Kolumne vom 03.12.2018

Hjorth & Rosenfeldt

daumen rauf

Die Opfer, die man bringt

Die Opfer die man bringt

Kriminalpsychologe Sebastian Bergman hat sich damit abgefunden, dass er Kommissar Höglunds Team bei der Reichsmordkommission verlassen musste. Er widmet sich seinem Buchprojekt und hält Vorträge, einzig zu Tatortanalytikerin Ursula hat er noch Kontakt. Seine Tochter Vanja will ihn weder sehen noch sprechen. Vanja arbeitet inzwischen bei der Polizei in Uppsala, sie ermittelt in einer Vergewaltigungsserie. Als die Reichsmordkommission eingeschaltet und auch Sebastian Bergman hinzugezogen wird, trifft das Team von einst wieder zusammen: Alte Konflikte drohen zu eskalieren. Und der brutale Vergewaltiger schlägt weiter zu. Bei der Suche nach ihm verdichten sich die Hinweise, dass er seine Opfer nicht zufällig auswählt.

Von Seite eins an ist man schon im Netz gefangen, dass das Autorenduo Hjorth & Rosenfeldt für ihre Leser spannt! Vor allem die Figuren und das immer weiter gewobene Geflecht zwischen ihnen machen diese Krimireihe so ausgesprochen gut. Kriminalpsychologe Sebastian Bergmann überstrahlt natürlich alle. Er, der sexsüchtige Egoist, zeigt diesmal, dass er doch mehr Herz hat, als er zugeben will. Aber sich von allem und jedem abzuschotten lässt eben auch keinen neuen Schmerz zu. Dies trifft auch auf andere Figuren im Buch zu. Auch auf seine geliebte Tochter Vanja, die ihn eigentlich nur noch hasst. Aber auch wie das Autorenduo die Szenen aufbaut ist nahezu perfekt. Nicht lesen geht nicht! Sie erzählen auch weniger spannende Szenen so, dass man sie unbedingt lesen will. Der Vergewaltigungsfall hat kleine Schwächen und wird durch die ganzen Figurenkonstellationen eher in die zweite Reihe gedrängt. Zum Ende hin wird es aber rasant und sehr spannend.

Wunderlich, 556 Seiten; 22,95 Euro


Sarah Perry

daumen runter

Nach mir die Flut

Nach mir die Flut

An einem heißen Sommertag beschließt John Cole sein Leben hinter sich zu lassen. Er sperrt seinen Buchladen zu, den nie jemand besuchte, und verlässt London. Nach einer Autopanne sucht er Hilfe, verirrt sich und gelangt zu einem herrschaftlichen, aber heruntergekommenen Anwesen. Dessen Bewohner empfangen ihn mit offenen Armen - aber hinter der seltsamen Wohngemeinschaft steckt ein Geheimnis. Sie alle kennen seinen Namen, haben ein Zimmer für ihn vorbereitet und beteuern, schon die ganze Zeit auf ihn gewartet zu haben.

Sarah Perry konnte mir ihrem zweiten Roman „Die Schlange von Essex“ in ihrer Heimat England einen Überraschungserfolg feiern. Nun erscheint auch ihr Debüt „Nach mir die Flut“ auf Deutsch. Die Geschichte hörte sich für mich sehr vielversprechend an. Ich hatte eine Vorstellung, was mich erwarten würde. Ein schaurig spannender Roman mit vielen Überraschungen! Doch leider bekam ich davon fast gar nicht geboten. Der Roman ist spannungsarm, langatmig und mit seltsamem Personal ausgestattet. Wenig, was einem an diesem Roman hält. Sarah Perrys Setting, und wie sie es beschreibt, das ist gelungen. Wenn in dieser gelungen Atmosphäre nun auch noch eine spannende Geschichte eingebettet gewesen wäre, dann würde man „Nach mir die Flut“ auch behalten und nicht in die Fluten werfen wollen.

Eichborn, 269 Seiten; 24,00 Euro


Sabine Ebert

daumen rauf

Schwert und Krone – Zeit des Verrats

Schwert und Krone Zeit des VerratsAachen, März 1152. Gerade wurde Friedrich, der bisherige Herzog von Schwaben und künftige Barbarossa, zum König gekrönt und will das von Kriegen zerrüttete Land erneuern. Verbündete gewinnt er, indem er ihnen Land und Titel zusagt, gegen Feinde geht er mit eiserner Hand vor. Doch vom ersten Tag an hat er eine starke Fürstenopposition gegen sich, der missfällt, dass auf einmal die welfische Partei vom König bevorzugt wird. Zudem sammelt der neue König neue, junge Verbündete um sich wie den skrupellosen Rainald von Dassel. Die alten Markgrafen Albrecht der Bär und Konrad von Meißen fürchten um ihre Macht. Sie riskieren alles und verlieren viel. Und mittendrin in diesem gnadenlosen Kampf um die Macht stehen junge Frauen wie Hedwig, die künftige Markgräfin von Meißen, und die schöne Beatrix von Burgund, der Barbarossa sofort mit Haut und Haaren verfällt …

Sabine Ebert setzt mit ihrem „Schwert-und-Krone“-Epos erneut Maßstäbe im historischen Roman! Nach ihrer erfolgreichen „Hebammen“-Reihe führt sie die hohe Qualität daraus nahtlos mit ihrem Barbarossa-Epos fort. Nach „Meister der Täuschung“ und „Der junge Falke“ ist „Zeit des Verrats“ der dritte Band daraus. Die Entwicklung der Figuren und der Geschichte ist atemberaubend und sie lässt einen nicht mehr los. Sabine Ebert schaffte es, dass man sich ganz schnell in der von ihr so wunderbar beschriebenen historischen Welt verliert. Wer Sabine Ebert liest, bekommt Geschichte unheimlich fesselnd dargeboten!

Knaur, 653 Seiten; 19,99 Euro


Nicolas Lieven

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Skrupellos

Skrupellos10 Jahre nach der Finanzkrise und 25 Jahre nach dem Erscheinen von „Nieten in Nadelstreifen“ sind Verantwortungsgefühl und Vorbildcharakter noch immer Mangelware. Die Skandale um Volkswagen, Deutsche Bank, Ergo und Co. zeigen, dass sich trotz vollmundiger Versprechen nichts geändert hat. Dieses Buch zeigt: Fehlverhalten ist teils schon Normalzustand. Krisen haben ihren bedrohlichen Charakter verloren. Manager nutzen sie aktiv um interne Restrukturierungen zu rechtfertigen und Forderungen in der Politik und der Öffentlichkeit durchzusetzen.

Nicolas Lievens „Skrupellos“ ist ein rasanter Ritt durch einen Wirtschaftszirkus, der niemanden zum lachen bringen wird. Wut, Enttäuschung, Bitterkeit, das sind einige der Gefühle, die einen während der Lektüre überkommen. Man erfährt u. a.: „Je schlechter die Kreditwürdigkeit, desto günstiger der Preis“, „Air Berlin; Absichern gegen den Absturz“, „Sal. Oppenheim: Ende einer Historie“, „Der Fall Steinhoff: ohne Skrupel“, „Gefakte Prozesse: moralisch zweifelhaft“, „Sind Frauen die besseren Männer?“, „Legal, illegal, scheißegal“, „Was wäre, wenn … alle ihre Steuern zahlen“, „Grauer Kapitalmarkt: blauäugige Sparer blauäugige Politik“.

Econ, 336 Seiten; 18,00 Euro


Robert Gerwarth

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Die größte aller Revolutionen

Die größte aller Revolutionen

Die deutsche Revolution von 1918 – sie gilt noch heute als gescheitert. Eine verpasste Chance, die den Weg zum Aufstieg der Nazis und zur Katastrophe ermöglichte. Ein Fehlurteil, wie der Autor zeigt. Nicht nur zerschlug die Revolution die autoritäre Monarchie der Hohenzollern, sie schuf auf erstaunlich unblutige Weise den ersten deutschen demokratischen Nationalstaat. Das Buch schildert die dramatischen Ereignisse zwischen den letzten Kriegsmonaten 1918 und dem Hitlerputsch 1923 und beschreibt dabei, wie grundlegend und nachhaltig die Novemberrevolution Deutschland veränderte. Denn wer das Geschehen nur vom Ende her betrachtet, ignoriert, wie sehr die Zukunft damals offen war.

Der Zeithistoriker Robert Gerwarth, derzeit Professor für Moderne Geschichte am University College in Dublin, hat schon mehrere hoch geachtete Werke verfasst, darunter auch eine Biographie über Reinhard Heydrich. „Die größte aller Revolutionen“ ist ein spektakuläres Buch zum Thema! Auch wer schon viel über die Revolution von damals gelesen hat, wird mit diesem Buch neue interessante Aspekte hinzugewinnen. Folgende Hauptkapitel sind u. a. enthalten: „1917 und die Revolution der Erwartungen“, „Der Matrosenaufstand“, „Showdown in Berlin“, „Imperiale Nachbeben“, Herausforderungen für die Demokratie“, Kampf der Radikalisierung“, „Torpedierung von außen; Versailles“.

Siedler, 384 Seiten; 28,00 Euro


Hörbuch der Woche

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Min Jin Lee

Ein einfaches Leben

einfaches Leben

Anfang des 20. Jahrhunderts erliegt die jugendliche Sunja, geliebte Tochter eines koreanischen Fischers, dem Charme eines reichen Fremden. Er verspricht ihr die Welt, aber sie lässt sich nicht kaufen; als sie schwanger wird, erfährt sie, dass er verheiratet ist. Wenn das Herz bricht, muss der Kopf die Entscheidungen treffen, und so weist sie den Vater ihres Sohnes zurück und nimmt das Heiratsangebot eines sanften, kränklichen Pfarrers an, der auf dem Weg nach Japan ist. Sunja weiß nicht, dass sie mit dieser Entscheidung eine dramatische Geschichte lostritt, die Folgen hat für alle weiteren Generationen ...

Was für ein großer Roman! Eine Geschichte die einen mitreißt, begeistert, traurig, aber auch freudig stimmt. So voller Dramatik, Spannung und unvergesslichen Momenten. „Ein einfaches Leben“ ist ganz und gar kein einfacher Roman, sondern einfach großartige Literatur! In den USA war „Ein einfaches Leben“ von der in New York lebenden Min Jin Lee ein großer Bestseller. Hervorragend gelesen von Gabriele Blum. Sie spürt mit ihrer Stimme den Emotionen, Gefühlen und Motivationen der Figuren auf den Grund. Hörprobe

Ein einfaches Leben



Auch als Hardcover erhältlich bei dtv, 24,00 Euro

Der Hörverlag, 2 MP3 CDs, 1.054 Minuten; 24,00 Euro


Denglers-buchkritik.de