in E-Mails halten sie Kontakt. Was ist gewesen in ihrem Leben – und was wird noch kommen?

Zsuzsa Bánk hatte mich mit „Die hellen Tage“ begeistert. Daher war ich sehr gespannt auf ihren neuen Roman. Möchten Sie eine Depression bekommen? Dann ist dieser Roman genau das richtige für Sie. Was hat sich Zsuzsa Bánk nur dabei gedacht, solch einen Roman zu schreiben? Freundinnen schreiben sich E-Mails und erzählen sich darin ihre Alltagssorgen. Da hätte man viel daraus machen können. Doch die Umsetzung ist eine Katastrophe. Man kann teils mitfühlen mit Márta und Johanna und ihren Alltagsproblemen, ja, aber trotz ihrer viel beschworenen Freundschaft sind sie unglaubliche Egoistinnen. Es wird praktisch nie auf das eingegangen, was die andere schreibt. Tolle Freundschaft! Und dazu würden sich zwei Freundinnen wohl kaum E-Mails in solch einer Sprache schreiben. Mit einem realitätsnahen E-Mail-Roman hat dieses Buch gar nichts zu tun! Unterscheiden kann man die Schreiberin nach einer Zeit auch kaum mehr. Und es gibt keine spannende Entwicklung in der Geschichte. Es wiederholt sich alles und plätschert einfach so dahin. „Schlafen werden wir später“ – nein, schlafen Sie gleich und sparen Sie sich diesen Roman.

S. Fischer, 683 Seiten; 24,00 Euro


Mhairi McFarlane

daumen rauf

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt

Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt Buch Edie mag keine Hochzeiten. Wenn der Bräutigam dann auch noch ihr Kollege Jack ist, der bis vor wenigen Wochen heftig mit ihr geflirtet hat, macht das die Sache nicht besser. Und dann passiert es. In einem Moment küsst Jack sie und beide werden von der Braut Charlotte beobachtet. Ein Moment der Edies ganzes Leben zu zerstören droht. Der darauf folgende Online-Shitstorm zwingt Edie, ihr Londoner Leben hinter sich zu lassen und Zuflucht bei ihrer Familie in Nottingham zu suchen. Edie soll dort den gefeierten Schauspieler Elliot Owen treffen, um als Ghostwriterin seine Biographie zu verfassen. Dummerweise entpuppt sich Elliot nicht als charmanter Star …

Mhairi McFarlanes Romane sprühen nur so vor Wortwitz, knackigen Dialogen und einer flotten Story. Will man sich stundenlang gut unterhalten, dann kann man mit den Liebesromanen von der Schottin Mhairi McFarlane nichts falsch machen. „Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt“ macht dabei keine Ausnahme. Von der ersten Seite an legt Mhairi McFarlane gleich wieder richtig los. Die Seiten fliegen nur so weg. Edie ist absolut liebenswert, auch weil sie von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert. Wie es im richtigen Leben halt auch ist. „Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt“ wird garantiert nie langweilig und es passiert immer wieder etwas, was man nicht erwartet. Die Schottin zeigt mit ihrem neuen Roman, dass sie die hohe Qualität ihrer Bestseller „Wir in drei Worten“ oder „Vielleicht mag ich dich morgen“ und „Es muss wohl an dir liegen“ halten kann.

Knaur, 540 Seiten; 10,99 Euro


David Eagleman

daumen rauf

The Brain

The Brain

Die Hirnforschung macht rasante Fortschritte, aber nur selten treten wir einen Schritt zurück und fragen uns, was es heißt, ein Lebewesen und Mensch zu sein. Das sonderbare Rechengewebe in unserem Schädel ist der Apparat, mit dem wir uns in der Welt orientieren, Entscheidungen treffen und Vorstellungen entwickeln. Seine unendlich vielen Zellen bringen unser Bewusstsein und unsere Träume hervor. In diesem Buch wird eine Brücke zwischen der Hirnforschung und uns, den Besitzern eines Gehirns, gebaut. Es hilft uns, uns selbst zu verstehen. Denn ein besseres Verständnis unseres inneren Kosmos wirft auch ein neues Licht auf unsere persönlichen Beziehungen und unser gesellschaftliches Zusammenleben.

„The Brain“ sieht in Ihren Kopf, und nach der Lektüre werden Sie klarer sehen, was in Ihrem Gehirn jede Millisekunde für unglaubliche Abenteuer passieren. Der Neurowissenschaftler David Eagleman entschlüsselt zumindest etwas das Gewirr aus Milliarden von Hirnzellen und Billionen von Synapsen. Das Buch ist in sechs Bereiche unterteilt: „Wer bin ich?“, „Was ist die Wirklichkeit?“, „Wer sitzt am Steuer?“, „Wie entscheide ich?“, „Brauche ich dich?“ und „Wer werden wir sein?“.

Pantheon, 224 Seiten; 22,99 Euro


Brandon Sanderson

daumen rauf

Schatten über Elantel

Schatten über Elantel  Buch


Die Stadt Elantel ist eine Metropole in Zeiten des Umbruchs, beherrscht von Technik, Magie – und dem Recht der Gesetzlosen. Hier stoßen Wax, Wayne und ihre Gefährtin Marasi auf eine dunkle Verschwörung, die ganz Elantel erschüttern kann. Und die Verbündeten machen sich daran, den Fall auf ihre ganz eigene Weise zu lösen ...

Ein actionreicher Fantasy-Western mit Anklängen eines historisch modernen Krimis! Brandon Sanderson, einer der Stars der Fantasy-Szene, mischt in seiner „Nebelgeborenen“-Saga das Fantasy-Genre mal so richtig auf. Fantasy wie man sie sonst so kennt, ist hier nicht zu finden. „Schatten über Elantel“ ist beste Fantasy-Unterhaltung! Es ist Band 5 der Reihe, und der Beginn einer neuen Trilogie innerhalb der Saga. Man kann diesen Roman lesen, ohne die vorherigen gelesen haben.

Piper, 517 Seiten; 16,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Bernd Stelter

Der Killer kommt auf leisen Klompen

Der Killer kommt auf leisen KlompenInspecteur Piet van Houvenkamp ist einem neuen Verbrechen auf der Spur: In seinem geliebten Middelburg wird in einem Hausboot eine Frau aufgefunden. Sie lächelt, sie ist wunderschön, sie ist nackt. Sie hat nur einen Fehler: Sie ist tot. Der Inspecteur ermittelt unter Hochdruck und gerät dabei in Kreise, von deren Existenz er bislang nichts ahnte. Und schon bald liegen seine Nerven blank - denn natürlich lassen es sich auch die Camper vom Campingplatz „De Grevelinge“ mal wieder nicht nehmen, bei den Ermittlungen mitzumischen.

Kabarett-Urgestein Bernd Stelter hat mit „Der Killer kommt auf leisen Klompen“ nach „Der Tod hat eine Anhängerkupplung“ seinen zweiten Camping-Krimi verfasst. Bernd Stelter zeigt, dass er einen wirklich guten Krimi schreiben kann, in dem der Humor natürlich nicht zu kurz kommt. Der Roman und das Hörbuch bieten gute Unerhaltung. Bernd Stelter zuzuhören macht großen Spaß! Er ist mit viel Schwung und Leichtigkeit bei der Sache und macht aus „Der Killer kommt auf leisen Klompen“ einen echten Krimispaß, der zudem nicht an Spannung geizt.

Der Killer kommt auf leisen Klompen Buch



Auch als Hardcover erhältlich bei Lübbe, 18,00 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 305 Minuten; 18,00 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 22.05.2017 - Nr. 457


Mary E. Pearson

daumen rauf

Der Kuss der Lüge

Der Kuss der Luege

Lia ist mit 17 Jahren die älteste Tochter im Königshaus Morrighan und soll nun mit einem Prinzen verheiratet werden, den sie noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Doch Lia flieht aus ihrem geplanten Leben und heuert weit entfernt von zu Hause in einer Taverne an. Dort lernt sie zwei Männer kennen, die sofort ihre Aufmerksamkeit erregen. Was sie nicht weiß: Die beiden sind auf der Suche nach ihr. Einer wurde ausgesandt, um die Königstochter zu töten. Und der andere ist ausgerechnet jener Prinz, den sie heiraten sollte. Schnell fühlt Lia sich zu beiden hingezogen ...

Ungemein fesselnd, ein Setting das zu überzeugen weiß, und Figuren, die zum greifen nahe sind. „Der Kuss der Lüge“ begeistert durch und durch! Mary E. Pearson hat den Roman klug aufgebaut in dem sie immer wieder die Personen wechselt. Die Hauptfigur bleibt Lia, aber die beiden anderen, Auftragsmörder und Prinz, bekommen auch genügend Raum. Durch diese Abwechslung bekommt man überraschende Einblicke in alle drei Figuren und wie sich im Laufe des Buches ihr Denken, ihre Gefühle und ihre Vorhaben verändern. Die Spannung lässt so bis zum Schluss nie nach. Auf Band 2 von den „Chroniken der Verbliebenen“ wartet man mit großer Vorfreude.

One, 559 Seiten; 18,00 Euro


Sabine Thiesler

daumen runter

Nachts in meinem Haus

Nachts in meinem HausTom ist ein anerkannter Kunstmaler, dazu reich und glücklich verheiratet. Alles läuft perfekt für ihn. Bis eines Nachts in seinem Haus etwas Schreckliches passiert. Unter Schock flieht er in ein toskanisches Bergdorf. Doch was ihm zunächst wie das Paradies erscheint, entpuppt sich schnell als Hölle. Tom hält das Alleinsein nicht aus, fühlt sich eingesperrt und verfolgt. Als er begreift, dass er niemandem mehr vertrauen kann, auch seinen Freunden nicht, ist es zu spät: Er trifft eine verhängnisvolle Entscheidung . . .

Sabine Thiesler gehört zu den besten Spannungsautorinnen Deutschlands! Ihre Thriller haben psychologische Tiefe und viel Raffinesse. Ihr neuer Thriller „Nachts in meinem Haus“ ist aber gar kein Thriller, sondern ein durchaus, in Teilen, spannender Roman. Die Geschichte beginnt gut, man malt sich aus, was da nun alles kommen kann, aber es kommt ganz anders, denn so gut geht es nicht weiter. Sabine Thielser kommt vom Weg ab und behandelt auch zahlreiche, für die Hauptgeschichte, unwichtige Nebenschauplätze. So geht die Spannung immer mehr verloren. „Nachts in meinem Haus“ ist so nur ein solider Sabine-Thielser-Roman geworden, nicht zu vergleichen mit ihren sehr guten vorherigen Büchern.

Heyne, 512 Seiten; 19,99 Euro


Maja Winter

daumen rauf

Träume aus Feuer

Traeume aus Feuer Das Großkönigreich Le-Wajun wird vom gottgleichen Sonnenpaar regiert. Großkönig Tizarun und Großkönigin Tenira sind allseits beliebt, doch heimlich ergeht ein perfider Auftrag an die Gilde der Wüstendämonen: Die gefürchteten Assassinen sollen für Großkönig Tizaruns Tod sorgen. Die Auftraggeber des Anschlags ahnen nicht, dass sich längst einer der Wüstendämonen am Hof von Le-Wajun eingeschlichen hat: Karim, getarnt als Knappe eines Fürsten. Für ihn ist der Auftrag sehr persönlich, denn er weiß von einem dunklen Geheimnis in der Vergangenheit des Großkönigs. Die Zeit der Rache ist gekommen!

Maja Winter lässt einen eintauchen in eine andere Welt voller Magie und dem Kampf Gut gegen Böse. Die Autorin hat schon mit ihrer „Drachenjägerin“-Trilogie begeistern können. Nun ist sie mit einer neuen Fantasy-Saga (Sternenbrunnen) am Start und weiß gleich mit dem ersten Band „Träume aus Feuer“ einen vollkommen in den Bann zu ziehen. Maja Winter zeigt vorwiegend das Leben der sich schnell entwickelnden 12-jährigen Prinzessin Anyana, auf die immer mehr Verantwortung zukommt und die von düsteren Träumen geplagt wird. Und natürlich auch das Leben im Königreich und das des geheimnisvollen Karim. Es ist der erste von vier Bänden. Die anderen drei werden in den nächsten Monaten folgen. Als nächstes erscheint „Träume aus Staub“. Man kann es gar nicht erwarten.

Bastei Lübbe, 558 Seiten; 15,00 Euro


Aram Mattioli

daumen rauf

Verlorene Welten

Verlorene Welten

Dieses Buch erzählt die Geschichte der Indianer und ihrer Vernichtung vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Es beschreibt den langen und gewaltsamen Prozess der Kolonisierung durch die weißen Siedler. Zugleich bezieht der Autor die Sicht der „Besiegten“ gleichberechtigt in die Betrachtung mit ein und zeigt, wie indianische Nationen ganz unterschiedlich auf die Landnahme reagierten. Daneben kommen die kulturellen Leistungen der Indianer ebenso zur Sprache wie die großen sozialen Umwälzungen und die vielfältigen Lebensformen.

Amerika, das Land der Siedler und der Erbauer. Alles rosarot. Doch die Wahrheit, die heute jeder kennt, wollte bis in die 1970er in Amerika keiner wissen. Amerika, das Land der Mörder – in Bezug auf die Ureinwohner. Dieses Buch beleuchtet in prägnanten Schlaglichtern wie es den Indianern erging, als der „weiße Mann“ kam. Ein Buch, das wütend und traurig macht. Man hätte alles auch anders lösen können, aber die Fastvernichtung eines ganzen Volkes war die einfachere Lösung.

Klett-Cotta, 464 Seiten; 26,00 Euro


Florian Huber

daumen rauf

Hinter den Türen warten die Gespenster

Hinter den Türen warten die Gespenster

Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ gab es einen unverrückbaren Ort, der Halt und Geborgenheit versprach: die Familie. Sie erwies sich als der einzige Wert, der den Nationalsozialismus weitgehend unversehrt überdauert hatte. Die Familie konnte aber nicht jene Widersprüche und Konflikte aussperren, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt die Gesellschaft begleiteten. Dazu gehörte das Verdrängen und Verschweigen. Sie waren der Nährboden für die berüchtigten Familiengeheimnisse der deutschen Gesellschaft nach 1945, an deren Gift bisweilen noch die Enkelgeneration laborierte.

Eine dramatische, spannende und mitreißende Geschichte, die niemanden unberührt lässt! Der Krieg war vorbei, doch die Nachkriegszeit in Deutschland war keineswegs durchweg durchzogen von einem positiven Geist – Ärmel hochkrempeln, anpacken, nun schaffen wir alles. Nein, viele ungelöste Probleme belasteten alle, die Frauen und Mütter, die Männer und Väter und die machtlosen Kinder. Probleme, die auch später nie gelöst wurden. Der Titel „Hinter den Türen warten die Gespenster“ trifft den Geist des Buches sehr gut. Die Gespenster waren überall.

Berlin Verlag, 348 Seiten; 22,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Anna Basener

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte AudioDie Omma ist eine Ruhrpottikone. Sie war mal Wirtschafterin im Puff, bis sie den brutalen Zuhälter nicht mehr ertragen und ihn kurzerhand mit einer Flasche Korn erschlagen hat. Als die Mitzi, ehemalige Prostituierte und enge Vertraute der Omma, plötzlich stirbt, bricht die Omma alle Zelte in Essen ab und zieht zu ihrer Enkelin Bianca. Nach Berlin-Kreuzberg. Bianca wundert sich sehr, dass die vitale Mitzi plötzlich tot sein soll und die Omma ihr geliebtes Essen verlässt. Bianca stellt immer mehr Fragen. Und dann geschieht etwas ganz Unerwartetes …

Der Titel und das Cover sind ein Hingucker. Und das schöne Äußere wird auch mit einem treffenden Inhalt gefüllt. Ein wundervoll derber Roman, mit leisen und lauten Tönen, der mit einer absolut unkonventionellen Geschichte immer wieder zu überraschen weiß. Und natürlich mit ganz viel Schlüppis. Gefühlt ist es das meist verwendete Wort im ganzen Roman. Das Hörbuch ist eine Wucht! Das liegt natürlich am Text, aber vor allem an Kabaretturgestein Gerburg Jahnke. Wie sie die Figuren interpretiert, das ist traumwandlerisch gut. Sie gibt jeder Figur ihre eigene Stimme. Und sie versteht es, dabei humorvoll zu sein, aber trotzdem ernst zu bleiben.

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte

 

Auch als Paperback erhältlich bei Eichborn, 16,99 Euro.

Lübbe Audio, 6 CDs, 408 Minuten; 19,99 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 15.05.2017 - Nr. 456


Nicholas Sparks

daumen rauf

Seit du bei mir bist

Seit du bei mir bist

Mit 34 glaubt Russell auf der absoluten Glücksseite des Lebens zu stehen: Er hat eine umwerfende Frau und eine süße kleine Tochter, ein wunderschönes großes Haus und beruflichen Erfolg. Doch dann zerbricht sein Traum binnen kürzester Zeit: In der Ehe zeigen sich deutliche Risse, und eine berufliche Neuorientierung erweist sich als gefährliche Sackgasse. Vollkommen unvermittelt steht er mit einem Mal da, verlassen und arbeitslos, und soll sich allein um die fünfjährige Tochter London kümmern. Zunächst fühlt er sich komplett überfordert, nur langsam schafft er es, sich aus der Krise herauszukämpfen. Dabei hilft ihm auch eine Frau, die er für immer verloren glaubte. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu …

Nicholas Sparks beschreibt Kleinigkeiten des Alltags, die, so wie er sie beschreibt, total spannend sind. Bei einem anderen Autor würde man vor Langweile gähnen, nicht so bei Nicholas Sparks. Sein Können ist außergewöhnlich, weil es auch nach zwei Jahrzehnten nicht an Qualität verloren hat. So lange, so gut zu sein ist einfach nur großartig! „Seit du bei mir bist“ zeigt die Fallstricke einer Ehe und einer Familie. Und wenn der eine in der Ehe mehr liebt, als der andere, führt das immer zu Ungleichheiten. Der eine leidet dann immer viel mehr als der andere. Mit Nicholas Sparks taucht man vollkommen in die Gedanken- und Gefühlswelt von Russell ab. Man fühlt mit ihm, leidet mit ihm, freut sich und spürt die Wut aufkommen, wenn er schlecht behandelt wird. Wieder ein Roman, wie aus dem Leben gegriffen, der die Gefühle des Lesers Achterbahn fahren und einen zwischen Wut, Trauer, Hoffung und Glück alles durchleben lässt.

Seit du bei mir bist audio

Auch als Hörbuch erhältlich bei Random House Audio. Alexander Wussow liest wieder voller Gefühl und Hingabe. Seine Interpretation der Nicholas-Sparks-Romane sind ein Genuss! 19,99 Euro.

Heyne, 572 Seiten; 19,99 Euro


Alexis Ragougneau

daumen runter

Der Tote aus der Seine

Der Tote aus der SeineAls man eines Morgens die Leiche eines jungen Obdachlosen aus der Seine zieht, geht man zunächst von einem Selbstmord aus. Doch schon bald muss Kommissar Gombrowicz diese These wieder kassieren: Die Hände des Opfers sind durchbohrt, und eine Seite des Körpers ist aufgeschlitzt – alles deutet auf die bewusste Inszenierung eines religiösen Rituals hin. Da die Polizei keine schnellen Ergebnisse liefern kann, begeben sich Pater Kern und die junge Richterin Claire Kauffmann auf Spurensuche. Schon bald führen verschiedene Fährten die beiden in das unterirdische Labyrinth der französischen Hauptstadt, wo sie eine grausige Wahrheit entdecken müssen ...

Nach „Die Madonna von Notre-Dame“ ist „Der Tote aus der Seine“ der zweite Fall für Pater Kern und Richterin Claire Kaufmann. Claire Kaufmann, die im ersten Fall noch Staatsanwältin war, war für mich hier die überzeugendere Figur. Wenn sie die Hauptfigur gewesen wäre, hätte der Krimi besser werden können. Die Figur des Pater Kern hat ihren Reiz, ja, aber so ein gewisses und wünschenswertes Pater-Brown-Feeling will hier nicht aufkommen. Der erste Fall war eher langweilig, der zweite ist nun etwas besser, aber er bleibt Durchschnitt. Es gibt gute Szenen und spannende Momente, aber der ganze Fall weiß nicht durchgängig zu fesseln

List, 365 Seiten; 14,99 Euro


Pierre Lagrange

daumen rauf

Blutrote Provence

Blutrote Provence Drei Leichen liegen an einem Waldparkplatz bei Caromb. Die Feriengäste wurden mit einer seltenen Waffe hingerichtet. Die Polizei steht vor einem rätselhaften Fall, in den sich zu allem Übel Ex-Commissaire Albin Leclerc einmischt. War es das Werk eines Auftragsmörders? Geht ein Killer in der Provence um, der Touristen tötet? Leclerc erkennt Parallelen zu einem früheren Fall. Er beginnt mit Mops Tyson und der aus Marseille versetzten Polizistin Castel Ermittlungen, die sie eigentlich gar nicht führen dürften.

 

Der pensionierte Commissaire Albin Leclerc hat keine Hobbys oder andere große Interessen. Er mag nur zwei, drei Dinge: vor allem Verbrechen aufklären, seinen Mops Tyson notgedrungen und seine Freundin Veronique, die ihn zu nehmen weiß. Pierre Lagrange hat mit Albin Leclerc einen eigenwilligen Helden erschaffen, der schon im ersten Fall „Tod in der Provence“ sein Können präsentierte. „Blutrote Provence“ ist ein würdiger Nachfolger des sehr spannenden Debüts. Pierre Lagrange gibt seinen Figuren wieder viel Raum zur Entfaltung, auch die Provence zeigt ihre Schönheit. Und „Blutrote Provence“ zeigt, das Wein doch dicker als Blut sein kann.

Scherz, 407 Seiten; 14,99 Euro


Markus Heitz

daumen rauf

Des Teufels Gebetbuch

Des Teufels Gebetbuch

Der ehemalige Spieler Tadeus Boch gelangt in Baden-Baden in den Besitz einer mysteriösen Spielkarte aus einem vergangenen Jahrhundert. Alsbald gerät er in einen Strudel mysteriöser Ereignisse, in dessen Zentrum die uralte Karte zu stehen scheint. Die Rede ist von einem Fluch. Was hat es mit ihr auf sich? Wer erschuf sie? Gibt es noch weitere? Wo könnte man sie finden? Dafür interessieren sich viele, und bald wird Tadeus gejagt, während er versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

 

 

Ein heitzsches Hollywood-Movie zum lesen und staunen! Ein Grusel-Thriller mit Wow-Effekt! Markus Heitz geizt nicht mit Schauwerten und lässt es an Action, Spannung und einer überraschenden Story nicht fehlen. „Des Teufels Gebetbuch“ – wahrlich ein teuflisches Buch, ein teuflisches gutes Buch!

Knaur, 671 Seiten; 16,99 Euro


Verschiedene Autorinnen

daumen rauf

Die Flügel meines schweren Herzens

Die Fluegel meines schweren Herzens

Vom überraschend freizügigen erotischen Vers aus dem 7. Jahrhundert bis zum zeitgenössischen Gedicht über Krieg, Flucht und Exil. Über fünfzig Autorinnen entwerfen eine weibliche Identität jenseits aller Tabus und Denkverbote und leisten einen poetischen Beitrag zur Debatte über den Islam. Der Blick auf die arabische Tradition ist bis heute von Stereotypen geprägt. Dieses Buch regt zu einer differenzierten Sichtweise an und präsentiert die arabische Literatur aus ungewohnter, nämlich spezifisch weiblicher Perspektive. Bereits in frühmuslimischer Zeit formulieren Frauen offen ihre Ansprüche an das Leben und scheuen dabei nicht die Provokation. Die Autorinnen – u.a. aus dem Irak, Syrien, dem Jemen, Marokko und Ägypten – lassen uns teilhaben an ihren Sehnsüchten und ihrer Trauer, malen die Härten des Beduinenlebens aus oder hinterfragen nachdrücklich ihre Rolle als Ehefrau, Geliebte und Mutter.

Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5 Jahrhundert bis heute – wenn man das auf dem Einband liest, weiß man noch nicht, was einen erwartet. Viel mehr, als man denkt, viel abwechslungsreicher, als man vermutet, viel offener, als man sich das heute vorstellt. Ein Beispiel: „… Heilung von der Liebe heißt Küssen und Umarmen / und das ein Bauch sich an den andern reibe, heißt Stoßen, dass die Augen übergehen, und Zerren an Haut und Haaren.“ Alle Gedichte sind auf Deutsch und in arabischer Sprache im Buch enthalten. Ein Buch, in das man sich immer wieder vertiefen wird.

Manesse, 192 Seiten; 19,95 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Nicholas Searle

Das alte Böse

Das alte Boese AudioRoy und Betty haben sich über ein Datingportal im Internet kennengelernt – recht ungewöhnlich für zwei Menschen über 80. Die beiden verstehen sich, bald ist Roy in Bettys schönem Haus auf dem Lande eingezogen. Doch Roy ist ein Krimineller, ist es sein ganzes Leben lang gewesen. Er hat mit siebzig gutgläubige Anleger betrogen, mit fünfzig im Rotlichtbezirk von Soho schmutzige Geschäfte betrieben, als junger Mann noch Schlimmeres getan – und auch der Greis folgt noch dem Trieb, anderen Menschen Böses anzutun. Wer ist dieser Roy? Sicher nicht der, der zu sein er vorgibt. Die Spur seiner Taten führt bis in die Kriegszeit. Nach Deutschland. Und die liebenswerte Betty ahnt nicht, dass jemand sie um ihr Vermögen bringen will.

„Das alte Böse“ – der Titel trifft es Punktgenau! Ein Thriller, der wahrlich überrascht. Wendungsreich, spannend und mit für einen Thriller außergewöhnlichem Personal. Die Story bietet viel, viel mehr als man zuvor vermutet. Das Ende bietet dann die ganz große Überraschung! In England war „Das alte Böse“ ein Bestseller. Bei dieser Story nicht verwunderlich. Wer könnte den knorrigen Roy bisher herüberbringen als Schauspiel- und Hörbuch-As und „Tatort“-Kommissar Dietmar Bär. Keiner. Deswegen liest auch er diesen bösen, bösen Thriller.

Das alte Boese



Auch als Hardcover erhältlich bei Kindler, 19,95 Euro.

Random House Audio, 6 CDs, 471 Minuten; 19,99 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 08.05.2017 - Nr. 455


Maja Lunde

daumen rauf

Die Geschichte der Bienen

Die Geschichte der Bienen Cover

England, 1852: Der Biologe und Samenhändler William sieht sich als Forscher gescheitert, das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock. Ohio, USA, 2007: Der Imker George arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom eines Tages übernehmen. Tom aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden. China, 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Doch dann steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.

Tosender Applaus für diesen Roman! Geniale Idee und bravouröse Umsetzung. Ein aktueller und fesselnder Roman, der der Gesellschaft auf subtile Weise den Spiegel vorhält. Was kann passieren, wenn man weiter so macht, wie bisher. Das alles in Bezug auf die Bienen gesehen und wie ungeheuer wichtig sie für unser Ökosystem sind. Sterben die Bienen so weiter wird auch die Menschheit irgendwann aufhören zu wachsen. „Die Geschichte der Bienen“ ist eine Geschichte über die Bienen, aber eben noch so viel mehr, es ist eine durch und durch menschliche Geschichte. Der Roman zeigt, wie es begann, dass die Menschen die Bienen „zähmen“ konnten, und wie sie nach dem 2. Weltkrieg immer weniger wurden und es dann fiktional 2007 zum großen Kollaps kam. 2098 ist dann alles anders. Hier muss per Hand alles bestäubt werden, weil es keine Bienen mehr gibt. Maja Lunde hält sich jeweils nicht zu lange bei einer der drei Erzählstränge auf, so dass nie Langeweile aufkommt, man die Seiten nur so wegliest, und schon wieder bei der nächsten Geschichte ist. 500 Seiten lange, fesselnde Lektüre!

Die Geschichte der Bienen Audio

Auch als Hörbuch erhältlich bei der Hörverlag. Drei Zeitebenen verlangen auch drei Sprecher, diese sind: Bibiana Beglau Markus Fennert und Thomas M. Meinhardt. So dramatisch und abwechslungsreich das Buch ist, so ist auch das Hörbuch. 19,99 Euro.

btb, 512 Seiten; 20,00 Euro


Heinz Strunk

daumen runter

Jürgen

Heinz Strunk   JuergenJürgen Dose lebt in Harburg. Er hat es auch sonst nicht immer leicht gehabt im Leben; sein Job im Parkhaus verlangt ihm viel ab, und damit fängt es erst an. Trotzdem ist für Jürgen das Glas immer halbvoll, doch er ist ein ganz armer Willi, nur weiß er das nicht. Abgesehen von seiner bettlägerigen Mutter und Schwester Petra vom Pflegedienst, hat er nur regelmäßigen Kontakt zu seinem alten Freund Bernd Würmer, der im Rollstuhl sitzt und sich ununterbrochen mit ihm zankt. Beide müssen so einiges im Leben entbehren, am schmerzlichsten die Liebe einer Frau. Und da das ja kein Zustand ist, beschließen sie, was zu tun.



Kennt man einen Strunk, kennt man alle Strunks. Das trifft so ungefähr auch auf den neuen Roman von Bestsellerautor Heinz Strunk zu. „Jürgen“ hat wenig Innovatives, wenig Spannung, wenig Humor, wenig Erfrischendes, wenig einnehmendes Personal, wenig von allem also. Jürgen Dose und sein Leben geht einem als Leser aber bald auf die Nerven. Was die Sache mit dem Buch nicht besser macht. Die Idee zum Buch ist keinesfalls neu, aber trotzdem hätte man daraus ein sehr humorvolles Lesevergnügen machen können. Heinz Strunk ist das mit „Jürgen“ nicht gelungen.

Rowohlt, 253 Seiten; 19,95 Euro


Remy Eyssen

daumen rauf

Gefährlicher Lavendel

Gefaehrlicher Lavendel Frühling in Le Lavandou. Rechtsmediziner Dr. Leon Ritter fühlt sich längst als echter Südfranzose und verbringt gemeinsam mit Isabelle Zeit auf seinem Weinberg. Doch die Idylle wird getrübt, als Leon zwei brutal zugerichtete Leichen obduzieren muss. Staatsanwaltschaft und Kommissarin haben schnell einen Verdächtigen zur Hand, doch Leon ist skeptisch und beginnt selbst zu ermitteln. Doch es dauert, bis er wirklich eine echte Spur hat, und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Währenddessen muss er auch in seinem Privatleben noch eine Gefahr abwehren. Leon kommt dann aber einer jahrzehntealten Geschichte auf die Spur …

 

Nach „Tödlicher Lavendel“ und „Schwarzer Lavendel“ ist „Gefährlicher Lavendel“ wieder ein atmosphärischer und spannungsgeladener Provence-Krimi zum mit der Zunge schnalzen! Die einzelnen Charaktere haben sich schon nach dem ersten Roman bei einem festgebissen, aber Remy Eyssen hat sie mit jedem Roman spannend weiterentwickelt. So machen die Figuren alleine genauso viel Spannung aus wie die eigentlichen Fälle. Hauptsächlich natürlich Leon, aber auch seine Liebe und stellvertretende Polizeichefin Isabelle und deren kratzbürstige Tochter Lilou und der mürrische Polizeichef Zerna. Großartig. Remy Eyssen, bitte weiter so!

Ullstein, 493 Seiten; 9,99 Euro


Sebastian Fitzek

daumen rauf

Achtnacht

Achtnacht

Stellen Sie sich vor, es gibt eine Todeslotterie. Sie können den Namen eines verhassten Menschen in einen Lostopf werfen. In der „AchtNacht“, am 8. 8. jedes Jahres, wird aus allen Vorschlägen ein Name gezogen. Der Auserwählte ist eine AchtNacht lang geächtet, vogelfrei. Jeder in Deutschland darf ihn straffrei töten - und wird mit einem Kopfgeld von zehn Millionen Euro belohnt. Das ist kein Gedankenspiel. Sondern bitterer Ernst. Es ist ein massenpsychologisches Experiment, das aus dem Ruder lief. Und Ihr Name wurde gezogen!

 

Bestseller-Autor Sebastian Fitzek mal ganz anders! Er ist Fan von den Hollywood-Horror-Blockbustern „The Purge“. Er verweist ja auch darauf gleich auf der ersten Seite. „Achtnacht“ ist das deutsche „The Purge“! Sebastian Fitzek schreibt aber dann doch eine etwas andere Geschichte, die mit der Spannung der Filme nicht ganz mithalten kann. Trotzdem: Ein Thriller, der dem Leser vieles bietet und schockierend gut unterhält!

Knaur, 408 Seiten; 12,99 Euro


Jörg Maurer

daumen rauf

Im Grab schaust du nach oben

Im Grab schaust du nach oben

Böllerschüsse und Blaskapelle am Friedhof des idyllisch gelegenen Kurorts: Eine schöne Beerdigung, sagen alle, die danach ins Wirtshaus gehen. Nur schade, dass Kommissar Jennerwein gleich wieder weg musste, aber wegen dieses G7-Gipfels im Kurort sind alle Ordnungskräfte im Sondereinsatz. Dabei verliert gerade ein Mörder zwischen Polizeiabsperrungen und Anti-Gipfel-Demonstranten sein Opfer aus den Augen, ein schicksalhafter Schuss fällt, und das Bestatterehepaar a. D. Grasegger findet Verdächtiges auf dem Friedhof. Bei seinen Ermittlungen entdeckt Kommissar Jennerwein, dass nichts von Dauer ist – nicht einmal die Totenruhe…


Jörg Maurer bleibt seiner Linie treu – in den Bergen brennt der Alpenkrimi ein wahres Feuerwerk ab! Alleine der Titel sorgt schon für den ersten Lacher: „Im Grab schaust du nach oben“. Und im Buch setzt sich das leise Schmunzeln immerzu fort. Jörg Maurer hat um den negativen Hype des G7-Gipfels auf Schloss Elmau einen spannenden Krimi geschrieben, der der Jennerwein-Reihe ein neues Highlight hinzufügt.

Scherz, 409 Seiten; 14,99 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Lucas Grimm

Nach dem Schmerz

Nach dem Schmerz AudioHannah Gold, gefeierte Cellistin, wurde vor 25 Jahren gefoltert und kann seither keinen Schmerz mehr empfinden. Die damals Siebenjährige wurde vor den Augen ihres Vaters, einem Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der DDR gequält, um geheime Informationen aus ihm herauszupressen. Er schwieg - aber schwieg er mit Absicht, um den Preis ihres Lebens? Hannah hat ihren Vater nie wieder gesehen, bis er eines Abends plötzlich in einem ihrer Konzerte sitzt. Von da an wird sie in einen Strudel aus alten und neuen Machenschaften hineingezogen. Wird verfolgt, angegriffen, gejagt. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für sie. Sie muss hinter das Geheimnis ihres Vaters kommen.

Ein spannungsgeladener Politthriller mit starken Figuren und einer Story, die es in sich hat! Die Story ist weit ab vom normalen Thriller-Mainstream und auch die Heldin Hannah Gold ist außergewöhnlich. Bei „Nach dem Schmerz“ wird es einem nie langweilig. Das liegt einerseits daran, dass es bei der Story Schlag auf Schlag geht und anderseits an dem sehr gut aufgelegten Sprecher. Uve Teschner liest sehr lebendig und zeigt hier sein volles Können. Er kann problemlos einzelnen Charakteren eine andere Stimme verleihen.

Nach dem Schmerz Cover

 


Auch als Paperpack erhältlich bei Piper, 16,99 Euro.

Osterwold Audio, 2 MP3 CDs, 517 Minuten; 19,99 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 01.05.2017 - Nr. 454


Karine Tuil

daumen rauf

Die Zeit der Ruhelosen

Die Zeit der Ruhelosen

Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn – dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat.

„Die Zeit der Ruhelosen“ war nominiert für den Prix Goncourt und stand wochenlang auf der französischen Bestsellerliste. Ein Gesellschaftsroman, der am Puls der Zeit ist, und der im Stile eines klassischen, perfekt komponierten Musikstücks geschrieben ist. Was macht die Gesellschaft aus einem, was der Krieg, die Politik, die Arbeit, der Partner, die Freunde. Von all dem werden wir geprägt und macht uns zu Menschen, die wir vielleicht gar nicht sein wollen. Das und noch viel mehr geht Karin Tuil in diesem Roman auf den Grund. Es geht um Macht, Gier, Hass, Liebe, Leidenschaft, und den Wirrungen des Lebens ausgeliefert zu sein. Der Roman bildet das heutige Frankreich mit seinen vielen Strömungen und Problemen sehr gut ab. Karin Tuil ist mit „Die Zeit der Ruhelosen“ ein großer Wurf gelungen! Ruhelos werden auch Sie beim lesen sein, denn man kann Tuils stilvoller Sprache nicht entkommen.

Ullstein, 507 Seiten; 24,00 Euro


Roman Maria Koidl

daumen runter

Der letzte Scheißkerl

Der letzte ScheißkerlEs ist das perfekte Paar: die Angst und die Liebe. Doch warum macht uns eigentlich kaum etwas so viel Angst wie die Liebe? Mehr noch: Was haben Ängste damit zu tun, dass uns Menschen immer wieder magisch anziehen, mit denen wir dann doch keine langfristige Beziehung führen können? Der Autor hat sich mit mehr als viertausend Frauen darüber ausgetauscht und wiederkehrende Beziehungsmuster erkannt. Hier erklärt er, warum Mutter-Theresa-Frauen gern den Privatpatienten suchen oder sich unbezahlte Teilzeit-Erzieherinnen irgendwann erschöpft von ihren Kindkerlen trennen. Ist es doch ein Irrglaube zu meinen, man könnte sich den eigenen Partner passend machen oder ihn gar verändern.

Das zwiespältige Männerbetrachtungsbuch „Scheißkerle“ war vor Jahren ein Bestseller, nun legt Roman Maria Koidl mit „Der letzte Scheißkerl“ nach. Dieses Buch ist anders, der Autor geht auch auf das Miteinander ein, die Frau, die Männer, die Beziehung, und wie man rauskommt aus der Dauerschleife, die einen bindet und gleichzeitig entfernt. Dieses Buch bietet für zahlreiche Leserinnen sicher den einen oder andere Aha-Moment. Die vier charakterisierten Männertypen, die im Buch dargestellt werden, sind doch sehr pauschal und überspitzt dargestellt. Was dem Buch positiv zur Seite steht, sind die Ehrlichkeit und die echten Geschichten, aber irgendwie hat man das alles schon mal gelesen, in leicht veränderter Form, daher bietet „Der letzte Scheißkerl“ nicht recht viel Neues. Eine Lektüre, die einen manchmal schmunzeln, dann wieder nachdenken lässt, die man schnell herunterliest, aber am Ende kaum mehr etwas weiß, was man am Anfang gelesen hat.

Ullstein, 238 Seiten; 16,99 Euro


Cilla & Rolf Börjlind

daumen rauf

Schlaflied

Schlaflied Am Stockholmer Hauptbahnhof herrscht Chaos. Ein Mädchen im Strom der Asylsuchenden schlägt sich ganz alleine durch – bis sie auf die Obdachlose Muriel trifft, die sich ihrer annimmt. Gemeinsam suchen sie Zuflucht in einer einsamen Hütte auf dem Land. Aber ist es in den Wäldern Smalands wirklich sicherer als auf den Straßen von Stockholm? Zur selben Zeit versucht der frühere Kriminalkommissar – und frühere Obdachlose – Tom Stilton seinen Polizeikollegen zu beweisen, dass er wieder ganz auf der Höhe ist. Er soll dabei helfen, den grausamen Tod eines Jungen aufzuklären, der vergraben im Wald gefunden wurde. Wenig später bittet ihn Muriel um Hilfe, weil sie ihren Schützling in Gefahr glaubt. Haben die Fälle etwa miteinander zu tun? Tom Stilton und Olivia Rönning kommen der Wahrheit nur langsam auf die Spur ...

Ein beängstigend aktueller Kriminalroman, der einen von der ersten Seite an packt! Das Autorenduo Börjlind erzählt in zahlreichen Erzählsträngen, mal kürzer, mal länger, und diese werden nach und nach zusammengeführt. Dieser kluge Aufbau lässt die Geschichte nie langweilig werden. „Schlaflied“ beschreibt das Leben der Flüchtlingskinder, was sie erlebt haben, was sie fühlen, und was manchen dann im gesegneten Europa passiert. Diese dunkle Seite, wenn es sie denn wirklich gibt, ist schrecklich. Aber wo Unschuldige, teils namenlose Kinder, ausgenutzt und getötet werden können, läuft etwas ganz falsch in den Köpfen der Menschen.

btb, 576 Seiten; 15,00 Euro


Natascha Wodin

daumen rauf

Sie kam aus Mariupol

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin geht in diesem Buch dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt von der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. „Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter“, kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen.

 

Eine Geschichte, die man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommt! Stark erzählt, dramatisch, bedrückend, beeindruckend. Natascha Wodin verarbeitet mit diesem Buch eine dunkle Vergangenheit, der Leser verarbeitet mit. „Sie kam aus Mariupol“ wurde im März 2017 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet.

Rowohlt, 358 Seiten; 19,95 Euro


Dirk Gieselmann / Armin Smailovic

daumen rauf

Atlas der Angst

Atlas der Angst

WIR SIND IM KRIEG. So steht es eines sonnigen Tages in der Zeitung. Und die Menschen haben Angst, sie bewaffnen sich und legen Vorräte an. Doch wie kann das sein, in einem Land, das so sicher ist und so reich? Der Fotograf Armin Smailovic und der Autor Dirk Gieselmann haben sich auf die Suche nach dem Albtraum begeben, der Wirklichkeit zu werden droht, nach dem Krieg in den Köpfen - der German Angst. Eine Reise durch das Krisengebiet Deutschland, von Bautzen bis nach Duisburg-Marxloh, von Sylt bis auf die Zugspitze. 100 Orte, 100 Fotos, 100 Texte.

Die Bilder im Buch verstören und begeistern zugleich. Nicht weniger als die Texte, die zeigen, was in den Köpfen der Menschen vorzugehen scheint. Das sichere Deutschland verwandelt sich von Norden nach Süden in ein Land der Angst und des Hasses. Nicht überall gleich dramatisch, aber man denkt sehr über die Texte nach, die im „Atlas der Angst“ stehen.

Eichborn, 213 Seiten; 24,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Ada Dorian

Betrunkene Bäume

Betrunkene Bäume AudioErich ist über achtzig und verliert Stück für Stück seine Unabhängigkeit. Außerdem trauert er um die Liebe seines Lebens. Als junger Forscher hatte Erich eine Expedition in die Taiga unternommen. In jener Zeit hat er Schuld auf sich geladen, die bis heute nachwirkt und Erich vereinsamen lässt. Dann jedoch tritt Katharina in sein Leben. Sie ist von zu Hause ausgerissen, als ihr Vater die Familie verlassen hat.

„Betrunkene Bäume“ zeigt wie schwankend das Leben sein kann. Geradlinig ist gar nichts. Der Roman lebt von seinen starken Figuren Erich und Katharina, von denen Ada Dorian tief in ihre Psyche vordringt. Vor allem an Erich zeigt er, dass nichts schön daran ist, wenn man alt wird. Ada Dorians hat einen ausschmückenden Stil, was der Geschichte gut zu Gesicht steht. Der junge Schauspieler Adam Nümm verleiht dem Text mit seiner Stimme viel Melancholie und Bodenhaftung. Die Lesung wirkt manchmal etwas trocken, aber das passt auch irgendwie zu den Figuren von „Betrunkene Bäume“.

Betrunkene Bäume Cover

 


Auch als Hardcover erhältlich bei Ullstein, 18,00 Euro.

Hörbuch Hamburg, 6 CDs, 406 Minuten; 19,99 Euro


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