Juli 2018

Kolumne vom 30.07.2018 - Nr.519


Chris Wickham

daumen rauf

Das Mittelalter – Europa von 500 bis 1500

Das Mittelalter Europa von 500 bis 1500

Zwischen dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs und der Reformation liegt eine 1000-jährige Periode gewaltiger Umwälzungen. Das Buch zeigt das europäische Mittelalter als eine Epoche gewaltigen Tatendrangs und tiefgreifenden Wandels. Von den wichtigsten Veränderungen in den einzelnen Jahrhunderten wird erzählt, zu denen so zentrale Krisen und Ereignisse wie der Untergang des weströmischen Reichs, die Reformen Karls des Großen, die feudale Revolution, die Zerstörung des byzantinischen Reichs, und das entsetzliche Wüten der Pest gehören.

Der Engländer Chris Wickham lässt das Mittelalter in seinem Buch lebendig werden! Man versteht Zusammenhänge, Entwicklungen, Veränderungen, alles was man zuvor noch nicht wusste bzw. unzureichend darüber informiert war, über das was in Europa zwischen 500 und 1500 geschah, wird anschaulich präsentiert und verständlich dargestellt. Das Buch ist ein Fest für Geschichtsinteressierte und für Fans historischer Roman, vorzüglich welche, die im Mittelalter spielen. Man kann durch Chris Wickhams Darstellung des Mittelalters, auch als Kenner, Neues daraus ziehen, oder als Unwissender, einfach viel erfahren, was man zuvor nicht wusste. Das Buch ist wie folg aufgebaut: „Rom und seine Nachfolger 500 – 750“, Krise und Wandel im Osten 500 – 850/1000“, „Das karolingische Experiment 750 – 1000“, „Die Expansion des christlichen Europa 500 – 1100“, „Die Umformung Europas 1000 – 1150“, „Der lange Wirtschaftsaufschwung 950 – 1300“, „Die Zwiespältigkeiten politischen Neuaufbaus 1150 – 1300“, „Geld, Krieg und Tod 1350 – 1500“ und „Politik wird neu gedacht 1350 – 1500“.

Klett-Cotta, 506 Seiten; 35,00 Euro


George Harrar

daumen runter

Im Dunkel deiner Seele

Im Dunkel deiner Seele

Als Professor Evan Birch eines Tages von der Polizei angehalten wird, gerät sein geordnetes Leben plötzlich aus den Fugen. Die Polizisten stellen ihm rätselhafte Fragen zu einem sechzehnjährigen Mädchen, das vor einiger Zeit spurlos verschwand. Fassungslos angesichts ihres ungeheuerlichen Verdachts, vertraut sich Birch seiner Frau an, die hinter alldem ein Missverständnis vermutet. Doch dann wird der Lippenstift des Mädchens in Birchs Wagen gefunden - und es gibt niemanden mehr, der seiner Geschichte jetzt noch Glauben schenkt.

Hier kommt ein großartiger Thriller auf mich zu, so dachte ich. Nach der Storybeschreibung erwartete ich eine Art „The Couple Next Door“ mit einer Mischung „Gone Girl“. Auf den zweiten Blick merkte ich, dass das schwierig wird, da der Roman schon 2003 geschrieben wurde, aber jetzt erst auf Deutsch erscheint. Und ich schreibe nun Roman, ja, weil der Thriller in dem Buch wirklich nur ein Randthema ist. Was die Autorinnen bei den beiden vorgenannten Thrillern alles richtig machten, macht George Harrar fast alles falsch. Er kommt auch zu oft vom Spannungsweg ab, was einen verzweifeln lässt. Die Figuren hat George Harrar durchaus gekonnt gezeichnet, man kann sich an ihnen reiben. „Im Dunkel deiner Seele“ wird derzeit fürs Kino verfilmt, mit Greg Kinnear, Nikolaj Coster-Waldau und Emma Roberts in den Hauptrollen. Sicherlich wird der Drehbuchautor die Fehler des Romanautors ausmerzen, dann kann es ein richtig spannender Film werden.

Bastei Lübbe, 398 Seiten; 10,00 Euro


C. J. Cooke

daumen rauf

Broken Memory

Broken MemoryEine Frau erwacht am einsamen Strand einer Insel im Mittelmeer, verletzt und ohne jede Erinnerung. Zum Glück wird sie von vier Freunden, von Beruf Schriftsteller und Autoren, gefunden, die diese Insel als Rückzugsort gewählt haben, um sich dort voll dem Schreibprozess widmen zu können. Sie wollen sich um die gestrandete Frau kümmern, bis ihre Erinnerung zurückgekehrt ist und es ihr gut genug geht, um die Insel zu verlassen. Doch irgendetwas stimmt nicht mit den zwei Männern und zwei Frauen, das kann ihr unfreiwilliger Gast, auch mit Gedächtnisverlust, fühlen: Jeder von ihnen scheint etwas zu verbergen - und: Was wissen sie wirklich über ihren Gast? Zeitgleich sucht man in London verzweifelt nach einer jungen Mutter und Ehefrau, die am helllichten Tag spurlos verschwunden ist. Der Ehemann und die Kinder sind verzweifelt. Stück für Stück lassen die Ermittlungen die perfekte Fassade von Ehe- und Familienglück bröckeln.

Die Irin C. J. Cooke packt einen gleich von der ersten Seite an. Die Story klingt nicht nur absolut packend, sie ist es auch. Die Geschichte springt immer zwischen der ratlosen Eloise und ihrem verzweifelten Ehemann Lochlan hin und her. Alleine dieses Stilmittel sorgt schon für mächtig viel Spannung. Doch auch wie C. J. Cooke die Geschichte aufgebaut hat, lässt das Herz des Lesers rasen. Auch wenn man eine gewisse Ahnung hat, wo das alles hinführt, weiß die Geschichte immer wieder zu überraschen. Und das Ende hat es dann in sich. „Broken Memory“ – ein Thriller wie aus Lehrbuch für perfekte Thriller!

Droemer, 366 Seiten; 14,99 Euro


Anja Baumheier

daumen rauf

Kranichland

KranichlandDie Groen-Schwestern wachsen im Ost-Berlin der sechziger Jahre heran. Unterschiedlicher könnten die beiden Mädchen nicht sein: Charlotte, die ältere, brennt ebenso für den Sozialismus wie ihr Vater Johannes, der am Ministerium für Staatssicherheit Karriere macht. Die künstlerisch begabte Marlene hingegen eckt überall an und verliebt sich Hals über Kopf in Wieland, einen Pfarrerssohn, der die DDR kritisch hinterfragt. Mit jedem Tag wächst die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit. Als das junge Paar beschließt, in den Westen zu fliehen, trifft Marlenes Vater eine Entscheidung - mit fatalen Folgen, die noch Jahrzehnte später spürbar sind …

Die junge und adrette Anja Baumheier hat mit ihrem Debütroman gleich einen ganz großen Roman verfasst! Wer deutsche Geschichte, verpackt in einem spannenden und dramatischen Roman erleben will, der sollte „Kranichland“ unbedingt lesen. Die lebensnahen Charaktere machen das Leben zu der Zeit unheimlich lebendig. Die Geschichte der Familie Groen hallt noch lange nach, auch nachdem man die letzte Seite gelesen und das Buch zugeschlagen hat.

Wunderlich, 421 Seiten; 19,95 Euro


David Foenkinos

daumen rauf

Lennon

Lennon

Es war ein folgenreicher Tag im Jahr 1975, als John Lennon entschied, keine Bühne mehr zu betreten. Auf der Couch eines Psychoanalytikers sitzend, lässt er seine wilde Zeit Revue passieren: den meteoritengleichen Aufstieg der Beatles, und wie er daran fast zugrunde gegangen wäre. Er erzählt von seiner einsamen Kindheit, die eine unheilbare Wunde gerissen hat, von seiner vollkommen irren Liebe zu Yoko Ono, den Jahren des Suchens, der Drogen, des Größenwahns – und seinem Kampf für den Frieden.



Der französische Bestsellerautor David Foenkinos, der zuletzt mit „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ und „Charlotte“ die Leser begeistern konnte, tut das auch mit seinem neuen Roman „Lennon“. Wieder ein ganz besonderes Stück Literatur, eine Romanbiografie über den großen Musiker, der kein allzu langes Leben führen durfte. Man erfährt viel über das Innenleben des Künstlers und lernt ihn dadurch erst richtig kennen. „Lennon“ – ein literarischer Hit!

DVA, 220 Seiten; 20,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Jason Dark

Geisterjäger John Sinclair – Tonstudio Braun – Folge 73 bis 75

Bruderschaft 73

 

In „Bruderschaft des Satans“ (73) Hörprobe bekommt es der Geisterjäger mit dämonischen Mönchen zu tun. Wer den Gesang der Teufelsmönche vernahm, war dem Tode geweiht. Unbarmherzig holten sie ihre Opfer - töteten sie bestialisch, um ihr eigenes satanisches Leben zu erhalten. So stand es in den alten Legenden - und niemand zweifelte an ihrer Wahrheit.

 

 

Sinclair 74

In „Satans Diensten“ (74) Hörprobe bekommt es John Sinclair mit einer hübschen, aber tödlichen Operndiva zu tun. Und mit sich selbst. Der Plan war so hinterhältig, er konnte nur einem teuflischen Gehirn entsprungen sein. Und dafür kam nur einer in Frage: „Dr. Tod“. Mit einem ungeheuerlichen, magischen Experiment machte er mich, seinen größten Feind, zu seinem willenlosen Komplizen - und gab ihm den Auftrag, seine eigenen Freunde zu ermorden - erst Suko, dann Bill und dann Sheila.

 

 

 

Hoellenfaht 75

In „Doktor Tods Höllenfahrt“ (75) Hörprobe setzt der teuflische Doktor seine Verbrechen fort. Bei seinem letzten Kampf hatte John Sinclair Dr. Tod besiegt. Aber mit seinen ungeheuren, dämonischen Kräften erweckte er sich zu einem neuen Leben. Plötzlich stand er dem Totgeglaubten gegenüber und erkannte ihn nicht. Doktor Tod hatte eine neue menschliche Gestalt angenommen.

 

 

 

Die John-Sinclair-Fans der ersten Stunde jubeln! Lübbe Audio setzt die Kassetten Serie aus dem Tonstudio Braun weiter digital überarbeitet auf CD fort. Wie schon bei den Folgen zuvor muss man manchmal schmunzeln, wo man wohl eigentlich gar nicht schmunzeln sollte, denn die Macher hatten das wohl so nicht im Sinn. Aber die Serie ist in manchen Szenen so wunderbar altbacken, das es nur so eine Freude ist. Die Folge 73 bis 75 haben eine hohe Spannungs- und Erzähldichte. Einen der drei Fälle herauszuheben fällt schwer.

 

Klaenge des Schreckens

 

 

Bei der Jubiläumsfolge 75 hat man noch eine Bonus-CD Hörprobe dazugepackt. Darauf befinden sich zahlreiche Extras, wie unveröffentlichte Szenen, wie die Arbeiten im Tonstudio abliefen und die passende Gruselmusik dazu.

Lübbe Audio, 4 CDs, je ca. 60 Minuten; je 7,90 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 23.07.2018 - Nr.518


Michael Ohl

daumen rauf

Stachel und Staat

Stachel und Staat

Bienen, Wespen und Ameisen: Wir preisen ihren Nutzen als Insektenvertilger, Obstbaumbestäuber und Waldpolizei. Und doch haben wir vor ihnen und ihrem schmerzhaften Stich Angst. Der Stachel ist die wichtigste Erfindung dieser Insektengruppe und Grundlage für die enorme Vielfalt an Arten und Lebensstrategien. Dieses, mit Makroaufnahmen bebilderte, Buch lässt sich auf die widersprüchlichen Seiten von Wespen, Bienen und Ameisen ein. Es erzählt, wie und warum der Stachel eingesetzt wird, welche Rolle der Schmerz für die Evolution dieser Insekten spielt, und was wir Menschen aus dem Verhalten der sozial lebenden Hautflügler lernen können.

Ein schönes Buch – im wahrsten Sinne des Wortes! Schön, weil Droemer es edel aufgemacht hat. Schön, aber vor allem wegen des Inhalts und der Leidenschaft des Biologe Michael Ohl. Ich habe schon einige Bücher über Insekten und Bienen gelesen, aber bisher habe ich noch keinen so leidenschaftlichen Vortrag über, vor allem, Wespen, und auch Bienen und Ameisen gelesen. Er geht in dem, was er macht, voll auf. Als Leser lernt man dabei ungemein viel über die kleinen Tierchen mit den Stacheln, die jeder von uns schon mal gespürt hat. Nach der Lektüre von „Stachel und Staat“ werden Sie die Wespen, Bienen und Ameisen mit anderen Augen sehen. Mit einem anderen Blick in ihrem Garten, dem Stadtpark oder im Wald auf die kleinen Tierchen blicken. Ein Buch mit einem extra Kick Lerneffekt!

Droemer, 336 Seiten; 39,99 Euro


Melissa Broder

daumen runter

Fische

Fische

Die achtunddreißigjährige Lucy ist nach der Trennung von ihrem Freund in einer tiefen Krise. Dann verlässt sie Phoenix und hütet in Venice Beach Haus und Hund ihrer Schwester. Doch sie bleibt wahnhaft, bis sie sich eines Abends am Strand in den wunderschönen Schwimmer Theo verliebt. Die Rettung aus ihrer Krise. Oder doch nicht? Denn als Lucy die Wahrheit über Theos Identität erfährt, muss sie sich einige Fragen noch einmal stellen: Was bedeutet es zu lieben? Wie weit können wir gehen, um ewige Liebe zu erfahren und wann geben wir uns selbst auf?

„Fische“ ist kein normaler Liebesroman! Ganz und gar nicht. Denn Lucys Theo ist ein Meermann, dessen Fischschwanz unterhalb der Lenden beginnt. Das klingt skurril. Ist es auch, aber die Autorin schafft es trotzdem, den Roman keine absurde Komik zu verleihen, sondern sie bleibt ernst mit einer kleinen Portion Humor. Aber eigentlich ist der Roman eher zum weinen, das liegt aber nicht an der ausgefallen Storyidee, sondern an der nervigen Hauptfigur Lucy. Sympathien für dieses jammernde Nervenbündel zu entwickeln ist nicht einfach. Hat die Autorin sich da selbst zum Vorbild genommen? Melissa Border ist in Amerika u. a. ein Twitter-Star, „Fische“ ihr literarisches Debüt, das auch noch mit einigen erotischen Szenen aufwarten kann. Bei diesem Roman geht es auf und ab, wie mit den Wellen im Meer.

Ullstein, 352 Seiten; 21,00 Euro


Florian Wacker

daumen rauf

Stromland

StromlandIquitos am Amazonas, 1984: Irina ist gemeinsam mit ihrem Freund Hilmar auf der Suche nach ihrem Zwillingsbruder. Thomas war Teil der Filmcrew um Werner Herzog und Klaus Kinski, ist jedoch nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ spurlos verschwunden. Entlang der großen Flüsse reisen die beiden in den Regenwald des Amazonasbeckens und tief hinein in die Abgründe menschlicher Hoffnungen und Sehnsüchte.

Angezogen hat mich der Roman wegen des Films „Fitzcarraldo“. Den sah ich 1982 mit meinem Vater im Kino, obwohl ich ihn wegen meines Alters von 7 Jahren eigentlich noch gar nicht hätte sehen dürfen. Und die Szene, als das Schiff den Berg hinaufgezogen wird, absolut legendär. Die hat sich mir schon damals ins Gedächtnis gebrannt. Ich wollte mich mit „Stromland“ wieder in die Zeit von damals, in die Zeit es Films, in das wilde Gebiet des Amazonas versetzen lassen. Das ist gelungen. „Stromland“ überzeugt mit seiner vielschichtigen Geschichte und der imposanten Kulisse, vor der Florian Wacker seinen Roman ausbreitet. Man wandelt während der Lektüre mit durch den dichten Urwald und begibt sich auf die Spuren der verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten, die darin etwas suchen und finden oder auch scheitern. „Stromland“ – Spitze!

Berlin Verlag, 346 Seiten; 20,00 Euro


Ingo Zamperoni

daumen rauf

Anderland

Anderland2017 war eine Zäsur in der Geschichte der USA. Wie schnell ändern sich durch eine Regierung, die die Regeln des politischen Miteinanders bricht, das ganze Land und seine Leute? Ingo Zamperoni war stets ein Fan der USA und kennt das Land in all seinen Facetten. Aber als kritischer Beobachter fragt er sich: Wie stabil kann dieses urdemokratische Gemeinwesen bleiben, wenn sein oberster Repräsentant an der Grenze des Asozialen agiert? Wie schnell verschwinden Toleranz, Rücksichtnahme und Freundlichkeit aus einer Gesellschaft, wenn dem Staatslenker diese Werte nichts zu bedeuten scheinen? Wie groß ist die Hoffnung noch, Amerika werde „great again“?

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni landete mit seinem ersten Amerika-Buch „Fremdes Land Amerika“ einen Bestseller. Nun widmete er sich auf 188 Seiten erneut dem Amerika von heute. In „Anderland“ zeigt Ingo Zamperoni anschaulich die gespaltenen Staaten von Amerika. Immer schon irgendwie, aber seit Trump Präsident ist um ein Vielfaches mehr. Was vorher eher langsam zu Tage trat, scheint, seit Trump Präsident ist, im Eiltempo zu passieren – die Spaltung und der Verfall der amerikanischen Gesellschaft.

Ullstein, 206 Seiten; 18,00 Euro


Nina George

daumen rauf

Die Schönheit der Nacht

Die Schönheit der Nacht

Die angesehene Pariser Verhaltensbiologin Claire sehnt sich immer rastloser danach, zu spüren, dass sie lebt und nicht nur funktioniert. Die junge Julie wartet auf etwas, das sie innerlich in Brand steckt – auf des Lebens Rausch, auf Farben, Mut und Leidenschaft. In der glühenden Sommerhitze der Bretagne, am Ende der Welt, entdecken die beiden unterschiedlichen Frauen Lebenslust und Leidenschaft neu – und werden danach nie wieder dieselben sein.

 


Bestseller-Autorin Nina George zeigt mit „Die Schönheit der Nacht“ die unheimliche Schönheit der Literatur und die Besonderheiten der Liebe! Ein Buch wie ein warmer Sommerregen, aber mit Gewittern und später folgenden umschmeichelnden, strahlendem Sonnenschein. Die beiden Frauenfiguren sind Nina George gut gelungen. Vieler Leserinnen werden sich in einer der Frauen wiederfinden.

Knaur, 315 Seiten; 20,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Otto Waalkes

Kleinhirn an alle

Kleinhirn an alle

Otto erzählt aus den ersten 70 Jahren seines Lebens – einem märchenhaften Aufstieg vom Deichkind zum Alleinunterhalter der Nation. Seine Sketche und Figuren haben unser kollektives Gedächtnis und unseren Witzwortschatz bereichert: Harry Hirsch (übergibt sich ins Funkhaus), Robin Hood (der Stecher der Entnervten), Susi Sorglos (föhnt ihr goldenes Haar), Louis Flambée (kocht Pommes de Bordell) Peter, Paul and Mary (are planning a bank robbery) und der „Schniedelwutz“ (hat's bis in den Duden gebracht). Aber: Wer waren eigentlich Ottos Vorbilder? Wo kommt er her? Was treibt ihn an? Wie entsteht seine eigene Art von Komik? Und wozu überhaupt? Gibt es ein Geheimnis? In diesem Hörbuch und seinem Buch gibt es Antworten darauf.

Otto Waalkes ist deutsches Kulturgut! Wer in den 1960ern oder 1970ern geboren ist, ist praktisch mit Otto und seinem Humor aufgewachsen. Otto hat mit seinem intelligenten, aber so einfach daherkommenden Humor ganze Generationen geprägt. Und auch maßgebliche die neue Riege der Comedians beeinflusst. In seiner Biografie erfährt man viel über seine eher normale, aber durch Ottos Vortrag total witzige Kindheit; seiner Rock-’n’-Roll-Teeniezeit; seine Verehrung Heinz Erhardts; wie er zu seiner künstlerischen Anfangszeit mit Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen in einem Haus wohnte; wie er auf seinen Florida-Urlauben mit Bomber Gerd Müller Tennis spielte; wie überraschend für ihn seine ersten Erfolge waren; wie sein erstes Buch und später sein erster Film entstand; wie sehr er es liebt, sein Publikum zum lachen zu bringen; wie schwierig es für ihn war, ein normales Familienleben zu leben; wie seine weiteren Filme entstanden, und noch so viel mehr. Das Hörbuch ist um einiges besser als das Buch. Warum? Otto liest natürlich selbst, und daher bekommt das Geschrieben durch seinen Vortrag eine ganz eigene Dynamik. Nicht selten muss man schmunzeln, auch wenn es ein paar melancholische Momente gibt. Hörprobe

Kleinhirn an alle cover



Auch als Hardcover erhältlich bei Heyne, 22,00 Euro.

Random House Audio, 5 CDs, 372 Minuten; 22,00 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 16.07.2018 - Nr.517


Michel Onfray

daumen rauf

Niedergang

Niedergang

In seinem Werk erzählt der französische Philosoph Michel Onfray die 2000 Jahre alte Geschichte der jüdisch-christlichen Kultur, und er prophezeit ihren unaufhaltsamen Untergang. Onfray schildert ihren Aufstieg und ihre Blüte, dann die allmähliche Infragestellung des christlichen Weltbildes seit Renaissance und Aufklärung und schließlich den Verfall in unseren Tagen, der einhergehe mit Nihilismus und Fanatismus, wie wir sie in unseren Gesellschaften erlebten. Den Angriffen mörderischer Ideologien wie der des radikalen Islamismus setze die liberale westliche Welt nichts entgegen. Und obgleich bekennender Atheist, erkennt Onfray die große Leistung der bedrohten jüdisch-christlichen Kultur: den Respekt für das menschliche Individuum.

Ein Buch, das vor klugen Sätzen nur so strotzt! Genauso regt es aber auch zum diskutieren an, da Onfrays Thesen streitbar sind. Auch wenn man mit manchem (einige werden auch sagen, mit vielem) nicht übereinstimmt, so ist da Buch doch eine durch und durch lebendige Erzählung. Einschlafen wird man bei diesen vielen Ansätzen, die der Franzose Onfray einem mitgibt, garantiert nicht. Vielleicht ist man manchmal gar versucht, das Buch in die Ecke zu werfen, aber man möchte dann doch wissen, was Onfray einem noch alles zu sagen hat. Die Lektüre von „Niedergang“ war für mich wie ein schöner Sonnenaufgang, aber gepaart mit einem heftigen Gewitter, vielen Blitzen und mächtigen Donnergrollen! Ein paar kluge Auszüge aus dem Buch zum Abschluss: „Das Wort ist das Fleisch der Geschichte“; „Kulturen werden geboren, sind da, werden größer, wachsen heran, entwickeln sich weiter, strahlen aus, werden müde, erschlaffen, altern, siechen, sterben und verschwinden“; „Seiner Zeit weit voraus, entstand das Trio Jesus, Maria und Josef durch Möglichkeiten, wie sie die Moderne liebt: durch eine Zeugung ohne Geschlechtsverkehr, einen Vater, den es nicht gab, und eine jungfräuliche Mutter, die nach der Geburt Jungfrau blieb … obwohl diese dem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft, gründet sich darauf der abendländische jüdisch-christliche Verstand“.

Knaus, 704 Seiten; 28,00 Euro


David Mealing

daumen runter

Die Seele der Welt

Die Seele der Welt

Es ist das Zeitalter der Revolution. Im Reich Sarresant begehren die hungernden Bürger gegen die Krone auf. In der Wildnis, wo bislang mächtige Stämme regierten, entsteht eine neue Art von Magie. Die Kommandantin Erris führt ihre Truppen gegen das gegnerische Reich Gand ins Feld und muss in einer erbitterten Schlacht erfahren, dass die Kraft dieser unbekannten Magie alles verändern wird. Gemeinsam mit der jungen Künstlerin Sarine und dem Stammeswächter Arak'Jur findet sie heraus, dass die Welt zum Spielball unvorstellbar mächtiger Feinde geworden ist – der Götter selbst. Und das Schicksal wird sich erfüllen: Drei werden kämpfen. Drei werden sterben. Drei werden zurückkehren.

Ich habe mich sehr auf dieses wuchtige Fantasy-Epos gefreut! Die Story hörte sich sehr vielversprechend an. Doch die Enttäuschung kehrt schon sehr schnell ein. Ich kam von Anfang an nicht in die Welt hinein, die David Mealing entworfen hat. Sie wirkte auf mich wenig anziehend und einfallsreich. Auch fiel es mir schwer, mich an die Charaktere heranzuheften. Mealings verquerter Erzählstil machte es auch nicht einfacher. So kehrte relativ schnell die große Leseödnis ein, so dass das Weiterlesen teilweise zur Folter wurde. „Die Seelen der Welt“ hat auch Licht zu bieten, nicht nur Schatten, aber das Licht ist nicht besonders hell. Die kurzen Storyhöhepunkte zwischendrin können das spannungsarme, aber wuchtige Werk auch nicht mehr retten.

Piper, 811 Seiten; 25,00 Euro


David Mitchell

daumen rauf

Slade House

Slade HouseGeh die Slade Alley hinunter, finde das kleine schwarze Eisentor in der Mauer zur Rechten. Keine Klinke, kein Schlüsselloch, aber wenn du es berührst, schwingt es auf. Tritt in den sonnendurchfluteten Garten eines alten Hauses, das dort unpassend wirkt: zu nobel für die schäbige Nachbarschaft, irgendwie zu groß für das Grundstück. Ein Fremder begrüßt dich und führt dich hinein. Zunächst möchtest du gar nicht mehr fort. Dann merkst du, dass du es nicht mehr kannst. Denn alle neun Jahre, am letzten Sonntag im Oktober, wird ein „Gast“ ins Slade House eingeladen. Doch warum wurde er oder sie ausgewählt, von wem und zu welchem Zweck? Die Antwort findet sich dort am hinteren Ende des Flurs, oben am Absatz der Treppe.

Weltbestsellerautor David Mitchell ist für seine außergewöhnlichen Geschichten bekannt. „Der Wolkenatlas“, auch genial fürs Kino verfilmt, ist nur eine davon. Mit „Slade House“ legt er für seine Verhältnisse nun einen sehr kurzen Roman vor, aber dafür einen, der gruselmäßig gut unterhält. „Slade House“ ist kein Horror a la Stephen King, aber auch David Mitchell überzeugt mit seiner düsteren Atmosphäre und den gut gezeichneten Figuren. „Slade House“ ist Old-School-Grusel, und das macht den Roman so richtig gut! Als Leser wird man ebenfalls „Gast“ im „Slade House“. Zum Glück nur literarisch und nicht in der realen Welt. Liebe Leserinnen und Leser, betreten Sie also niemals das „Slade House“, sollten sie einmal davorstehen!

Rowohlt, 237 Seiten; 20,00 Euro


Niall Ferguson

daumen rauf

Türme und Plätze

Türme und PlätzeWir haben uns längst daran gewöhnt, in einer vernetzten Welt zu leben. Was wir oft übersehen: Soziale Netzwerke sind kein Phänomen der Gegenwart. Vielmehr haben Netzwerke aller Arten - die Aktivitäten auf den „Plätzen“ - schon über Jahrhunderte hinweg die „Türme“ der Herrschaftssysteme und Machtapparate beeinflusst oder gar zum Einsturz gebracht. Spanische Forscher und Eroberer stießen ganze Imperien in den Abgrund. Deutsche Buchdrucker untergruben das päpstliche Religionsmonopol. Spione, Banker, Wissenschaftler oder gar Freimaurer forderten die politischen Machthaber heraus.

„Plätze und Türme“ ist ein durch und durch überraschendes und aufschlussreiches Werk über die Netzwerke, die die Menschheit schon seit Jahrhunderten begleiten! Niall Ferguson weiß spannend und detailliert zu erzählen. Die großen Kernthemen des Buches sind: „Netzwerke und Hierarchien“, „Herrscher und Entdecker“, „Briefe und Logen“, „Die Restauratoren der Hierarchie“, „Ritter der Tafelrunde“, „Seuchen und Rattenfänger“, „Besitze den Dschungel“, „Die Bibliothek von Babel“ und „Im Angesicht von Cyberia“.

Propyläen, 624 Seiten; 32,00 Euro


Judith & Christian Vogt

daumen rauf

Die 13 Gezeichneten

Die 13 Gezeichneten

Sygna, die Stadt des Handwerks. Die Stadt der magischen Zeichen. Seit die Armee von Kaiser Yulian die Stadt erobert hat, ist den Einheimischen die Ausübung ihrer jahrhundertealten Magie jedoch verboten. Eine Widerstandsgruppe will dies nicht hinnehmen. Auch Dawyd, Mitglied der Fechtgilde, wird für die Ziele der Rebellen eingespannt. Denn die kaiserliche Geheimpolizei strebt danach, die mächtigen Wort-Zeichen unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit ihnen wären die Besatzer in der Lage, Gefühle und Gedanken zu manipulieren, und das muss um jeden Preis verhindert werden.


Ein Fantasy-Meisterstück von einem ideenreichen Autorenehepaar, von dem man hoffentlich noch viele solcher Werke geboten bekommt! Eine starke ausgearbeitete Welt und Charaktere, an die man sich als Leser dranhängt. „Die 13 Gezeichneten“ sollte man als Fantasy-Liebhaber gelesen haben. Ein großes Plus: Die Reise geht im März 2019 weiter.

Bastei Lübbe, 590 Seiten; 14,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

C. J. Tudor

Der Kreidemann

Der Kreidemann mp3

Alles begann an dem Tag, an dem sie auf den Jahrmarkt gingen. Als der zwölfjährige Eddie den Kreidemann zum ersten Mal traf. Der Kreidemann war es auch, der Eddie auf die Idee mit den Zeichnungen brachte: eine Möglichkeit für ihn und seine Freunde, sich geheime Botschaften zukommen zu lassen. Und erst einmal hat es Spaß gemacht – bis die Figuren sie zur Leiche eines jungen Mädchens führten. Das ist dreißig Jahre her, und Eddie dachte, die Vergangenheit liegt hinter ihm. Dann bekommt er einen Brief, der nur zwei Dinge enthält: ein Stück Kreide und die Zeichnung eines Strichmännchens.

Ein Thriller der ruhigen Art, der Anleihen hat von Donna Tartts Weltbestseller „Die geheime Geschichte“ und Stephen Kings Weltbestseller „Stand by me“. Aber die Ruhe ist keinesfalls langweilig, ganz im Gegenteil. Den Aufbau der Geschichte hat die Engländerin C. J. Tudor in ihrem Erstling geschickt gewählt. Sie springt immer zwischen 1986 und 2016 hin und her, und schraubt so die Spannung unerhört in die Höhe. Ein Miträtsel-Thriller allererster Güte! Auch die Charaktere sind C. J: Tudor ausgesprochen gut gelungen. Sie haben großen Anteil daran, dass man dem „Kreidemann“ bis zum Schluss ohne Pause folgen muss. Devid Striesow liest prächtig! Er überzeugt in der Darstellung der jungen Charaktere, genauso wie bei den dann Erwachsen gewordenen. Hörprobe

Der Kreidemann



Auch als Hardcover erhältlich bei Goldmann, 20,00 Euro.

Der Hörverlag, 6 CDs, 451 Minuten; 20,00 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 09.07.2018 - Nr.516


Michael Appel

daumen rauf

Die letzte Nacht der Monarchie

Die letzte Nacht der Monarchie

Am 7. November 1918 wurden in Bayern die Wittelsbacher gestürzt. In kurzer Zeit folgten alle anderen deutschen Fürstenhäuser. Noch bevor am 9. November die Republik ausgerufen wurde, gründete Kurt Eisner die bayerische Republik als Freistaat. Mit diesem Elementarereignis beginnt der Aufstieg des Nationalsozialismus. Das Buch schildert den Ausgangspunkt eines zeitgeschichtlichen Dramas anhand plastischer Erinnerungen und Tagebücher der Zeitgenossen. Es vermittelt die Vorgeschichte der Revolution, die letzte Nacht der Monarchie und die entscheidenden Tage danach sowie die Zeit des Freistaates Bayern bis zur Ermordung Kurt Eisners, die Räterepublik und die ersten Schritte Hitlers auf dem Weg zur Gegenrevolution.

„Die letzte Nacht der Monarchie“ ist eine besondere Betrachtung der damaligen, historisch unglaublichen Zeit. Michael Appel erzählt nicht von oben oder aus der Sicht des großen Ganzen, oder auf politischer Ebene, sondern er lässt diese Zeit, die so viel veränderte, den Leser vorwiegend anhand von den „kleinen“ Leuten erleben. So ist man mittendrin und erfährt wie die „normalen“ Bürger über die den 1. Weltkrieg dachten, dass, was er mit ihrem Land und ihren, vor allem, Männern gemacht hat, wie das Leben immer schwer wurde, kaum Essen, wie die Monarchie von heute auf morgen von den Bürgern des Landes einfach hinweggespült wurde. „Die letzten Tage der Monarchie“ ist eine hochinteressante Lektüre und Betrachtung des großen historischen Ereignisses!

dtv, 384 Seiten; 28,00 Euro


Leonard Christina Skov

daumen runter

Das Inselhaus

Das Inselhaus

Sieben Menschen, die einander noch nie getroffen haben, werden aus den unterschiedlichsten Gründen zu einem Arbeitsaufenthalt auf eine Insel eingeladen. Wie sich herausstellt: auf eine einsame Insel. In ein Haus aus Glas. Doch warum gerade sie? Und wer ist überhaupt derjenige, der ihnen anonym die Einladung hat zukommen lassen? Wer lässt extra ein Haus für sie bauen? Und warum? Während ihres Aufenthalts geschehen seltsame und unerklärliche Dinge auf der Insel. Immerhin gibt es keine Toten. Zumindest noch nicht …

Ich hatte mich sehr auf diesen Krimi gefreut. Die Story hört sich bekannt, aber nicht weniger vielversprechend an. Daraus kann man als guter Autor eine Menge machen. So viel, dass der Leser von Anfang bis Ende gefesselt ist von der Geschichte. Doch leider macht die Dänin Leonora Christina Skov genau das Gegenteil. Sie hat von Anfang bis Ende große Langeweile in das Haus aus Glas einziehen lassen. Das liegt auch an den zahlreichen Rückblenden. Was gar kein Fehler wäre, wenn man die denn spannend gestalte würde, doch das tut Skov nicht. Im Grunde hätte man die Story auf 200 Seiten erzählen können, dann wäre sie, in dieser Art, zumindest etwas spannend gewesen, aber durch Skovs Erzählweise wird jede aufkeimende Spannung sofort wieder abgewürgt.

btb, 416 Seiten; 10,00 Euro


Rüdiger Barth und Hauke Friederichs

daumen rauf

Die Totengräber

Die TotengräberNovember 1932, die Weimarer Republik taumelt. Die Wirtschaft liegt am Boden und auf den Straßen toben Kämpfe zwischen Linksextremisten und Rechtsradikalen. Wenige Männer entscheiden in den kommenden Tagen über das Schicksal der Deutschen. Hitler will die ungeteilte Macht, Goebbels spuckt Gift und Galle, Reichskanzler Franz von Papen zögert zurückzutreten, General Kurt von Schleicher sägt an dessen Ast. Sie alle fintieren, drohen, täuschen und umgarnen den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Es beginnt ein dramatischer Kampf um die Macht.

Mit „Die Totengräber“ ist dem Autorenduo Rüdiger Barth und Hauke Friederichs ein Doku-Krimi gelungen, der einen von der ersten Seite an fesselt! Ich habe schon zahlreiche Werke über die Zeit vor dem Beginn des 2. Weltkriegs in den letzten zehn Jahren auf denglers-buchkritik.de besprochen, aber bei keinem war dieses Zeitfenster so detailliert und spannend geschildert wie in „Die Totengräber“. Und wer genau liest wird feststellen, dass das aktuelle politische Klima nicht wenige Überschneidungen mit der damaligen Zeit aufzuweisen hat. Das Buch ist aufgeteilt in fünf große Kapitel: „Der Sturz“ (17. November bis 1. Dezember 1932), „Der Plan“ (2. bis 15. Dezember), „Stille Nacht“ (16. Dezember bis 1. Januar 1933), „Im Strudel“ (2. bis 29. Januar 1933) und „An die Macht“ (30. Januar 1933).

S. Fischer, 410 Seiten; 24,00 Euro


Pierre Lagrange

daumen rauf

Mörderische Provence

Mörderische ProvenceCommissaire Albin Leclerc bekommt einen Anruf. Ein alter Freund bittet ihn um Hilfe, denn dessen Tochter Isabelle ist verschwunden. Albin begibt sich gemeinsam mit seinem Mops Tyson auf Spurensuche. Hinweise führen ihn zu einem provenzalischen Schlosshotel. Undercover bei einem berühmten Sternekoch, kommt Albin im Hotel einem fiesen Komplott auf die Schliche. Bald schon findet er eine siedend heiße Spur. Dabei macht er eine grauenhafte Entdeckung.

 

Nach den prächtigen ersten beiden Fällen für Commissaire Albin Leclerc „Tod in der Provence“ und „Blutrote Provence“ lässt Pierre Lagrange nun den dritten Band seiner Reihe folgen. „Mörderische Provence“ hat alles, was man sich von dieser Provence-Krimireihe verspricht – einen sehr spannenden Fall, tolle Charaktere, eine berauschende Umgebung und einen eigenwilligen Charme. Wie kann man diesem Krimi widerstehen?

Scherz, 423Seiten; 14,99 Euro


Guadalupe Nettel

daumen rauf

Nach dem Winter

Nach dem Winter

Claudio ist Lektor in einem Verlag und lebt seit vielen Jahren in New York, nachdem ihn der tragische Verlust seiner ersten großen Liebe aus seiner Heimatstadt Havanna vertrieben hat. Cecilia studiert in Paris. Seit ihrer Kindheit in Mexiko hat sie ein besonderes Faible für Friedhöfe und liebt es, zwischen den Gräbern des Père-Lachaise spazieren zu gehen. Als Claudio und Cecilia sich über gemeinsame Freunde in Paris kennenlernen, verlieben sie sich ineinander, obwohl sie beide in andere Beziehungen verwickelt sind. Über die Distanz hinweg tauschen sie E-Mails, Gedanken, selbst zusammengestellte Musikcompilations aus. Doch als Cecilia nach New York fliegt, um Claudio zu besuchen, entwickelt sich ihre Beziehung ganz anders als erwartet ...

Es gibt so Liebesgeschichten, die verzaubern einen. „Nach dem Winter“ von der mexikanischen Autorin Guadalupe Nettel ist so eine davon. Sie verzaubert, weil sie so nah am Leben, so ehrlich, unprätentiös, so ohne die große Romanik ist, denn das Leben hält einfach oft andere Gradmesser bereit, als das, was man sich erträumt, oder in rosagefärbten Liebesromanen zu lesen und in lustigen Liebeskomödien zu sehen bekommt.

Blessing, 348 Seiten; 22,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Nina Laurin

Escape – Wenn die Angst dich einholt

Escape mp3

Eigentlich hat Laine Moreno längst aufgegeben. Seit zehn Jahren versucht die 23-Jährige zu vergessen, was man ihr angetan hat: Wie sie als Kind entführt und drei Jahre lang missbraucht wurde, bis ihr hochschwanger die Flucht gelang. Dass man ihren Peiniger nie gefasst hat, weil sie sich nicht erinnern konnte. Dass ihre Tochter zur Adoption freigegeben wurde. Doch eines Tages sieht Laine auf einem Vermisstenplakat der Vergangenheit mitten ins Gesicht: Die Gesuchte – Olivia Shaw, 10 Jahre alt – ist praktisch ihr Ebenbild. Um Olivia zu retten, muss Laine sich ihren Dämonen stellen – und einer Wahrheit über die Entführung, die sie zerstören könnte.

Die Kanadierin Nina Laurin hat mit „Escape“ einen Psychothriller geschrieben, der nicht dem Mainstream folgt! „Escape“ konzentriert sich praktisch komplett auf die Hauptfigur Laine Moreno, das, was ihr als Kind zugestoßen ist, das, was sie danach hat alles verarbeiten müssen, wie sie heute lebt und wie sie mit dem neuen Schock umgeht, das wieder ein kleines Mädchen entführt worden ist. Ihre Tochter, die sie mit ihrem nie gefunden Entführer gezeugt hatte. Das alles klingt sehr intensiv, ist es auch. Die großen Thrillermomente darf man nicht erwarten, aber dafür eine perfekt ausgearbeitete Frauenfigur, dessen Seele einen Balanceakt zwischen Hölle und Himmel beschreitet. Dieser außergewöhnlichen Psychothriller wird außergewöhnlich gut gelesen von Julia Nachtmann. Sie geht voll in der Figur der Laine Moreno auf. Sie wird zu der Figur und als Zuhörer ist man davon fasziniert. Hörprobe

Escape



Auch als Paperback erhältlich bei Knaur, 14,99 Euro.

Der Hörverlag, 1 MP3 CD, 530 Minuten; 14,99 Euro


Denglers-buchkritik.de

Kolumne vom 2.07.2018 - Nr.515


Andreas Föhr

daumen rauf

Eifersucht

Eifersucht

Judith Kellermann, die Mandantin von Anwältin Rachel Eisenberg soll ihren Lebensgefährten, Eike Sandner aus Eifersucht in die Luft gesprengt haben. Als Reste des verwendeten Sprengstoffs bei ihr gefunden werden, liefert Kellermann eine abenteuerliche Erklärung: Ein geheimnisvoller Ex-Soldat soll den Mord begangen und die Beweise manipuliert haben. Doch der Mann ist seit der Tat verschwunden. Niemand scheint ihn zu kennen. Existiert er nur in Kellermanns Phantasie? Falls nicht: Wer ist der Unbekannte und was treibt ihn an?

Bestsellerautor Andreas Föhr ist ja bekannt für seine Krimis um das Ermittlerduo Wallner & Kreuthner. Letztes Jahr begann er eine neue, ganz andere Krimireihe. Nach dem großartigen Einstand „Eisenberg“ legt er nun den zweiten Fall „Eifersucht“ für die taffe Münchner Anwältin Rachel Eisenberg vor. Andreas Föhr war selbst jahrlang als Jurist tätig, das merkt man seiner Arbeit an den bisher zwei Romanen um Rachel Eisenberg an. Sie sind gespickt mit Genauigkeiten des Justizsystems. „Eifersucht“ wartet mit einem undurchsichtigen Fall auf, der zahlreiche Überraschungen und Wendungen parat hält. Rachel Eisenberg ist zudem eine interessante Figur, von der man in den nächsten Jahren noch viel mehr erfahren möchte. Die Justiz-Krimis um Rachel Eisenberg haben hohes Suchtpotenzial! Bitte mehr davon. Dringend, und ganz, ganz schnell!

Eifersucht hörAuch als Hörbuch erhältlich bei Argon Hörbuch. Man kennt ihn, man liebt ihn, den Sprecher Michael Schwarzmaier. Er klingt immer noch im Ohr, von den vorherigen Andreas-Föhr-Kriminalromanen. Auch den Neuen liest er wieder tadellos, so wie man es kennt und liebt. 19,95 Euro. Hörprobe

Knaur, 427 Seiten; 14,99 Euro


Lucy Fricke

daumen runter

Töchter

Töchter

Martha und Betty kennen sich seit zwanzig Jahren und sie entscheiden sich fürs Durchbrettern - mit einem todkranken Vater auf der Rückbank. Vor sich haben sie das Ziel, von hinten drängt das nahende Unglück. Es beginnt eine groteske Reise Richtung Süden, durch die Schweiz, Italien, bis nach Griechenland, immer tiefer hinein in die Abgründe der eigenen Geschichte.

Ich hatte mir von diesem Roman viel versprochen, leider konnte er meinen Erwartungen nicht standhalten. Zu Anfang hat die Geschichte noch das, was ich mir von ihr versprach. Eine Art Roadmovie mit überraschenden Momenten und entsprechendem Tiefgang. Doch schon bald kommt die Geschichte immer mehr in schwieriges Lesefahrwasser. Sie wirkt öde, langweilig, selbstverliebt und gar nicht mehr überraschend. Die Figuren beginnen einen auch immer mehr zu nerven. Und lachen, wie andere Kritiker schrieben, konnte ich bei diesem Buch nicht ein einziges Mal. Doch mir hätte das Buch schon zuvor eine Warnung sein sollen, denn es wurde von Denis Scheck gelobt (Das ist einer der wenigen deutschen Romane, der mir die Lachtränen in die Augen treiben konnte). Dem ARD-Literaturkritiker, der einst über Deutschlands Superautor Sebastian Fitzek sagte: Ein talentloser, klischeeverhafteter und dummer Autor, der die Nulllinie der deutschen Gegenwartsliteratur markiere. Mit der Kritik zu diesem Buch – und vielen anderen Büchern – beweist Denis Scheck, dass er ein talentloser, klischeehafter und – mit Verlaub – dummer Literaturkritiker ist, der die Nulllinie der deutschen Literaturkritik markiert.

Rowohlt, 237 Seiten; 20,00 Euro


Guillaume Musso

daumen rauf

Das Atelier in Paris

Das Atelier von ParisEin abgelegenes kleines Atelier am Ende einer Allee, mitten in Paris: Hier hat sich die Londoner Polizistin Madeline eingemietet, um eine Weile abzuschalten. Doch plötzlich sieht sie sich Gaspard gegenüber, einem mürrischen amerikanischen Schriftsteller. Offenbar gab es einen Irrtum, denn auch er hat das Atelier gemietet, um in Ruhe schreiben zu können. Der Ärger legt sich, als die beiden erkennen, an welch besonderen Ort sie geraten sind. Das Atelier gehörte einst einem gefeierten Maler, von dem aber nur noch drei Gemälde existieren sollen – alle drei verschollen und unermesslich wertvoll. Als sie sich gemeinsam auf die Suche nach den Bildern begeben, wird ihnen schnell klar, dass den Maler ein grausames Geheimnis umgibt …

Letzte Woche habe ich das neue Buch von Jean-Christoph Grangé besprochen, der Eminenz des französischen Thrillers, der seit über zwei Jahrzehnten die perfekten Thriller schreibt. Guillaume Musso ist ein anderer hochkarätiger französischer Autor von Weltrang! Er schreibt seit über einem Jahrzehnt einen magischen Bestseller nach dem anderen. Magisch? Ja, seinen Geschichten wohnt immer eine bestimmte Magie inne. So auch seinem neuen Roman „Ein Atelier in Paris“. Drama, Krimi, Liebesroman, Guillaume Musso versteht es, die Genres spielerisch miteinander zu verbinden. In „Ein Atelier in Paris“ trifft man mit Madeleine Greene auch eine alte Bekannte wieder, die schon in „Nachricht von dir“ eine Hauptrolle spielte. Die Kunst, Musso beschreibt sie so, dass man sie sehen, spüren, einatmen kann. Mit leichten Worten erschafft er das Künstlerische dieses Romans. Das Finden, um das geht es vor allem in der Geschichte. Alle Figuren suchen etwas. Guillaume Musso ist ein Künstler von einem Autor!

Das Atelier von Paris cd
Auch als Hörbuch erhältlich bei Osterwold Audio. Gelesen von der jungen Stimme des Richard Barenberg. Jung, frisch und er darf gerne mehr Lesungen seine Stimme geben. 19,99 Euro. Hörprobe

Pendo, 464 Seiten; 16,99 Euro


Jay Kristoff

Das Spiel – Nevernight 2

Das Spiel Nevernight 2Nachdem Mia einen der Männer umgebracht hat, die für die Zerstörung ihrer Familie verantwortlich sind, bleiben noch zwei über: Kardinal Duomo und Konsul Scaeva. Beide sind jedoch vor der Öffentlichkeit abgeschirmt und für Mia unerreichbar. Schlimmer noch: Die Rote Kirche selbst scheint Scaeva zu schützen. Um an ihn heranzukommen, geht Mia ein großes Risiko ein: Sie kehrt der Kirche den Rücken und begibt sich selbst in die Sklaverei, um als Gladiatorin an den Großen Spielen in Gottesgrab teilzunehmen. Mia merkt schnell, dass sie diesmal zu weit gegangen ist, denn auf dem blutigen Sand der Arena gibt es keine Gnade und nur eine Regel: Ruhm und Ehre – oder Tod.

Eine Fantasy-Story, die einen aus den Schuhen hebt! Jay Kristoff schreibt rotzfrech, eiskalt und megaspannend! „Nevernight“ ist eine Fantasy-Saga, die sich aus der Masse der Erscheinung abhebt. Mia eine dunkle Heldin, mit der man als Leser leidet und kämpft. „Das Spiel“ ist nach „Die Prüfung“ der zweite Teil der Saga.

Tor, 700 Seiten; 22,99 Euro


Dan Josefsson

Der Serienkiller, der keiner war

Der Serienkiller der keiner war

Schweden, 1991: Sture Bergwall, ein homosexueller Drogenabhängiger und Kleinkrimineller, wird in die geschlossene psychiatrische Einrichtung Säter eingewiesen. Dort macht er eine Therapie und wird mit Psychopharmaka behandelt. Im Zuge der Behandlung glaubt er, sich an schlimme Traumata aus seiner Kindheit zu „erinnern“ und gesteht, als monströser Serienkiller Thomas Quick mehr als 30 Opfer vergewaltigt und getötet zu haben. Fast 20 Jahr später stellte sich heraus: seine Geständnisse waren frei erfunden. Seine Motive: verschreibungspflichtige Drogen, Geltungsbewusstsein und der Einfluss seiner Therapeutin und deren Zirkel, die glaubten, mit diesem Fall Geschichte schreiben zu können.

Ein Buch wie ein K.O.-Schlag für die Psychotherapie! „Der Serienkiller, der keiner war“ zeigt die Mängel im System der Psychoanalyse auf. Auch ein Therapeut ist nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, und wenn man an die oder den Falschen gerät, dann kann man ganz schnell in die Mühlen des Systems gelangen, und man kann sich dann nur sehr schwer wieder daraus befreien. Es gibt leider zahlreiche solcher Fälle weltweit, der des Schweden Sture Bergwall ist absolut angsteinflößend. Wer sich für die Psychotherapie interessiert, der sollte dieses Buch unbedingt lesen!

btb, 591 Seiten; 12,00 Euro


Hörbuch der Woche

daumen rauf

Vitu Falconi

Das korsische Begräbnis

Das korsische Begräbnis hör

Ein Mann kommt bei der Wildschweinjagd zu Tode – allerdings nicht durch das Schwein. Ein Schriftsteller stellt Fragen zu seiner Familie - und gerät dabei in eine jahrhundertealte Blutfehde. Und er trifft auf eine verschlossene junge Frau, die ihn als einzige vor einem furchtbaren Schicksal bewahren kann. Willkommen auf Korsika, mit einer Landschaft so archaisch, so wild und ungezähmt wie seine Menschen. Wo Millionen von Touristen ebenso zum Alltag gehören wie geheimnisvolle Rituale, Vendetta und Gewalt.

Ein neuer Krimiautor. Vitu Falconi. Aus Italien. Dachte ich. Denn es ist alles ganz anders. Vitu Falconi ist das Pseudonym von Bestsellerautor Thomas Thiemeyer, der sich mit dieser Krimireihe um den Autor Eric Marchand einen Traum erfüllt. Denn Thiemeyer liebt Korsika, und so verbindet er seine Liebe zu dieser Insel mit dem Drang ein anderes Genre, das des Kriminalromans zu beschreiten. Schon nach wenigen Seiten bzw. Tracks ist klar, der Mann versteht sein Handwerk, Vitu Falconi kann kein „Anfänger“ sein, was man nun ja auch weiß. „Das korsische Begräbnis“ ist ein Krimi a la Carte! Die korsische Atmosphäre hat Vitu Falconi grandios eingefangen, die Charaktere sind ihm ausgezeichnet gelungen, die Story steckt voller intensiver Momente. Bravo! Die bekannte Synchronstimme des Sascha Rotermund rundet diesen Krimi á la Carte mit seiner charismatisch-männlichen Stimme perfekt ab. Hörprobe

Das korsische Begräbnis



Auch als Paperback erhältlich bei Knaur, 14,99 Euro.

Argon Hörbuch, 6 CDs, 461 Minuten; 19,95 Euro


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