Aktuelle Kolumne vom 20.05.2019 - Nr.561


Tracy Barone

daumen rauf

Das wilde Leben der Cheri Matzner

Das wilde Leben der Cheri Matzner

Der Radiologe Solomon Matzner und seine italienische Frau freuen sich auf ihr Kind. Da erleidet Cici eine Fehlgeburt, die sie so verstört zurücklässt, dass Sol sich nicht anders zu helfen weiß, als hinter ihrem Rücken schnellstens ein Ersatzkind zu adoptieren: Cheri. Ein rebellisches Mädchen, das auch später als Frau nicht ansatzweise dazu bereit ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Ein Familienroman, der funkelt wie ein Diamant! Wunderbar geschliffene Figuren, Szenen, Dialoge, ein literarisches Fest! Man erlebt die hellen und die dunklen Stunden des Lebens mit Figuren die einen an der Hand nehmen um sie in ihrem Alltag zu begleiten. Der Aufbau der Geschichte ist nicht linear, aber überraschend. Sie beginnt in den 1960ern während der Kuba-Krise, wo man einen Auszug aus Cici und Solomons Leben erfährt. Dann macht die Geschichte einen Sprung ins Jahr 2002, wo man die Erwachse Cheri erlebt, Ex-Polizistin, nun Akademikerin, an der Uni lehrend und Keilschriftexpertin. Es spielen nun das Thema Kinder bekommen, was Cheri mit dem nahenden 40sten große Probleme bereitet, und vor allem auch ihre Beziehung zu Ehemann und Mutter eine gewichtige Rolle. Das Spiel wiederholt sich im Leben. „Das wilde Leben der Cheri Matzner“ ist ein Roman voller Höhen und Tiefen des Lebens!

Diogenes, 501 Seiten; 24,00 Euro


Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

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Heimat ist Albtraum

Heimat ist Albtraum

Wie fühlt es sich an, tagtäglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus? Zum einjährigen Bestehen des „Heimatministeriums“ sammeln die Autorinnen Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft. In persönlichen Essays geben zahlreiche Autoren Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als „anders“ markiert, kaum schützt oder wertschätzt.

Auf dieses Buch war ich sehr gespannt! Es gibt ja schon eine rege Diskussion darüber. „Heimat ist Albtraum“ ist ein Buch dem man Gutes aber auch Schlechtes abgewinnen kann. Im Buch sind zahlreiche interessante Geschichten versammelt, die zeigen, was Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder in Deutschland erfahren. Sehr traurig. Aber doch sind darin auch Geschichten versammelt, die schon sehr reißerisch sind. Die Deutschen sind die bösen, so kann man das grob zusammenfassen. Doch da bleibt immer die Frage, will man auch ein volles Mitglied der deutschen Gesellschaft werden oder nur immer am Rand stehen? Man muss wollen, man muss sich weiterbilden, beruflich wie privat, man muss aufeinander zugehen und nicht bei seinesgleichen bleiben.

Ullstein, 198 Seiten; 20,00 Euro


Sheila Heti

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Mutterschaft

MutterschaftWas wird gewonnen und was geht verloren, wenn eine Frau sich entschließt, ein Kind zu bekommen? In ihren späten Dreißigern, als die Freundinnen sich fragen, wann sie endlich Mutter werden, fragt Sheila Heti sich, ob sie es überhaupt werden will. In einer mehrere Jahre umspannenden Selbsterkundung, mal hierhin, mal dorthin gezogen von ihren Mitmenschen, ihrem Partner und den Verpflichtungen gegenüber ihren jüdischen Vorfahren, versucht sie eine weise und moralische Entscheidung zu treffen. Nachdem Philosophie, ihr Körper, die Mystik und der Zufall nicht geholfen haben, findet sie die Antwort viel näher bei sich.

Einer der Fragen des Lebens oder doch die Frage des Lebens? Die Mutterschaft. Damit setzte sich die erfolgreiche kanadische Autorin Sheila Heti auseinander. Ihr Buch „Mutterschaft“ ist ein ganz besonderer Beitrag zum Thema, über das immer mehr Frauen offene und ehrliche Bücher schreiben. Echte Geschichten oder Romane. Will ich Kinder oder will ich sie doch lieber nicht? Frauen setzen sich damit nun auch literarisch auseinander. Endlich, will man sagen. In unserer Gesellschaft gilt das ja in großen Teilen immer noch als verpönt. Eine Frau sollte Kinder bekommen, Punkt. Nein, eben nicht, wenn sie ihr Leben anders gestalten will. Aber geht dann nicht etwas ab im Leben? Diese Fragen stellen sich viele kinderlose Frauen trotzdem. Mich hat dieses Buch sehr bewegt, zum nachdenken angeregt und mitgenommen auf eine Reise in der die Beziehung zwischen Frau und Mann, die Liebe, der Wunsch nach dem für sich perfekten Leben prägend sind. Die Autorin stellt sich weitere Sinnfrage des Lebens. Sie lässt ihr Leben, Familie, Beziehung, Freunde, Beruf und noch einiges andere Revue passieren, sie reflektiert sich, sie will sich selbst genau kennen, um dann eine Entscheidung zu treffen.

Rowohlt, 316 Seiten; 22,00 Euro


Prof. Dr. Achim Gruber

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Das Kuscheltierdrama

Das Kuscheltierdrama

In fast jedem zweiten deutschen Haushalt leben Haustiere. Wir lieben unsere Hunde, Katzen, Kaninchen, Vögel, Fische, Pferde und Exoten, wir verwöhnen sie, und sie werden Freunde und Lebensbegleiter. Doch die zunehmende Nähe birgt auch Gefahren für beide, Haustier und Mensch. Der Tier-Pathologe und -Forensiker Prof. Dr. Achim Gruber erzählt erstmals über seine Erfahrungen bei der Obduktion am Seziertisch. Er klärt auf, gibt Tipps zur Vermeidung von Fehlern und kritisiert leidvolle Trends in unserer Haustier-Haltung.

Der Buchtitel und das Cover täuschen etwas. Es geht in diesem Buch nicht nur um Katzen und Hunde bzw. um Kuscheltiere. Und ein Pathologe und Forensiker schreibt über das Wohl unserer Haustiere, da war ich doch schon sehr gespannt. So ganz konnte mich das Buch nicht überzeugen, da die Themen manchmal öfter sehr trocken erzählt werden. Natürlich kann auch ich die Züchter nicht verstehen, die mit ihren Extremzuchten, z. B. bei Hunden, nicht das Tierwohl im Blick haben. Das ist nur ein Themenbereich des Buches, das vier Hauptthemen enthält: „Auf der Fährte des Tierpathologen“, „Angeklagt“, „Angesteckt“ und „Reinrassige Irrwege“. „Das Kuscheltierdrama“ ist ein informatives und aufklärendes Buch, das jeder Haustierhalter gelesen haben sollte!

Droemer, 301 Seiten; 19,99 Euro


Veikko Bartel

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Mörder

Veikko Bartel Mörder

Wer in gut 40 Tötungsfällen vor Gericht verteidigt hat, weiß, was Männer dazu bringt, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. In diesem Buch zeigt Strafverteidiger Veikko Bartel die männliche Seite des Tötens und schildert die sechs spektakulärsten Fälle. Er erzählt von den Hintergründen, den seelischen Untiefen und den biographischen Tragödien, die sich hinter den Taten verbergen.


Der Ex-Strafverteidiger Veikko Bartel lässt nach seinem viel beachteten Erstling „Mörderinnen“ nun sein zweites Buch „Mörder“ folgen. Nachdem er zuerst Frauen morden lies, sind es nun die Männer. Spannend und abgründig! Und wieder sind es Fälle aus seiner beruflichen Vergangenheit, in der er wahrlich spektakuläre Fälle vor Gericht vertreten hat. Folgende Fälle sind enthalten: „Der betrogene Finanzbeamte“, „Der Drücker“, „Thailand, mon amour“, „Das Genie“, „Der Scharfschütze der Fremdenlegion“ und „Der Serienvergewaltiger, der Tod von Frau Meyer und das Gewissen eines Verteidigers“.

Mosaik, 252 Seiten; 18,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Jürgen Todenhöfer

Die große Heuchelei

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Die Außenpolitik des Westens beruht auf einer zentralen Lüge: Seine oft terroristischen Militärinterventionen dienen nie der Freiheit und Demokratie, sondern stets ökonomischen und geostrategischen Interessen. Unter Lebensgefahr recherchierte Jürgen Todenhöfer dies zusammen mit seinem Sohn Frederic in den gefährlichsten Krisengebieten der Welt. Sein Fazit: Der Westen muss die Menschenrechte vorleben, statt sie nur vorzuheucheln. Und seine Medien müssen damit aufhören, diese Heuchelei zu decken. Der Westen wird sonst alle Katastrophen der Vergangenheit erneut erleben. Er muss andere Völker und Kulturen so behandeln, wie er selbst behandelt werden will. Nur dann hat er eine Zukunft.

Jürgen Todenhöfer führt den Westen mit seinem Buch „Die große Heuchelei“ vor. Er zeigt auf, das Politiker, vor allem wenn es nicht um das eigene Land geht, sehr viele Lügen oder nur Halbwahrheiten erzählen. Um das eigene Volk zu beruhigen, aber auch die Bevölkerung des Landes, das angegriffen wird. Was man in diesem Buch erfährt, hat man so, als normaler Nachrichtenseher- oder leser, noch nicht gehört oder gelesen. Insiderwissen, dass erschreckend ist! Welche Gräueltaten nicht nur Terroristen, sondern auch vor allem die USA an der Menschheit begehen, ist beispiellos. Man erfährt viel über die Kriege in Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Jemen, das Jürgen Todenhöfers Traumland ist, über das was die USA, aber auch Europa falsch machen bzw. richtig machen könnten. Das Gelesene wird einem noch lange in Erinnerung bleiben! Ein so beunruhigendes Buch braucht einen passenden Sprecher. Hörbuch Hamburg hat ihn in Frank Arnold gefunden. Er liest ruhig und sachlich und verleiht Jürgen Todenhöfers Berichten den richtigen Ton. Hörprobe 6:33 Min.

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Auch als Hardcover erhältlich bei Propyläen, 19,99 Euro.

Hörbuch Hamburg, 2 MP3 CDs, 625 Minuten; 20,00 Euro


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